• Das Assistenzhundegesetz stellt Assistenzhunde für Menschen mit psychischer Erkrankung rechtlich mit Behindertenführhunden gleich. Eine staatliche Prüfung gibt es noch nicht, was im Alltag noch zu Problemen führen kann.
  • Krankenkassen übernehmen die Kosten für einen Assistenzhund bislang nicht. Doch es gibt andere Möglichkeiten, wie Betroffene finanzielle Unterstützung erhalten können.
  • Eine Assistenzhundetrainerin erklärt, wie Hunde Betroffenen konkret helfen können, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen und ob auch ein bereits vorhandener Hund noch ausgebildet werden kann.
Ein Interview

Es gibt viele verschiedene Arten von Assistenzhunden. Blindenführhunde sind praktisch jedem ein Begriff, dass Assistenzhunde aber zum Beispiel auch Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen können, hingegen wohl nicht. Wie viele solcher PTBS-Assistenzhunde gibt es in Deutschland?

Jana Bosch: In Deutschland gibt es momentan noch keine Zählungen dazu, wie viele Assistenzhunde ausgebildet werden oder bereits ausgebildet sind. Das wird sich 2023 ändern, wenn es eine staatliche Prüfung samt Register gibt, in dem alle Assistenzhunde erfasst werden. Wir bilden seit 2008 europaweit die ersten Assistenzhunde für PTBS [posttraumatische Belastungsstörung; Anm.d.Red.] und psychische Erkrankungen aus. Der Anteil ist mittlerweile sehr hoch, es gibt viele Anfragen speziell in diesem Bereich.

Wie genau ist derzeit die rechtliche Situation von Assistenzhunden? Darf der Hund schon heute mit in den Supermarkt?

Das Assistenzhundegesetz ist seit Juni 2021 in Kraft und erlaubt es, fertig ausgebildete Hunde beispielsweise in Supermärkte oder Restaurants mitzunehmen. Die Hunde müssen natürlich entsprechend mit einer Weste gekennzeichnet sein. Dabei reicht es aber nicht, dass da einfach "Assistenzhund" draufsteht. Wichtig ist auch das Logo des Verbands, bei dem die Ausbildung absolviert wurde, und man bekommt zusätzlich ein Zertifikat. Bei großen Verbänden und Vereinen, wie zum Beispiel dem Deutschen Assistenzhundezentrum, VITA Assistenzhunde oder Hunde für Handicaps, hat man in der Regel wenig Probleme, weil bekannt ist, wie hoch der Standard der Ausbildung ist. Sobald es das Register gibt, dürfen Assistenzhunde auch in Arztpraxen und Kliniken mitgenommen werden. Das ist theoretisch heute schon der Fall, aber ohne das Register ist man hier noch auf Kulanz angewiesen.

  • Anmerkung der Redaktion: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales arbeitet nach eigener Auskunft mit Hochdruck an der Fertigstellung der Verordnung für eine einheitliche staatliche Prüfung für Assistenzhunde. Ein genauer Zeitpunkt ist nicht bekannt.

Das heißt, auch ohne staatliche Prüfung werden heute ausgebildete Assistenzhunde bereits als solche anerkannt? Und bleiben sie es auch, wenn die staatliche Prüfungsstellen eingerichtet sind?

Nach dem jüngsten Entwurf für die staatliche Prüfung sieht es so aus, dass Assistenzhunde, die bereits eine Prüfung absolviert haben, ab dem kommenden Jahr offiziell ins staatliche Register für Assistenzhunde aufgenommen werden und ihre Rechte behalten, sofern eben bestimmte Vorgaben erfüllt sind. Bei uns werden die Hunde bereits von externen Prüfern geprüft und auch bei anderen großen Verbänden und Vereinen entspricht die Prüfung schon weitgehend den staatlichen Vorgaben.

  • Anmerkung der Redaktion: Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales werden ausgebildete und geprüfte Assistenzhunde bereits als solche anerkannt, sofern bei der Prüfung die von den Dachverbänden ADI/ADEu und IAADP gemeinsam herausgegebenen Standards eingehalten werden.

Ein ausgebildeter Assistenzhund kann in Deutschland heute also problemlos überall hin mitgenommen werden - oder gibt es im Alltag noch Probleme?

Es ist sicherlich so, dass Assistenzhunden heute noch manchmal der Zutritt zu Supermärkten oder Hotels verwehrt wird. Wenn es Probleme gibt, geht ein guter Trainer normalerweise mit zu diesen Orten und hilft bei der Aufklärung. Aber wie gesagt, das ist nur bei fertig ausgebildeten Assistenzhunden möglich. Wenn die Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist, hat der Hund noch keine Rechte.

Im Assistenzhundegesetz wird von "Menschen mit Behinderungen" gesprochen, denen der Zutritt in Begleitung durch einen Assistenzhund nicht verweigert werden darf. Darunter fallen auch Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kann also jeder, der zum Beispiel an einer Angststörung leidet, einen Assistenzhund haben?

Entscheidend ist, wie stark die Person durch ihre Erkrankung eingeschränkt ist. Der Assistenzhund muss Aufgaben erfüllen, ohne die die Person im Alltag nicht zurechtkommt. Oder anders gesagt: Eine Teilhabe am normalen Leben ist ohne Assistenzhund nicht möglich. Das gilt nicht automatisch für jeden, der an einer Depression oder Angststörung erkrankt ist. Als Nachweis geht zum Beispiel ein Schwerbehindertenausweis, aber das wollen viele Menschen nicht. Wichtig ist in jedem Fall, dass ein Facharzt bestätigt, dass die Person in ihrem Leben sehr stark eingeschränkt ist und ihr ein Assistenzhund helfen kann. Aber die Einschränkungen müssen wirklich schwerwiegend sein und der Nachweis muss bei der Prüfungsstelle eingereicht werden, das ist die Auflage. Deshalb sollte man immer vor der Anschaffung eines Assistenzhundes abklären, ob man überhaupt Anspruch darauf hat. Im schlimmsten Fall hat man die Ausbildung eines Assistenzhundes umsonst gemacht, wenn man am Ende keinen Nachweis erbringen kann.

Wie genau hilft ein PTBS-Assistenzhund einer betroffenen Person im Alltag?

Das kommt darauf an, welche Probleme die Person im Alltag hat. Zum Beispiel müssen manche Menschen daran erinnert werden, zu einer bestimmten Zeit Medikamente zu nehmen. Das kann ein Hund übernehmen. Oder wenn der Betroffene in Panik gerät, kann der Hund darauf trainiert werden, seinen Menschen zu ruhigen Plätzen zu führen. Für viele ist es auch schlimm, wenn ihnen Fremde zum Beispiel an der Supermarktkasse zu nahe rücken. Dann stellt sich der Hund hinter seinen Menschen, um Abstand herzustellen. In manchen Fällen haben traumatisierte Menschen Angst davor, ihre Wohnung zu betreten, weil sie befürchten, dass sich dort jemand verstecken könnte. Dann kann der Hund vorausgehen, die Wohnung absuchen und anzeigen, ob die Luft rein ist. Gerät eine Person in einen dissoziativen Zustand und kann gar nichts mehr machen, kann der Hunde das frühzeitig erkennen und die Person da herausholen, zum Beispiel durch Anspringen oder Ablecken der Hand. Je nachdem, was eben hilft. Das Signal an den Menschen ist: Ich bin da, alles gut, ich pass auf dich auf.

Wie verändert sich das Leben der Betroffenen dadurch?

Viele Betroffene erzählen mir, dass ihr Assistenzhund ihr Leben wieder lebenswert gemacht hat. Viele fühlen sich freier und können ihre Wohnung wieder ohne Panik verlassen, was vorher oft gar nicht mehr möglich war. Ein Assistenzhund verändert das Leben von vielen Menschen dramatisch zum Besseren.

Was kostet die Ausbildung eines Assistenzhundes?

Ein fertig ausgebildeter Assistenzhund kostet zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Das liegt auch daran, dass der Hund bis zu 18 Monate bei seinem Trainer lebt, da sind also auch die Kosten für Futter und Tierarzt in diesem Zeitraum mit drin. In Selbstausbildung, also wenn der Hund vom Halter zusammen mit einem Assistenzhundetrainer ausgebildet wird, sind die Kosten deutlich niedriger. Für eine Ausbildung über zwei Jahre muss man mit ungefähr 2.000 bis 3.000 Euro rechnen. Die Kosten hängen dabei stark vom Alter des Hundes, der Erfahrung des Halters, dem Stundensatz des Ausbilders und von den individuellen Anforderungen ab. Ein geeigneter, ausgewachsener Hund braucht vielleicht nur noch ein halbes Jahr Ausbildung, dann können die Kosten sogar unter 1.000 Euro liegen. Bei einem Welpen dauert die Ausbildung dagegen länger. In der Regel fängt man mit einem wöchentlichen Training an und später, wenn der Hund dann älter ist und schon mehr kann, reicht einmal im Monat.

Krankenkassen unterstützen die Anschaffung eines Assistenzhundes momentan nicht. Gibt es andere Fördermöglichkeiten für Betroffene?

Es gibt Fälle, in denen private Versicherungen manchmal Anteile übernommen haben. Aber gesetzliche Krankenkassen übernehmen derzeit nur die Kosten für Blindenführhunde, nicht für andere Assistenzhunde. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Das Assistenzhundegesetz ist zwar schon da, aber bevor Krankenkassen die Kosten übernehmen, wird es erst noch eine Studie dazu geben. Ich rechne daher erst in fünf bis sieben Jahren damit, dass Krankenkassen unter strengen Auflagen die Kosten für Assistenzhunde übernehmen. Aber es gibt andere Stellen, die zum Teil schon jetzt Assistenzhunde fördern. Der Fonds der Bundesregierung zum Beispiel übernimmt in manchen Fällen bis zu 10.000 Euro für besondere Therapien, damit kann auch die Ausbildung eines Assistenzhundes finanziert werden. Bei Härtefällen sind es sogar bis zu 15.000 Euro. Auch manche Vereine und Stiftungen übernehmen Kosten für die Ausbildung von Assistenzhunden, darunter zum Beispiel der Weiße Ring.

Kann jeder Hund zum Assistenzhund ausgebildet werden, also zum Beispiel auch ein schon vorhandener Hund? Oder wie sucht man den Hund aus?

Ich empfehle immer, den Welpen von einem erfahrenen Assistenzhundetrainer aussuchen zu lassen - denn nicht jeder Hund ist für die Ausbildung geeignet. Die Trainer machen mit den Welpen spezielle Eignungstests, um herauszufinden, welcher Hund zu den Anforderungen passt. Das hängt neben dem Wesen des Hundes auch vom künftigen Halter und dessen Bedürfnissen ab. Einen Hund nur nach Rasse und Aussehen auszuwählen, ist ein Fehler. Im schlimmsten Fall habe ich dann einen Hund, mit dem ich die Ausbildung nicht machen kann. Wer allerdings schon einen erwachsenen Hund zu Hause hat, kann auch mit ihm noch einen Eignungstest machen. Fällt das Ergebnis positiv aus, steht der Ausbildung zum Assistenzhund nichts im Weg.

Worauf wird bei den Eignungstests geachtet?

Das kommt auf die Art des Assistenzhundes an. Die Anforderungen an einen Warnhund sind andere als an einen PTBS-Assistenzhund. Muss der Hund warnen können und besonders aufmerksam auf die Umgebung achten? Soll der Hund Halt geben und Ruhe ausstrahlen? Soll der Hund Menschen aus einem dissoziativen Zustand herausholen? Dafür gibt es unterschiedliche Eignungstests. Generell wichtig ist auch zu schauen, ob Aggressivität oder Jagdtrieb bei dem Hund vorhanden sind.

Gibt es Rassen, die mehr oder weniger geeignet sind?

Es gibt typische Rassen wie Golden Retriever oder Labradore, die sehr gute Ausbildungschancen haben. Diese Rassen werden schon seit Jahren erfolgreich als Assistenzhunde eingesetzt. Im Bereich Warnhunde sind Collies, Pudel oder Doodles sehr erfolgreich, bei PTBS kommen häufig Labradore oder Labradoodles zum Einsatz. Häufig kommt von Betroffenen der Wunsch nach einem Border Collie oder Australian Shepherd, aber diese Rassen sind sehr schwer auszulasten und daher nicht unbedingt geeignet für diese Rolle. Aber auch in dieser Frage kommt es ganz darauf an, um welche Art von Assistenzhund oder Erkrankung es geht. Der Hund muss zum Halter und seinen individuellen Bedürfnissen passen. Wer Angst vor Menschen hat, will vielleicht keinen Hund, der begeistert auf Fremde zugeht.

PTBS-Assistenzhunde werden speziell für Menschen ausgebildet, die an psychischen Erkrankungen leiden. Was, wenn der Halter mal nicht in der Lage ist, sich um seinen Hund zu kümmern?

Es muss immer sichergestellt sein, dass der Hund im Notfall versorgt wird. Es muss jemand da sein, egal ob Familie, Freunde oder Nachbarn. Wie Sie sagen, ein PTBS-Patient kann in eine schwierige Phase geraten und dann nicht mehr in der Lage sein, sich um den Hund zu kümmern. Bei Kindern stehen in der Regel die Eltern bereit. Lebt der Betroffene alleine und hat kein Netzwerk, ist die Anschaffung eines Assistenzhundes in der Tat schwierig. Es kann immer eine Notsituation eintreten, das muss man bedenken.

Assistenzhunde begleiten ihr Herrchen oder Frauchen den ganzen Tag. Wie hoch schätzen Sie die Belastung für einen Assistenzhund ein?

Wird der Hund schon als Welpe gut ausgebildet und gut sozialisiert, haben Assistenzhunde in der Regel wenig Stress im Alltag. Aber natürlich brauchen auch Assistenzhunde Ruhephasen und müssen einfach mal Hund sein dürfen. Es ist wichtig, dass der Hund einen Ausgleich bekommt, mal ohne Leine herumlaufen kann und Artgenossen trifft. Da ist man als Halter in der Pflicht. Waren die letzten Tage vielleicht sehr stressig, muss man auch mal sagen, heute bleiben wir zu Hause und machen nur einen langen Spaziergang.

Deutschland ist im Bereich Assistenzhunde noch in der Entwicklung. Gibt es ein Land, das da schon weiter ist und eine Art Vorbild sein könnte?

Wenn man in den USA mit einem Assistenzhund unterwegs ist, stellt niemand Fragen. Ich war einmal mit dem Assistenzhund meiner Tochter dort und egal, wo man hingeht, es gibt keine Probleme. Überall findet man Schilder mit der Aufschrift "service dogs welcome" und die Leute wissen auch, wie man mit einem Assistenzhund umgeht: Man ruft ihn nicht, man schickt ihn nicht hinaus, man lässt ihn einfach in Ruhe. In den USA ist man da etwas fortschrittlicher, doch auch in Deutschland hat sich schon vieles verbessert in den letzten Jahren. Das Bewusstsein wächst, aber es braucht noch ein bisschen mehr Aufklärungsarbeit.

Über die Expertin: Jana Bosch ist Assistenzhundetrainerin und Ausbilderin für Assistenzhundetrainer beim Deutschen Assistenzhundezentrum T.A.R.S.Q. und mitverantwortlich für die Qualitätssicherung der Ausbildung innerhalb der Organisation. Das Deutsche Assistenzhundezentrum ist Mitglied im Assistenzhunde-Dachverband IAADP.
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