Bei "Hart aber fair" lädt Frank Plasberg zur Corona-Weihnachtsplanung. Besinnliche Stimmung will aber ganz und gar nicht aufkommen: Berlins Bürgermeister wirbt für Vorsicht unterm Weihnachtsbaum, TV-Moderatorin Charlotte Würdig regt sich über Impfgegner auf.

Eine Kritik
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Wisst Ihr noch, wie es voriges Jahr am Heiligabend war? Eigenverantwortung hieß zu den Festtagen 2020 das Zauberwort. Für einige Tage wurden die Kontaktbeschränkungen gelockert, damit sich mehr als nur fünf Personen aus zwei Haushalten treffen konnten.

In diesem Jahr wird es einfacher – solange nur Geimpfte und Genesene gemeinsam feiern. Kommen Impfmuffel ins Spiel, ist der Familienfrieden allerdings ernsthaft in Gefahr. Ganz zu schweigen davon, dass nicht nur das Christkind vor der Tür steht, sondern auch Omikron. "2G unterm Christbaum: Wie wird aus dieser Weihnacht noch ein Fest?", fragt deshalb Frank Plasberg am Montagabend im Ersten bei "Hart aber fair".

Für Kopfschütteln sorgen in der Runde die Wortmeldungen einiger Zuschauer im Gästebuch der Sendung – vor allem Moderatorin Charlotte Würdig, Ex-Frau von Rapper Sido, verliert fast die Fassung.

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Das sind die Gäste bei "Hart aber fair"

Noch ganz in der Rolle als Landesvater, appelliert der scheidende Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) an die Zuschauer, den "ungeimpften Onkel" mit guten Argumenten von der Impfung zu überzeugen. Zur Not stellt der Staat die Rute bereit: "Die neuen Regeln erzeugen einen gewissen Druck."

Die TV-Moderatorin Charlotte Würdig hat ihre Corona-Erkrankung trotz zweifacher Impfung als "Schock" erlebt. Die Alleinerziehende habe sich mit ihren beiden Söhnen "allein gelassen" gefühlt, das Gesundheitsamt konnte nicht helfen, eine Hotline gibt es nicht: "Warum sind wir so schlecht aufgestellt?"

Hermann Hutter, Vizepräsident des Handelsverbandes Deutschland, legt den Finger in die nächste Wunde: die schlechte Kommunikation der Corona-Regeln. "Das Wirrwarr an Regeln (…) versteht keiner mehr. So können wir die Leute nicht mitnehmen."

Eine "Kommunikation von oben herab" kritisiert die Gesundheitspsychologin Monika Sieverding von der Universität Heidelberg. Das Hauptproblem allerdings sei: "Wir wissen nicht, wie lange es noch dauert. Das zermürbt."

Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund rät strikt davon ab, auf eine spezielle Omikron-Impfung zu warten: "Bis dahin ist März, also lieber jetzt boostern." Das verbessere auch bei der neuen Variante den Schutz vor einer schweren Infektion.

Das ist der Moment des Abends

Es ist eben so eine Sache mit Michael Müllers Versuch, den ungeimpften Onkel beim netten Plausch von einer Impfung zu überzeugen: Gerade im engsten Familienkreis fliegen die Fetzen schonmal im Überschalltempo, für Argumente bleibt da wenig Platz. Und was soll man erst mit denen tun, die sich eh schon in eine Parallelwelt verabschiedet haben?

Frank Plasberg präsentiert zwei Beispiele aus dem Gästebuch von "Hart aber fair": Eine Frau will "auf natürlichem Wege" krank werden, statt sich impfen zu lassen; und ein Mann schreibt, er sei froh über seine Infektion, weil er bei einer Impfung "vielleicht schon tot" wäre.

Immunologe Watzl qualifiziert sich mit seiner Reaktion als Mediator für Familienfehden am Gabentisch: Diese Menschen würden einfach "falsch gewichten", erklärt der Wissenschaftler nüchtern. "Die Impfung ist um ein Vielfaches sicherer als die Infektion."

Im Hause Würdig würde dagegen der Weihnachtsbaum brennen. "Mir wird kotzübel", kommentiert die Moderatorin die Postings der Impfgegner. "Ich verstehe nicht, was bei diesen Menschen los ist (…). Das ist brandgefährlich."

Das ist das Rede-Duell des Abends bei "Hart aber fair"

Das kommt davon, wenn man Wissenschaftler einlädt: Es wird auch schonmal grundsätzlich. Und die schöne Umfrage, laut der rund die Hälfte der Deutschen zu Weihnachten die Corona-Regeln brechen würden, für null und nichtig erklärt.

In geradezu nervenzerfetzender Ruhe nimmt Gesundheitspsychologin Monika Sieverding die entsprechende Studie der Bundeswehr auseinander, auf die sich Frank Plasberg mehrmals beruft.

"Interessant", ruft der missmutige Moderator die Forscherin zur Ordnung, er würde gern weitermachen, aber Sieverding ist noch nicht fertig mit ihrer Lektion: "Ja, Sie müssen sich das mal im Original anschauen." Plasberg raunt, er habe das ja verstanden, aber welchen Schluss solle er nun aus der Studie ziehen? Kurze Antwort: Gar keinen.

Einige Minuten später kommt Plasberg auf die sinkenden Zahlen der Erstimpfungen pro Woche zu sprechen – und auch hier verweigert sich Sieverding Plasbergs These. "Das ist doch nur ein Teil der Geschichte", sagt die Gesundheitspsychologin.

Wenn man Anfang November als Ausgangspunkt nehme, sehe man keinen Rückgang, sondern noch immer eine Verdopplung der Erst-Stiche. "Sie nehmen sich Zahlen heraus, die einen Rückgang anzeigen (...). Sie konzentrieren sich auf negative Nachrichten. Aber die Leute brauchen positive Nachrichten."

Aber Plasberg wäre nicht Plasberg, würde er nicht das letzte Wort behalten: "Ich bin dagegen, Statistiken pädagogisch sinnvoll zu interpretieren."

Hinweis: Die Studienautoren der von Frau Sieverding kritisierten Studie haben die Kritik zurückgewiesen. In dieser Stellungnahme geht Studienleiter Philipp Rauschnabel darauf ein.

Das ist das Ergebnis

Das Positive betonen – damit stößt Sieverding bei Michael Müller auf offene Ohren. Dank der Impfung und der Maßnahmen stecke das Land trotz 400er-Inzidenz nicht im Lockdown: "Das wäre undenkbar gewesen vor einem Jahr."

Der SPD-Mann ruft in Erinnerung, was alles funktioniert hat, was die Politik und die Bürger gemeinsam gelernt hätten: Masken tragen, Abstand halten, große Gruppen vermeiden. Das sei auch der richtige Weg für die Weihnachtsfeiertage.

Im neuen Jahr wartet allerdings Omikron. Immunologe Carsten Watzl empfiehlt dagegen die Impfung, auch für Kinder. Seine eigenen Söhne, zwischen 12 und 18 Jahre alt, seien bereits geimpft. "Und wenn ich ein jüngeres Kind hätte, wäre es jetzt auch geimpft."

Die Vorbehalte der Ständigen Impfkommission erklärten sich daraus, dass sehr selten Entzündungen des Herzmuskels auftreten könnten – mit Betonung auf den Konjunktiv. Die Daten aus den USA, wo fünf Millionen Kinder geimpft sind, würden bislang keinen Hinweis darauf geben: "Wenn diese Daten ausgewertet sind, kann die Stiko die Hinweise ergänzen."

Das passende Schlusswort zur letzten "Hart aber fair"-Ausgabe des Jahres aber gehört Handelsvertreter Hermann Hutter. Was er sich zu Weihnachten wünsche, will Plasberg vom Familienvater wissen. Die Antwort kommt mit einem Seufzer: "Eine ruhige Zeit, in der man sich mal mit etwas anderem beschäftigen kann." Amen.

Klinikverband fordert Beschränkungen für Ungeimpfte - aber keinen Lockdown

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hält ein völliges Herunterfahren des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens vorerst nicht für nötig, um eine Überlastung der Kliniken in der Corona-Pandemie zu verhindern. "Ein Lockdown für alle ist in der jetzigen Situation zumindest aus unsere Sicht nicht erforderlich, aber konsequente Kontaktbeschränkungen insbesondere für die Ungeimpften", sagte der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Vorschaubild: picture alliance