Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung schlägt vor, etwa die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland zu schließen. So werde der Anfahrtsweg zwar zum Teil länger, die Versorgung aber besser. Der Vorschlag hat bei Experten und Politikern eine heftige Debatte ausgelöst.

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Die Diagnose klingt hart, der Einschnitt wäre tief. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung raten Experten, von derzeit 1.400 Krankenhäusern nur 600 größere und bessere zu erhalten. Nur Kliniken mit großen Fachabteilungen und vielen Patienten hätten ausreichend Erfahrung für eine sichere Behandlung, lautet ein Hauptargument.

Viele Komplikationen und Todesfälle seien vermeidbar, wenn man Mediziner und Pflegepersonal auf weniger Häuser mit einer Top-Ausstattung konzentriere. Aber kommt es dann zu der bitteren Nebenwirkung, dass Patienten es im ländlichen Raum noch weiter haben bis zur nächsten Klinik als bisher?

Diese Sorge treibt viele um. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das angesprochen, als er bei seiner Tour "Land in Sicht - Zukunft ländlicher Räume" in der Oberlausitz Station machte. Dort wüssten die Menschen, was es heiße, wenn der Weg "zum nächsten Krankenhaus immer weiter wird", sagte das Staatsoberhaupt.

"Kein Konzept, sondern Kahlschlag"

"Es braucht eine gut erreichbare Grundversorgung vor Ort ebenso wie eine Hochleistungsmedizin in der Region", fordert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz. "Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag. Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend", kritisiert er.

Es gehe auch gar nicht immer um komplizierte Operationen. Die Versorgung müsse auch für Patienten sichergestellt werden, die in der Klinik keine Maximaltherapie benötigten. "Das sind vor allem alte, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen" - mehr als 60 Prozent aller Klinikpatienten.

Kritik von der SPD

Der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach kritisiert die Studie ebenfalls: "Der Grundtenor der Studie ist zwar richtig", sagte der Gesundheitsexperte der "Passauer Neuen Presse" (Dienstag). "Aber die Berechnung, dass man bis zu zwei Drittel der Krankenhäuser abbauen könnte, die halte ich für falsch und überzogen."

Er warnte, es dürften nicht die falschen Krankenhäuser geschlossen werden. "Klar ist: Es darf keine Gewinnmaximierung durch Krankenhausschließungen geben." Dringend notwendig sei die Förderung von Krankenhäusern in dünn besiedelten Regionen und auf dem Land.

Schwierigkeiten auf dem Land

In den Städten wäre die Nahversorgung zwar auch bei einer Schließung von Kliniken gesichert, glaubt Jürgen Wasem, Experte für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Aber: "Im ländlichen Raum sieht das anders aus. Dort stellt sich das Problem der Zugänglichkeit deutlich krasser."

Die Bertelsmann-Untersuchung räumt dazu auch ein: In ländlichen Kreisen mit unter 75 Einwohnern pro Quadratkilometer - derzeit 28 Kreise in acht Bundesländern - werde es dann wohl kaum möglich sein, binnen 30 Minuten ein größeres Krankenhaus zu erreichen.

Unterschiedliche Meinungen bei der CDU

"Wir brauchen in Deutschland einen guten Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Kürzlich hatte er betont: "Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat."

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) meint dagegen, angesichts begrenzter Finanzen und des Fachkräftemangels seien "ressourcenschonende Strukturen" nötig. Ohne "Zentralisierungen und Spezialisierungen" werde es nicht gehen. Man wolle aber die Strukturen im ländlichen Raum stärken, versichert Laumann.

Bundesärztekammer pocht auf flächendeckende Versorgung

Und was sagen die Mediziner? Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und der gesetzliche Auftrag der Daseinsvorsorge stehe über allem, unterstreicht die Bundesärztekammer. "Gerade im ländlichen Raum müssen wir die flächendeckende Versorgung der Patienten sicherstellen."

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft findet: Wer 1.000 Akutkrankenhäuser "platt machen" wolle, propagiere genau das Gegenteil dessen, was die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission "gleichwertige Lebensverhältnisse" erst vor Tagen für die ländlichen Räume gefordert habe.

Krankenkassen befürworten den Vorschlag

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen begrüßt dagegen die Empfehlungen aus Gütersloh - beim Blick auf die Ballungsgebiete. Dort gebe es zu viele Kliniken, die sich untereinander Konkurrenz machten - um Ärzte, Pflegepersonal und auch Patienten, sagt Sprecherin Ann Marini.

Die ländlichen Regionen müsse man aber anders betrachten. Hier förderten die Kassen bereits einige Kliniken mit prekärer Finanzlage. Und 2020 komme ein neuer Zuschlag für 120 unentbehrliche Häuser im ländlichen Raum hinzu. (awa/dpa)

Jens Spahn will mindestens 14 Euro Stundenlohn für Pflegekräfte

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will für Pflegekräfte eine Bezahlung deutlich über dem aktuellen gesetzlichen Mindestlohn erreichen. Dem ARD-Hauptstadtstudio sagte der CDU-Politiker zur Höhe eines Mindestlohns in der Pflege: "Gute 14 Euro - und das ist immer noch wirklich ein Mindestlohn."