Das nächste Puzzlestück im Zerren um die Ukraine fügt sich ins Bild: Nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen prorussischen und proukrainischen Kämpfern in ostukrainischen Städten scheint es nur eine Frage der Zeit, bis eine erneute "Hilfsaktion" der russischen Streitkräfte Fakten schaffen wird. Auch diesmal bleibt die Rolle des Westens vermutlich wieder auf die eines Zuschauers beschränkt. Wer sind in diesem Konflikt die wahren Kriegstreiber?

Im Gegensatz zur Entwicklung der Situation auf der Krim gibt es im Fall der Ostukraine einen entscheidenden Unterschied: Die Rolle der ukrainischen Übergangsregierung. Denn während die ukrainischen Streitkräfte auf der Krim noch tatenlos zusahen und weitgehend widerstandslos das Feld räumten, wenn prorussische Einheiten Flagge hissten oder nach dem Referendum öffentliche Gebäude übernahmen, scheint es, als werde ein möglicher Machtwechsel dieses Mal nicht so reibungslos über die Bühne gehen.

Bis um 8:00 Uhr morgens am 14. April hatte die Regierung in Kiew den prorussischen Demonstranten Zeit gegeben, die besetzten Regierungsgebäude in mehreren Städten im Osten des Landes zu räumen. Diese ließen das Ultimatum aber verstreichen. Bereits in der Nacht zum Montag war es unter anderem in Charkow, aber auch in zahlreichen anderen Orten der Region zu blutigen Zusammenstößen gekommen. "Russia Today", zugleich Nachrichtenagentur und internationales Sprachrohr der russischen Regierung, wiederholte währenddessen die Vorwürfe der russischen Seite: Etwa, dass Kiew rechtsnationale Gruppierungen in die Unruhregion entsendet haben soll, um die Auseinandersetzungen zu schüren. Die Regierung der Ukraine wirft indessen der russischen Seite vor, die Eskalation zu befeuern und will eine weitere Einmischung Russlands nicht länger hinnehmen.

Auch auf internationalem Parkett ist die Lage ähnlich: So sprach der US-Außenminister John Kerry von "russischen Provokateuren und Agenten" als Strippenzieher - hinter der Eskalation stehe vor allem Russland. Ähnlich äußerte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, dem zufolge es "viele Anzeichen" dafür gebe, dass Russland die Unruhen in der Ukraine schüre. Russland verweist hingegen immer wieder auf die rechtsnationalistischen Kräfte in der Ukraine als die wahren Kriegstreiber und seine Pflicht, das Leben russischer Bürger im benachbarten Ausland zu schützen. Längst vergessen geglaubte Gräben zwischen Ost und West reißen wieder auf.

Nur eine Frage der Zeit

Klar ist jedoch bei nüchterner Betrachtung, dass sich nach dem Anschluss der Krim auch in der Ostukraine die russische Vorgehensweise wiederholt. Und dass jeder Tropfen vergossenen Blutes in der Region einer Angliederung der Ostukraine an Russland in die Hände spielt. Legitimiert von den blutigen Auseinandersetzungen erscheint eine erneute Invention Russlands im Nachbarland nur eine Frage der Zeit - ob mit vorherigem Referendum oder ohne, wird sicher auch von der Härte der Auseinandersetzung abhängen.

Doch obwohl das ukrainische Militär kaum in der Lage sein wird, etwas gegen den übermächtigen Bruder im Osten auszurichten, ist bereits jetzt offensichtlich, dass die Ostukraine für Wladimir Putin nicht so leicht zu haben sein wird wie die Krim. Der Widerstand aus Kiew wird vermutlich härter ausfallen.

Zumindest aus macht- und geopolitischer Sicht scheint die "Angliederung" der Ostukraine für Russland indes fast unumgänglich. Denn ohne einen Landweg zu den neu erworbenen Gebieten auf der Krim wäre die Halbinsel auf lange Sicht eine schwere finanzielle Hypothek: Von der Energie bis hin zu Lebensmitteln müsste alles über ukrainisches Staatsgebiet in die Exklave geliefert werden.

Die politische Hypothek, die Russland in politischer Hinsicht aufgenommen hat, ist jedenfalls schon jetzt enorm. Das Verhältnis zur Ukraine dürfte auch ohne weitere Interventionen auf Jahrzehnte hin vergiftet sein, mit der Krim als ewigem Zankapfel. Auch die Folgen für die europäische Sicherheitspolitik sind bislang unabsehbar: Klar ist, dass sich EU und Nato künftig im Umgang mit Russland neu positionieren werden. Wohin diese Entwicklung führen wird, ist völlig offen.

Und obwohl für viele Beobachter vor allem Russland die Kraft ist, die die Auseinandersetzungen befeuert und die auch zumindest scheinbar am meisten zu gewinnen hat, steht eines bereits fest: Auf lange Sicht kann es in diesem Spiel nur Verlierer geben.