Als ehemaliger Anchorman ist es David Sassoli gewöhnt, vor der Kamera zu stehen. In Zukunft wird er sich dort wieder häufig wiederfinden, allerdings in einer völlig unverhofften Rolle: Der Italiener ist neuer Präsident des EU-Parlaments. Die Wahl des Sozialdemokraten lässt die Regierung in Rom vor Wut schäumen. Doch wie man Sassoli kennt, wird er sich davon kaum beeindrucken lassen.

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In Italien kennt fast jeder David Sassoli, zumindest sein Gesicht. Denn wenn man so möchte, ist Sassoli das Pendant zum deutschen "Mr. Tagesthemen" Ulrich Wickert. Er hat jahrelang die Hauptnachrichtensendung des halbstaatlichen Fernsehsenders RAI Uno moderiert, der quasi die ARD Italiens ist.

Jetzt erlangt David Sassoli auch international Aufmerksamkeit, als neuer Präsident des Europäischen Parlaments. Der 63-jährige Sozialdemokrat und frühere TV-Journalist wurde am Mittwoch zum Nachfolger seines konservativen Landsmanns Antonio Tajani gewählt.

"Der Schöne der Linken" gibt sich bescheiden

David Sassoli (offiziell David Maria Sassoli) wurde in Florenz geboren, als Sohn des namhaften Intellektuellen Domenico Sassoli. Von seinem Geburtsort rührt seine Leidenschaft für den AC Florenz her - und das Prädikat "Florentinischer Kennedy". Auch mit Robert Redford wurde Sassoli optisch schon vergleichen. "Il bello della sinistra", den Schönen der Linken, hieß man ihn einst.

Sassoli bildet sich darauf jedoch nichts ein. Auf seine optischen Vorzüge angesprochen sagte er einmal in einem Interview: "Machen Sie sich keine falschen Vorstellungen, ich bin ein Langweiler."

Der Spitzenjob bei der Europäischen Union kam für ihn völlig unverhofft. Erst am Dienstagabend stellte seine Fraktion Sassoli auf - und durchkreuzte damit die Pläne der Staats- und Regierungschefs im großen EU-Personalpoker.

Zweite Karriere als Politiker

Sassoli sitzt seit 2009 im Europaparlament. Nachdem er als Journalist Karriere gemacht hatte, ließ er sich von der sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) als Spitzenkandidat aufstellen und wurde prompt gewählt. Seit 2014 war er einer der 14 Vize-Präsidenten der EU-Abgeordnetenkammer und dabei zuständig für den Haushalt und die Mittelmeer-Politik.

Als Mitglied des Verkehrsausschusses war er zudem Berichterstatter für die europäische Eisenbahnreform. Dass diese nach drei Jahren komplizierter Verhandlungen 2017 unter seiner Ägide abgeschlossen wurde, vermerkt der Italiener nicht ohne Stolz auf seiner Website.

Sassolis gefährliche Gegner

Als Sozialdemokrat gehört er der Opposition in Italien an. Er ist scharfer Kritiker der Regierung von Fünf-Sterne-Bewegung und Lega. Immer wieder hat er deren harte Migrationspolitik angeprangert, ebenso ihre EU-feindliche Haltung.

Kein Wunder also, dass Sassolis Beförderung den Lega-Chef und Innenminister Mattheo Salvini vor Wut schäumen lässt. Sassoli sei "sicherlich nicht mit Stimmen der Lega" gewählt worden, stellte Salvini postwendend auf Facebook klar. Die Entscheidung respektiere das Votum der Italiener nicht, schimpfte er.

Sassoli wird sich davon kaum beeindrucken lassen. Er ist dafür bekannt, für seine linke, europafreundliche und antinationalistische Gesinnung einzutreten und auch vor mächtigen Gegnern nicht zurückzuschrecken.

In jungen Jahren hat sich der überzeugte Katholik für die christliche anti-rechts Organisation "Rosa bianca" engagiert. Als Journalist machte er sich mit investigativen Recherchen einen Namen, befasste sich immer wieder mit der Mafia. Als Vizedirektor von Rai Uno stellte er sich vor jene Journalisten, die dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi unliebsam waren und die dieser mit Repressionen zu piesacken versuchte.

Sassoli: "Bin kein Mann des Rates"

Bis heute arbeitet Sassoli - verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder - als Journalist für verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Er ist auch Mitautor eines Buches über das Vorgehen der italienischen Regierung während der Entführung des Politikers Aldo Moro, der 1978 von den Roten Brigaden ermordet wurde. Sein Hauptaugenmerk aber gilt inzwischen der Politik.

Sassoli stellte klar, dass er seine Wahl auch als Zeichen der Unabhängigkeit des EU-Parlamentes sieht. "Ich bin kein Mann des Rates", sagte er nach seiner Wahl mit Blick auf die Vertretung der Mitgliedstaaten. "Ich komme aus den Reihen des Parlaments." Am Mittwoch versprach er seinen Kollegen ein modernes, transparentes und bürgernahes Parlament. "Nichts ist ohne Menschen möglich, nichts ist dauerhaft ohne Institutionen", zitierte er Jean Monnet, einen der Gründerväter der EU.

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