Infektionskrankheiten breiten sich auch durch das Küssen aus. Die Wissenschaft liefert für diesen naheliegenden Zusammenhang bisher erstaunlich wenig eindeutige Belege.

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Wenn sich Forscher und Forscherinnen mit dem Kuss beschäftigen, wird es unromantisch. Bei der anatomischen, biochemischen oder mikrobiologischen Betrachtung des intimen Lippenkontaktes stehen Zahlen, Neurotransmitter und Viren im Mittelpunkt und weniger das Gefühl. Das klingt dann beispielsweise so: Wer küsst, ist auf die Unterstützung von 19 Muskeln angewiesen. Bei einem erotischen Kuss tauscht ein Paar im Durchschnitt fünf Milliliter, also etwa einen Teelöffel, Speichel aus, inklusive Viren und Bakterien, die darin enthalten sind. Paare, die sich mindestens neunmal am Tag küssen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche Mikroorganismen im Speichel.

Doch warum küssen wir? Seit wann tun wir das, welchen Nutzen hat und welche Risiken birgt das Küssen? Eine Recherche in der wissenschaftlichen Literatur zeigt: Bei der Vermessung der Intimität steht die Forschung erst am Anfang.

Wovon wir sprechen – die Kussvarianten

Kuss ist nicht gleich Kuss. Gewöhnlich unterscheidet man den freundschaftlichen oder auch elterlichen Kuss vom romantisch, sexuellen. Rein technisch gibt es den Luftkuss, den Kuss auf die Wange, Stirn oder Handrücken des Gegenübers, den Kuss mit und auf einen geschlossenen Mund sowie den intimen, leidenschaftlichen oder aktiven Kuss, bei dem sich der Mund öffnet und die Zunge eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Seit wann küsst der Mensch?

Forschende der University of Cambridge rechneten im vergangenen Jahr vor, dass der Mensch wohl seit etwa 4.700 Jahren leidenschaftlich küsst. Erbgut-Analysen von Herpes-Viren hatten gezeigt, dass sich die Erreger unangenehmer Lippenbläschen just zu diesem Zeitpunkt in ihrer genetischen Vielfalt sprunghaft veränderten. Und womöglich war das das Ergebnis einer neuen Kusspraxis, die sich regional in einer Gemeinschaft entwickelte und die Weitergabe von Herpes-Viren antrieb.

Doch der Kuss ist älter. Darauf machen der Assyrologe Troels Pank Arbøll (Universität Kopenhagen) und die Biologin Sophie Lund Rasmussen (University of Oxford) in einer aktuellen Veröffentlichung im Fachmagazin "Science" aufmerksam. Keilschrifttexte auf Tontafeln aus Mesopotamien zeigten, dass der Kuss in Vorderasien, ob freundschaftlich oder intim, bereits 3000 vor Christus gängige Praxis war. Der Kuss sei sicherlich nicht plötzlich in bestimmten Regionen entstanden, und auch kein Trigger für die beschriebene Herpes-Evolution. Er werde vielmehr in vielen verschiedenen Kulturen seit Tausenden Jahren praktiziert, schreiben Arbøll und Rasmussen. Womöglich küssten schon die Neandertaler vor mehr als 100.000 Jahren, worauf Untersuchungen über das Mundbakterium Methanobrevibacter oralis hindeuteten.

Der Ursprung des Kusses liegt im Dunklen. Manche Forschende vermuten, dass der Mensch schon immer küsst. Denn auch bei Affen gibt es diese Geste. Schimpansen tauschen platonische Küsse aus, die wichtig sind für das soziale Miteinander in der Gruppe. Bonobos (Zwergschimpansen) praktizieren den sexuellen Kuss. Andere Fachleute meinen, dass es zumindest den romantisch/sexuellen Kuss beim Menschen nicht schon immer gegeben habe. Ein Grund für diese Vermutung: Zehn Prozent der Weltbevölkerung küssen nicht auf diese Weise. Dazu zählen einige indigene Völker Mittelamerikas und auch die Urbevölkerung des Sudans, die befürchtet, ihre Seele geht durch das leidenschaftliche Küssen verloren.

Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung vermutete, der Kuss entwickelte sich bei Tieren aus der Mund-zu-Mund-Fütterung. "Der Mensch habe in seiner Evolution diese Geste des Küssens nicht von einem Tag auf den anderen in sein "Gebärde-Repertoire" aufgenommen, sondern den Kuss bloß perfektioniert und zärtlicher gemacht", schreibt Gregor Bazzanella in seinem Buch "Der Kuss in der antiken Welt und Literatur". Charles Darwin sah im Küssen das Resultat einer angeborenen Lust, den geliebten Menschen zu berühren und zu riechen. Ingo Rohrer vom Institut für Ethnologie an der Universität Freiburg bringt eine weitere Erklärung ins Spiel: Das Küssen könne die Transformierung eines sexuellen Beißens sein, wie man es von einigen Tieren kenne.

Küssen – die gute Nachricht

So oder so – Küssen macht glücklich, stärkt unsere Bindungen und unser Zugehörigkeitsgefühl. Das liegt an den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und dem Hormon Oxytocin, die beim Küssen von Körperzellen ausgeschüttet werden. Küssen stärkt die Immunabwehr. Denn dank dieser zärtlichen Geste sinkt der Pegel des Stresshormons Cortisol, das unser Immunsystem hemmt. Möglicherweise erfüllt das romantische Küssen einen tieferen biologischen Zweck. Geschmack- und Duftstoffe im Speichel und Atem informieren, ob das Gegenüber für einen sexuellen Kontakt, für die Fortpflanzung geeignet ist.

Der Speichel enthält Antikörper und andere antimikrobielle Stoffe. Beim Küssen gelangen diese sowie "gute" Bakterien in den Mund des Partners, der Partnerin. Bei einem langen, leidenschaftlichen Kuss, der ungefähr 10 Sekunden anhält, transferieren wir rund 80 Millionen Bakterien, wie niederländische Forschende vor knapp zehn Jahren an Testpaaren feststellten, die sich im Labor zu wissenschaftlichen Zwecken küssten.

Kein Wunder also, dass Paare mehr gemeinsame Bakterienarten auf der Zunge tragen als Menschen, die nicht in einem intimen Verhältnis zueinanderstehen. Ein Paar teilt im Durchschnitt mehr als ein Drittel seines Mund- und gut ein Zehntel seines Darm-Mikrobioms. Eine normale, gesunde Mundflora hemmt das Wachstum schlechter Bakterien. Durch das Vorkauen der Nahrung oder mütterliche Küsse gelangen Bakterien in den Mund des Säuglings. Das hilft im günstigen Fall, ein gesundes Mikrobiom aufzubauen.

Küsse tuen Leib und Seele gut, doch mit dem Speichel können auch Krankheitserreger übertragen werden. Die Übertragung beim Küssen kann den Vorteil haben, dass Viren, zum Beispiel das Cytomegalovirus (CMV), "schon" beim Küssen vom infizierten Partner auf die bisher unifizierte Partnerin übergehen. Zu diesem Zeitpunkt ist das meist harmlos, die Frau bemerkt es in der Regel gar nicht, baut aber einen Immunschutz gegen das Virus auf. Anders wäre der Fall, wenn sich eine Schwangere zum ersten Mal mit dem CMV ansteckt: Die Infektion kann die Entwicklung des Kindes im Mutterleib stören, geistige Beeinträchtigungen und Gehörschäden können die Folge sein.

Küssen – die schlechte Nachricht

Küssen kann also auch krank machen. Ganz banal: Wer unter einer Erdnussallergie leidet, sollte niemanden küssen, der gerade herzhaft in ein Brot mit Erdnussbutter gebissen hat. Weniger banal: der Speichel kann krankmachende Bakterien und mehr als 40 verschiedene Viren enthalten. Dass Erreger im Speichel vorhanden sind, heißt aber nicht immer, dass der Kuss eine Krankheit verursachen kann.

Klar ist der Fall bei einer Infektionskrankheit, die durch Epstein-Barr-Viren (EBV) ausgelöst und Pfeiffersche Drüsenfieber oder auch vielsagend "Kissing-Disease" genannt wird. Eine Anekdote unterstreicht dies deutlich: Ein infizierter Mann teilte während einer Zugfahrt zwölf Stunden lang das Abteil mit einer Frau, die er nie zuvor gesehen hatte und auch danach aus den Augen verlor. Sie jedoch sollte die kurze Romanze auf den Gleisen in bleibender Erinnerung behalten: Einige Woche später erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber. Auch mit anderen Vertreten aus der Familie der Herpesviren, zu denen neben EBV, CMV, auch HSV-1 gehören – Viren, die die typischen Bläschen und Geschwüre an den Lippen verursachen – kann man sich beim Küssen anstecken. Gleiches gilt vermutlich auch für Ebola-, Zika- und Rotaviren, den Erreger der Hand-Fuß-Mund-Krankheit, ein Coxsackie-Virus, das Affenpockenvirus (bei Läsionen im oder am Mund) und gewisser Bakterien, wie Streptokokken oder dem Erreger der Syphilis, Treponema pallidum.

Doch damit ist die Liste sicherer Kuss-Infektionen auch schon zu Ende. "Es gibt insgesamt nur wenige verlässliche Beweise für die Übertragung von Viren durch Küssen", schreibt der spanische Mediziner Jacobo Limeres Posse in dem Buch "Saliva Protection and Transmissible Diseases".

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Viren im Speichel nicht automatisch Krankheitsauslöser

Ob Viren oder Bakterien über das Küssen eine Erkrankung auslösen können, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum einen davon, wie viele Erreger im Speichel enthalten sind. Reicht das aus, um das Gegenüber folgenreich zu infizieren? Die Erregermenge, die generell dafür nötig ist, variiert stark. Das Fachbuch "Mims` Pathogenesis of Infectious Disease" nennt für verunreinigte Lebensmittel zehn (!) Bakterien der Sorte Shigella dysenteriae, um eine Bakterienruhr, eine Shigellose zu verursachen; aber eine Million Bakterien der Sorte Salmonella typhimurium, die es für eine Salmonellen-Erkrankung braucht.

Entscheidend außerdem, ob die übertragenen Viren oder Bakterien im Mund oder Rachen passende Andockstellen, Rezeptoren, finden, um in den Körper zu gelangen oder ob sie mit dem Schlucken über die Speiseröhre im Magen einfach nur entsorgt werden.

Wissenschaftlich belegt ist auch: Küssen ist allgemein kein Risikofaktor für die Übertragung des HI-Virus. Zu einer Ansteckung kann es nur kommen, wenn es im Mund oder darum herum Blutungen oder offene Bläschen gibt.

Ob Erkältungsviren oder auch die Grippe mit dem Kuss neue Wirte erobern können, scheint naheliegend, ist wissenschaftlich aber nicht klar belegt. Bestandteile im Speichel, darunter Antikörper, hemmen die Ausbreitung der Viren eigentlich. Aber: Das Küssen ist natürlich kein im Labor genau definierter Akt, bei dem streng reguliert nur einzelne Körperregionen in Kontakt kommen. Küssen als Bestandteil einer romantischen Umarmung oder gar einer sexuellen Handlung, bietet die Möglichkeit für den Austausch diverser Körperflüssigkeiten. Hier unter Real-Live-Bedingungen genau zu differenzieren, ist für die Wissenschaft schwierig.

Wir halten – ganz unromantisch – fest: Manche Viren und Bakterien gelangen beim Küssen ganz eindeutig in die Mundhöhle des Gegenübers und können anstecken. Vorsicht ist besonders dann geboten, vor allem für Menschen mit angeschlagener Körperabwehr, wenn der Partner, die Partnerin Krankheitssymptome zeigt. Gründe für eine übersteigerte Angst vor dem Küssen, eine Philemaphobie, liefert die Wissenschaft jedoch nicht.

Verwendete Quellen:

  • science.lu: Der Kuss in der wissenschaftlichen Betrachtung
  • ScienceDirect: Chapter 1 - Infection Transmission by Saliva and the Paradoxical Protective Role of Saliva
  • npr: What's In His Kiss? 80 Million Bacteria
  • Science Advances: Ancient herpes simplex 1 genomes reveal recent viral structure in Eurasia
  • Science: The ancient history of kissing
  • Gregor Bazzanella: Der Kuss in der antiken Welt und Literatur (2013)
  • Universität Freiburg: Der Kuss als Kulturgut (Dr. Ingo Rohrer)
  • Microbiome Journal: Shaping the oral microbiota through intimate kissing
  • Nature: The person-to-person transmission landscape of the gut and oral microbiomes
  • ScienceDirect: Kissing as an evolutionary adaptation to protect against Human Cytomegalovirus-like teratogenesis
  • Elsevier: Viral Diseases Transmissible by Kissing
  • RKI: Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Mpox (früher: Affenpocken)
  • Jacobo Limeres Posse, Pedro Diz Dios and Crispian Scully: Saliva Protection and Transmissible Diseases (2018)
  • Anthony Nash, Robert Dalziel, J. Fitzgerald: Mims' Pathogenesis of Infectious Disease (2015)
Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

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