Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte zur Gruppe von Offizieren, die am 20. Juli 1944 versuchten, Adolf Hitler zu töten. Seine Enkelin hat jetzt ein Buch über ihren Großvater geschrieben. Damit will sie den Menschen hinter der Tat stärker ins Bewusstsein rücken.

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Am 20. Juli 1944 explodierte ein Sprengstoffpäckchen im "Führerhauptquartier Wolfsschanze". Das Attentat auf Adolf Hitler gilt heute als wichtigster militärischer Umsturzversuch im Nationalsozialismus. Hitler überlebte leicht verletzt – und der Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der die Sprengladung deponiert hatte, wurde in der folgenden Nacht hingerichtet.

75 Jahre später ist im Herder-Verlag ein neues Buch über den berühmten Widerständler erschienen, geschrieben hat es seine Enkelin Sophie von Bechtolsheim. "Mein Großvater war kein Attentäter" ist der Titel und die zentrale Aussage des Buchs. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt die Historikerin, weshalb sie den Begriff des Tyrannenmords bevorzugt.

Frau von Bechtolsheim, Ihr Großvater ist in Geschichtsbüchern verewigt. Wie war es, einen so berühmten Verwandten zu haben, den Sie selbst nie kennenlernen konnten?

Sophie von Bechtolsheim: Ich wollte natürlich wissen, wie er war: als Ehemann, als Vater. Ich denke aber, dass ich mich da nicht von anderen unterscheide, deren Großeltern im Krieg gefallen sind. Das Besondere ist in meinem Fall: Jeder, der ein Foto meines Großvaters sieht, bildet seine eigenen Urteile. Er ist sozusagen eine allgemeine Verfügungsmasse.

Stört Sie das Bild, das in der Öffentlichkeit von Stauffenberg existiert?

Mich stört es, wenn man historische Persönlichkeiten aus Bequemlichkeit in Schubladen steckt oder sie mit einem Stempel versieht. Oft wird Stauffenberg reduziert: Bei den einen war er ein ganz Linker, bei den anderen ein ganz Rechter. Am Anfang soll er ein begeisterter Nazi und später ein glühender Hitler-Hasser gewesen sein. Mit diesen absurden Zuspitzungen wird man Menschen nicht gerecht. Im Übrigen finde ich es schade, dass sich der Fokus oft nur auf Stauffenberg richtet. Damit verdrängt man, dass die Geschichte des 20. Juli die Geschichte einer sehr umfassenden Verschwörung ist, in die viele unterschiedliche Menschen involviert waren.

Es heißt, Stauffenberg habe anfangs durchaus Sympathien für die Nationalsozialisten gehegt. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das kritisch. Meine Großmutter sagte immer: Er war kein Bejubler. Er hat sich nie einer Sache voll und ganz verschrieben. Sicher war Stauffenberg am Anfang kein überzeugter NS-Gegner. Er hat den Versailler Vertrag abgelehnt und vielleicht auch die nationale Erneuerung befürwortet. Aber dieses Stiefelstampfen auf den Straßen, der Personenkult, die Masse, in der die einzelnen Menschen untergehen – das hat ihn irritiert. Mein Großvater hat schon als Schüler gesagt: Eine Idee ist nie größer als der Mensch. Auch der Umsturzversuch war der Erkenntnis geschuldet, dass die Menschheit in Gefahr ist. Nicht der Tod Hitlers an sich war das Ziel, aber die Verschwörer wussten: Wenn sie eine Veränderung der Verhältnisse herbeiführen wollen, geht das nur über seinen Tod.

Warum wehren Sie sich gegen den Begriff "Attentäter"? Es bleibt doch dabei, dass Stauffenberg ein Attentat ausgeführt hat.

Ja, notgedrungen. Aber den Begriff Attentäter verbindet man heute mit Terroristen, dem IS zum Beispiel, dem es darum ging, Angst und Schrecken zu verbreiten. Meinem Großvater ging es um das genaue Gegenteil, nämlich darum, Terror und Gewalt zu beenden. Ich finde den Begriff des Tyrannenmords angemessener: Wir haben da einerseits einen Tyrannen, der beseitigt werden soll – wie aus einer Art gesellschaftlicher Notwehr. Andererseits haben wir aber auch den drastischen Ausdruck des Mordes als Gewaltdelikt. In diesem moralischen Spannungsfeld haben sich die Verschwörer befunden.

War das auch der Grund, warum Sie das Buch geschrieben haben?

Ich habe mich schon länger mit dem Gedanken getragen, aber Anlass war tatsächlich eine neue, viel beachtete Biografie. Entgegen der historischen Forschung wartet sie mit der knalligen These auf, der eigentliche Urheber des Attentats sei der immerhin schon 1933 gestorbene Dichter Stefan George gewesen, zu dessen Kreis mein Großvater als junger Mensch gehört hatte. Ihn darauf zu reduzieren, funktioniert nur, wenn die Zeitzeugen alle tot sind und niemand mehr so genau sagen kann, wie er wirklich war. Deswegen wollte ich ihn aus den familiären Erinnerungen als Mensch aus Fleisch und Blut zeichnen.

Sie schreiben, der Mensch Stauffenberg sei von den vielen öffentlichen Darstellungen verschüttet. Was für ein Mensch war er denn?

Er muss ein Mensch mit vielen Talenten und einer starken Ausstrahlung gewesen sein. Viele beschrieben ihn als fröhlich – mit einem Lachen, das man über viele Zimmer hinweg gehört hat. Beeindruckt hat mich vor allem seine Nervenstärke. In der Planung des Umsturzes muss er immer die Ruhe bewahrt haben.

In Ihrem Buch spielt auch Ihre Großmutter, also Stauffenbergs Frau Nina, eine große Rolle. Wie stark hat Sie Ihren Großvater beeinflusst?

Meine Großmutter war eine sehr starke Persönlichkeit mit einem großen Realitätssinn und einem unerschütterlichen Pragmatismus. Ich glaube, da waren sich die beiden sehr ähnlich. Sie war eine Frau der Krise: Wenn es Dinge gab, die bewältigt werden mussten, hat sie sie abgearbeitet. Das wusste mein Großvater, sie konnten sich aufeinander verlassen. Meine Großmutter stand immer hinter dem, was er gemacht hat. Auch andere Verschwörer hatten sehr starke Frauen, von denen sie wussten, dass sie ihnen den Rücken frei halten.

Sophie von Bechtolsheim, Jahrgang 1968, ist eine Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Sie arbeitet als Mediatorin und lebt mit ihrer Familie am Staffelsee in Oberbayern.

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