Der Bundesinnenminister wird bei "maischberger.die woche" persönlich und lobt die Bundeskanzlerin aus vollen Tönen. Für den Streit sind dieses Mal ausnahmsweise die Kommentatoren zuständig.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

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Das Team von Sandra Maischberger hat am Mittwoch ein glückliches Händchen bewiesen. Die aktuellen Diskussionen um Lockerungen der Corona-Maßnahmen haben sich in dieser Woche auf die Frage konzentriert, wann die Grenzen wieder öffnen. Passenderweise ist bei "maischberger.die woche" abends der zuständige Minister zu Gast: Sandra Maischberger kündigt Horst Seehofer sogar als "Mann der Woche" an.

Neues hat der Bundesinnenminister zwar nicht zu verkünden. Den meisten Zuschauern dürfte schon bekannt sein, dass die deutschen Grenzen Mitte Juni wieder weitgehend öffnen könnten. Dafür erzählt er aber aus seiner eigenen Krankengeschichte – und das ist nicht weniger interessant.

Wer sind die Gäste bei "maischberger.die woche"?

Annalena Baerbock: Die Coronakrise lege gesellschaftliche Probleme offen, ist die Grünen-Vorsitzende überzeugt. Etwa die Rolle der Frau. Wer zu Hause ständig für die Kinderbetreuung zuständig sei, habe zum Beispiel keine Zeit, sich bei Videokonferenzen einzubringen. "Wenn's hart auf hart kommt, fällt man ganz schnell in alte Rollenmuster zurück."

Horst Seehofer: Der Bundesinnenminister macht den Deutschen Hoffnung, dass der Sommerurlaub noch nicht gestorben ist: "Ich bin zuversichtlich, dass wir am 15. Juni die Grenzkontrollen beenden können." Voraussetzung sei aber, dass die Infektionszahlen hierzulande und bei den europäischen Nachbarn weiter zurückgehen.

Ulrich Wickert: "Mir ist bei dieser Geschichte gar nicht wohl", sagt der frühere Moderator der ARD-Tagesthemen über die aktuellen Lockerungen nach dem Lockdown: In Hamburg seien schon wieder viele Menschen am Elbstrand und auf den Alsterwiesen unterwegs. "Sie sind schon ein bisschen undiszipliniert."

Mathias Richling: Der Kabarettist geht dagegen hart mit dem Lockdown ins Gericht: Er kenne zwei Unternehmer, die sich wegen der Beschränkungen umgebracht haben, behauptet Richling – und fragt: "Ist es richtig, die Wirtschaft und Gesellschaft zu ermorden, damit wir möglichst wenig Corona-Tote haben?"

Pia Heinemann: Die Wissenschaftsjournalistin der "Welt" findet es falsch, Grippe- und Corona-Tote miteinander zu vergleichen: "Ein Grippevirus kennen wir, und wir haben gegen Grippe Impfstoffe." Über das Coronavirus sei dagegen auch für die Wissenschaft noch vieles völlig unklar.

Was ist der Moment des Abends?

Die Reihenfolge ist geschickt gewählt: Erst fragt Sandra Maischberger den Bundesinnenminister über Corona-Demos und Grenzkontrollen aus. Denn wenn sich ein Politiker erst einmal warmgeredet hat, fällt es ihm vielleicht leichter, über Sache zu reden, über die Politiker nicht so gerne sprechen: Schwäche und Krankheit etwa.

Wie war das mit seiner eigenen Zeit auf der Intensivstation, will Maischberger von Horst Seehofer wissen. Der CSU-Politiker lag 2002 nach einer virusbedingten Herzmuskelentzündung drei Wochen auf der Intensivstation. Er könne sich daher in die Situation von schwererkrankten Corona-Patienten hineinversetzen, sagt Seehofer: "Ich war ja auch ohnmächtig: Ich war der Situation ohnmächtig ausgesetzt." Deswegen sei er auch bei der Corona-Bekämpfung für Strenge und Kompromisslosigkeit.

In der Bundeskanzlerin, die er für ihre Flüchtlingspolitik vor einigen Jahren noch heftig kritisiert hatte, sieht er bei dem Thema eine Verbündete: Für Angela Merkel ist er voll des Lobes. Die mache die Sache gerade exzellent und sei stets so gut vorbereitet wie ihre Minister: "Da brauchen Sie mit oberflächlichem Zeug nicht daherkommen."

Wo Seehofer schon in Fahrt ist, hat er sogar noch einen Schulterklopfer für seinen Rivalen und Nachfolger Markus Söder übrig: "Im Moment läuft das fabelhaft – und da freue ich mich", sagt er über den bayerischen Ministerpräsidenten. Hier kann sich Seehofer eine kleine Einschränkung jedoch nicht verkneifen: "Das heißt aber nicht, dass es in zwei Wochen nicht wieder eine Diskussion geben kann."

Was ist das Rededuell des Abends?

Die beiden Gegenspieler im Studio sind Mathias Richling und Pia Heinemann. Sie fechten stellvertretend den Konflikt aus, der die ganze Gesellschaft gerade beschäftigt. Richling knöpft sich die Wissenschaft vor, besonders das Robert-Koch-Institut: Dessen Chef Lothar Wieler sei erst gegen, dann für das Maskentragen gewesen: "Es ist immer was anderes, und er widerspricht sich pausenlos."

Journalistin Heinemann hätte zwar die Vernunft auf ihrer Seite, tut sich mit ihrer ruhigen, nüchternen Art aber schwer, gegen den aufbrausenden Kabarettisten anzudiskutieren. "Wir kannten dieses Virus nicht, wir kennen es immer noch nicht", sagt sie. Das ist zweifellos richtig – aber auch ein Argument, mit dem man zu entschiedenen Zweiflern der Corona-Bekämpfung nicht mehr durchdringt.

Wie hat sich Sandra Maischberger geschlagen?

Die Stärke der Moderatorin ist das Vier-Augen-Gespräch mit einem einzelnen Gast. Schon seit einiger Zeit fragt sie dabei auffällig hartnäckig – auch an diesem Abend. Die Grünen würden doch in elf Bundesländern mitregieren und könnten bei den Kita-Öffnungen mitreden, hält sie zum Beispiel Grünen-Chefin Baerbock geschickt vor, als diese sich über zu wenig Kinderbetreuung ärgert.

Allerdings hört sich Maischberger offenbar selbst ein bisschen zu gerne fragen. Immer wieder bleiben Horst Seehofer oder Annalena Baerbock in Halbsätzen stecken, weil die Moderatorin ständig dazwischen grätscht. Um typische Politfloskeln zu vermeiden, ist das hilfreich. Manchmal würde man aber auch Politikern gönnen, dass sie ihre Sätze einfach mal zu Ende führen dürfen.

Was ist das Ergebnis?

Auch Politiker sind nur Menschen. Das ist keine Überraschung, wird in dieser Sendung aber besonders deutlich. Seehofer übt Selbstkritik und sagt über seinen früheren Disput mit Angela Merkel: "Wahrscheinlich habe ich mich verbessert." Auch Grünen-Chefin Annalena Baerbock gibt zu, sie habe gerade dazugelernt: Früher habe ihre Partei das Homeoffice propagiert. Jetzt merke sie selbst, dass es gerade nicht funktioniere, zu Hause zu arbeiten und gleichzeitig die Kinder zu betreuen: "Mir steht's definitiv hier", sagt Baerbock und hält ihre Hand über die Stirn.

Was an diesem Abend aber fehlt, ist eine gepflegte, engagierte politische Diskussion. In den vergangenen Wochen hatten sich noch Reiner Calmund und Peter Lohmeyer beziehungsweise Christian Lindner und Karl Lauterbach einen Schlagabtausch geliefert. Wenn nur die Gastgeberin persönlich mit ihren Gästen rauft, ist das ein schwacher Ersatz.

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