• Einmal mehr ist Österreich wegen Corona in den Schlagzeilen.
  • Vor allem die Tiroler Hoteliers und ihr Personal könnten zum Gefahrenherd verkommen.
  • Wird der Tourismus hier über die Sicherheit gestellt?
Eine Analyse

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Wer in Tirol vom Wintertourismus lebt und die Corona-Gefahr dennoch ernst nimmt, hat schlechte Karten. Dominik Oberhofer gehört zu dieser Spezies.

Sein Gästehaus in der Landeshauptstadt Innsbruck ist mit einer Auslastung von 15 Prozent fast leer. Daneben betreibt er ein größeres Familienhotel mit 150 Betten im Stubaital, das er vor wenigen Tagen geschlossen hat – aus Sicherheitsgründen. "Wir wollten das Risiko nicht mehr tragen", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Niedrige Impf-Moral unter dem Hotelpersonal

Die Gefahr gehe nicht von den Gästen aus, sondern vom Personal. Denn es sei derzeit kaum möglich, geimpfte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen.

Mehr als die Hälfte der touristischen Fachkräfte in Tirol kommen aus den südöstlichen EU-Ländern, wo die Durchimpfungsrate weitaus geringer ist als in Österreich. Auch viele heimische Arbeitssuchende würden die Spritze verweigern – im Wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. "Wir wollten nur Geimpfte anstellen. Das war nicht möglich", erzählt der Hotelier.

Oberhofer ist eine Ausnahme in Tirol. Die meisten anderen Tourismusunternehmerinnen und Tourismusunternehmer würden die Sache lockerer sehen als er: "Ich kenne persönlich Hoteliers, die sich selbst nicht impfen lassen", sagt er.

Gefahr durch ungeimpftes Personal heruntergespielt

Und auch die Gefahr durch ungeimpfte Bedienstete werde von vielen bewusst herunterspielt. Besonders in den hochpreisigen Tourismusregionen gebe es weiterhin volle Häuser. "Wo es eine hohe Zahlungsbereitschaft und eine exklusive Klientel gibt, ist die Auslastung recht hoch."

Der Hotelier Oberhofer tanzt im tiefschwarzen Tirol auch politisch aus der Reihe. Als Landeschef der kleinen liberalen NEOS-Partei legt er sich immer wieder mit der im Land übermächtigen ÖVP an, die eng mit der Tourismusindustrie verflochten ist.

Neben Landeshauptmann Günther Platter hat besonders der Nationalratsabgeordnete und Skiliftbetreiber Franz Hörl überregionale Bekanntheit erreicht. Seit Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren poltert er gegen die Schutzmaßnahmen der schwarz-grünen Bundesregierung in Wien. Deren Mahnungen zu mehr Vorsicht bezeichnete Hörl schon mal als "Rülpser".

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Tirol: Ein europäischer Corona-Hotspot

Und das, obwohl das vergleichsweise kleine Bundesland zwischen Deutschland und Italien in der Vergangenheit schon zwei Mal eine unrühmliche Rolle als europäischer Corona-Hotspot spielte. Im März 2020 weigerte sich die Landesregierung lange, Bars und Restaurants zu schließen – obwohl die Infektionszahlen durch die Decke gingen.

Vor allem der Tourismusort Ischgl bekam als Corona-Drehscheibe unrühmliche Bekanntheit. Im Jahr darauf ließ Bayern die Grenzen zu Tirol scharf kontrollieren, weil sich von dort aus die damals neue Delta-Variante unter Touristinnen und Touristen stark verbreitete. Und ausgerechnet im 2020 schon als Hotspot bezeichneten Après-Ski-Lokal "Kitzloch" gab es unlängst erneut Corona-Fälle.

Auch in Restösterreich löst Tirol immer wieder Unmut aus. Allerdings ist kein anderes Bundesland so sehr vom Tourismus abhängig. Skifahrerinnen und Skifahrer haben aus der einst bitterarmen, bäuerlich geprägten Gebirgsregion eines der reichsten Bundesländer Österreichs gemacht.

"Alleine die beiden Bezirke Imst und Landeck haben im Winter mehr Nächtigungen als die Schweiz", sagt Oberhofer. Und das, obwohl in ganz Tirol nur 760.000 Menschen leben. Der Hotelier und Politiker schätzt, dass in den ländlichen Regionen rund 80 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt vom Tourismus leben.

Die Gäste aus aller Welt sind die Haupteinnahmequelle Tirols. Daher wird dieser Geschäftszweig von der Politik und den mächtigen Tourismusbetrieben mit Zähnen und Klauen verteidigt – auch auf Kosten der Sicherheit von Personal und Gästen. Besonders groß sei die Ansteckungsgefahr in den Quartieren der Anstellten, erzählt Oberhofer. In den Privaträumen würde kaum jemand eine Maske tragen.

Und das, obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz in Tirol derzeit mit knapp 1.400 Fällen auf 100.000 Menschen fast doppelt so hoch ist wie im Österreich-Schnitt (842; Stand 11.01.). Dass ein Aufschrei des medizinischen Personals bisher ausbleibt, liegt an den tendenziell milderen Verläufen durch die Omikron-Variante. "Seit zwei Wochen gehen die Zahlen sowohl auf der Normalstation als auch auf der Intensivstation zurück", sagt Johannes Schwamberger, Pressesprecher der Tiroler Landeskrankenhäuser, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Vor gut einem Monat, am 9. Dezember, sah die Sache noch anders aus: Damals sei die Zahl der Patientinnen und Patienten noch doppelt so hoch gewesen. "Wir mussten unser Leistungsspektrum damals auf 50 Prozent herunterfahren", sagt Schwamberger. Ein großer Teil der planbaren Operationen musste verschoben werden, weil Corona-Erkrankte die Ressourcen in Anspruch nahmen.

Keine Entwarnung: Besonders für die Après-Ski-Partys

Inzwischen habe sich die Lage weitgehend beruhigt, nun würde man die aufgeschobenen Eingriffe nachholen. Auch die in der Wintersaison üblichen zusätzlichen Fälle durch Skiunfälle ließen sich bewältigen. Das größere Problem seien Personalausfälle, weil viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an COVID-19 erkranken.

Ist die Lage also gar nicht so schlimm? Lässt sich das Festhalten am Wintertourismus in Tirol also womöglich rechtfertigen? Wie in vielen anderen Ländern werden auch in Österreich Stimmen lauter, die für ein "Laufenlassen" der Durchseuchung plädieren.

Die Idee dahinter: Eine überstandene Omikron-Infektion würde zusätzlich zur Impfung zu einer Grundimmunität in der Bevölkerung führen – bei einem relativ gesehen geringen Hospitalisierungsrisiko.

Dass die Verläufe bei Omikron tendenziell milder verlaufen als etwa bei der besonders aggressiven Delta-Variante, bestätigt auch Janine Kimpel, Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Und auch eine relativ hohe Durchimpfungsrate in Österreich und Deutschland würde das Risiko einer Hospitalisierung senken.

Dennoch warnt sie: "Das Risiko für einen schweren Verlauf ist vorhanden. Und noch kann man aufgrund der unklaren Datenlage nicht beurteilen, wie groß die Gefahr für Long COVID ist." Gefragt um eine Einschätzung der Situation in Tirol bleibt sie vorsichtig: "Was den Skitourismus betrifft, sehe ich keine allzu große Gefahr. Wohl aber bei abendlichen Après-Ski-Partys ohne Maske."

Muss von einem Winterurlaub in Tirol also abgeraten werden? Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Angesichts der hohen Zahl an Ungeimpfen beim Personal ist das Risiko einer Ansteckung zweifellos erhöht. Zugleich ist die Gefahr, ernsthaft zu erkranken, gesunken. Nach allem, was wir bisher wissen, ist Omikron weniger gefährlich, vor allem für Menschen, die bereits geimpft sind.

Der liberale Hotelier Dominik Oberhofer bringt es auf eine einfache Formel: "Meiner Erfahrung nach kommen vor allem Leute nach Tirol, die es sich erlauben können, nach dem Urlaub krank zu werden."

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Dominik Oberhofer, Hotelier
  • Telefonat mit Johannes Schwamberger, Pressesprecher Tiroler Landeskliniken
  • Telefonat Janine Kimpel, Virologin
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