• Eine isländische Studie kommt zu dem Ergebnis: Bei einer Wochenarbeitszeit von 35 anstatt 40 Stunden und gleichem Lohn bleibt die Produktivität gleich oder verbessert sich sogar.
  • Fünf Jahre lang hat der nordische Inselstaat in einem Experiment mehr als ein Prozent seiner arbeitenden Bevölkerung bei vollem Lohn weniger arbeiten lassen. Auch die Zufriedenheit der Arbeitnehmer verbesserte sich.
  • Ein Vorbild für Deutschland? Ein FDP-Politiker und Gewerkschafter sind unterschiedlicher Meinung.

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Mehr als 2.000 isländische Arbeitnehmer haben im Auftrag der Regierung in den vergangenen fünf Jahren früher Feierabend gemacht. In einer groß angelegten Studie mit zwei Feldversuchen hatten Forscher seit 2015 den Effekt von Verringerungen der Arbeitszeit untersucht.

Nun liegen die Ergebnisse vor, die Kernbotschaft: "Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen", schreiben die Studienautoren Kellam, Psychologe und Softwareentwickler, und Haraldsson, Politikwissenschaftler. Es gebe positive Effekte durch eine kürzere Arbeitswoche "sowohl für Arbeitnehmer als auch Unternehmen", heißt es.

Zufriedenheit gestiegen

Angestoßen worden war das Experiment von Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die schon seit Längerem über die Folgen von hoher Arbeitsbelastung in Island klagen. Mehr als ein Prozent der isländischen arbeitenden Bevölkerung nahm an dem Experiment teil – vertreten waren der Sozialbereich, Krankenhäuser, aber auch Büros und Kindergärten.

In anschließenden qualitativen Interviews berichteten Teilnehmende von mehr Zufriedenheit in Bezug auf ihr Arbeitsleben: Sie empfanden weniger Stress, eine verbesserte Work-Life-Balance und positive Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

In Island hat das Experiment bereits weitergehende Auswirkungen gehabt: Gewerkschaften haben bereits dauerhafte Arbeitszeitverkürzungen für zehntausende Arbeitnehmer erstritten, knapp 86 Prozent der Isländer haben inzwischen Stunden verkürzt oder das Recht dazu erhalten.

Anstoß für die Deutschen?

Sollte das auch ein Anstoß für Deutschland sein, die Vier-Tage-Woche einzuführen? "Nein, die Ergebnisse sind so nicht übertragbar", meint Christian Dürr. Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende lehnt die flächendeckende Vier-Tage-Woche ab.

"Die Voraussetzungen in Deutschland und Island sind unterschiedlich. So steht Deutschland zum Beispiel vor einer demografischen Krise", erinnert der Politiker. Herumdoktern am Erwerbsleben könnte aus seiner Sicht deshalb viel Wohlstand kosten. "Eine Vier-Tage-Woche könnte ein Brandbeschleuniger für die demografische Krise sein", warnt Dürr. Er fürchtet, Arbeitnehmer müssten den Schritt zur Vier-Tage-Woche durch ausbleibende Lohnsteigerung ausbaden.

Längeres Erwerbsleben

Island komme außerdem von einem anderen Arbeitsbelastungsniveau. Tatsächlich unterscheiden sich Deutschland und Island in Hinblick auf wichtige Kennwerte: Island liegt bei den Pro-Kopf-Arbeitsstunden deutlich vor Deutschland.

Laut "OECD" entfielen im Jahr 2020 auf einen deutschen Arbeiter 1.332 Stunden Arbeit, in Island waren es 1.435 Stunden. Finnland, Italien und Spanien kommen auf noch höhere Werte. Während das durchschnittliche Erwerbsleben in Island mit knapp 45 Jahren zu den längsten in ganz Europa zählt, kommt Deutschland im Schnitt nur auf etwa 39 Jahre.

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Rekord-Wochenarbeitszeit

Islands Wochenarbeitszeit gehört außerdem zu den höchsten weltweit: durchschnittlich 44,4 Stunden pro Woche in Vollzeittätigkeiten. Auch die demografische Situation unterscheidet sich maßgeblich: Während der Durchschnittsdeutsche 45,5 Jahre alt ist, ist der Durchschnittsisländer gerade einmal 35,5 Jahre alt.

Dürr ist sich deshalb sicher: "Eine flächendeckende oder pauschale Vier-Tage-Woche gefährdet unseren Wohlstand. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einem starken Mittelstand." Für einen starken Industriesektor mit produzierendem Gewerbe sei eine Stundenreduzierung unattraktiv.

FDP-Politiker ist kritisch

"Wenn ein Unternehmen annimmt, die Produktivität ließe sich durch eine Arbeitszeitverkürzung steigern, wäre es diesen Schritt doch längst von alleine gegangen", meint Dürr. Und fragt: "Warum sonst sollte es freiwillig auf Erfolg, Wachstum und Wertschöpfung verzichten?".

"Wie soll eine Vier-Tage-Woche im Präsenzgewerbe wie dem Einzelhandel, der Gastronomie oder dem Pflegebereich mit menschennahen Dienstleistungen funktionieren?", fragt Dürr. Er fürchtet, der Fachkräftemangel im Pflegebereich könnte sich sogar verschärfen, wenn durch Arbeitszeitverkürzungen weitere Kräfte benötigt werden.

Modell für einzelne Branchen

"Im Einzelhandel wird dann unter Umständen ein Kunde weniger bedient und der Laden muss irgendwann schließen. Auch in der Gastronomie werden jetzt schon händeringend Kräfte gesucht", erinnert er.

In bestimmten Bereichen hält er das Modell einer Vier-Tage-Woche allerdings durchaus für sinnvoll: "Wenn man Bürojobs intelligenter organisiert, sehe ich darin eine Chance. Auch im kreativen Bereich könnte die Produktivität durch kürzere Arbeitszeiten gesteigert werden", meint Dürr. Er will das die Unternehmen aber selbst entscheiden lassen.

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"Wenn der Staat eine Zwangs-Vier-Tage-Woche oktroyiert, habe ich damit ein Problem", sagt der FDP-Politiker. Er befürworte vielmehr Flexibilität, die der Realität in den Betrieben gerecht werde. "Man kann Arbeitnehmern auch mehr Luft zum Atmen durch andere Schritte – etwa Steuerentlastungen – geben", sagt er.

Gewerkschafter: Positives Signal

Gewerkschafter Thorben Albrecht, der bei der IG Metall den Bereich Politik und Grundsatzfragen leitet, ist anderer Meinung: "Die Ergebnisse aus Island sind eine wichtige Ermutigung für Arbeitszeitverkürzung und die Vier-Tage-Woche auch in Deutschland", sagt er. Das Experiment bestätige, dass der Weg der richtige sei.

"Die Gesamtgesellschaft profitiert, wenn Arbeitnehmer gleich produktiv oder sogar produktiver sind und dabei gesundheitliche Belastungen reduziert werden", sagt Albrecht. So hätten die Isländer die gewonnene Freizeit für Sport und Erholung genutzt – positiv für die Gesundheit der Gesamtgesellschaft.

Albrecht gibt zu: "Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass im kommenden Jahr in allen Branchen eine Vier-Tage-Woche eingeführt wird. Sie ist aber besonders für Betriebe, die sich im Umbruch befinden, attraktiv." Müsse ein Unternehmen beispielsweise von der Produktion von Verbrennungsmotoren auf neue Produkte umstellen und habe zeitweise weniger Arbeit, könnte die Vier-Tage-Woche ihm wertvolle Beschäftigte erhalten.

"Keine Zwangs-Vier-Tage-Woche"

"Sie könnten bei einem Umbruch so trotzdem im Betrieb bleiben und für das Unternehmen würde im Anschluss die Fachkräfte-Suche nicht wieder von vorne losgehen. Das bietet Beschäftigten und Unternehmen gleichermaßen Sicherheit", so Albrecht. Den Anfang bei Unternehmen im Umbruch machen und so Rückschlüsse für generelle Arbeitszeitverkürzungen in anderen Bereichen ziehen, das ist die Vorstellung von Albrecht.

Er ist sich sicher, dass man auch unterschiedlichen Branchen mit einer Arbeitszeitverkürzung gerecht werden kann. "Es geht nicht um eine Zwangs-Vier-Tage-Woche", sagt er. Es gebe in Deutschland keine gesetzliche Festlegung für Arbeitszeiten, sondern nur für die Höchstarbeitszeit. Wochenarbeitszeiten seien Verhandlungssache zwischen Tarifparteien, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften - "und das ist auch gut so".

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Arbeitsorganisation verändern

Auch, dass eine Arbeitszeitverkürzung zwangsläufig den Fachkräftemangel verschärfen würde, hält Gewerkschafter Albrecht nicht für gesetzt. "Eine Arbeitszeitverkürzung muss immer mit arbeitsorganisatorischen Veränderungen einhergehen. Bei Pflegekräften könnte man etwa die Dokumentation intelligenter gestalten, um Arbeitszeit einzusparen", sagt er. Dadurch reduziere sich die Zeit mit Gepflegten nicht.

"Die psychische Belastung im Pflegebereich ist hoch, durch eine Vier-Tage-Woche könnten letzten Endes auch Krankheitstage reduziert werden", sagt Albrecht. Je nach Branche ließen sich unterschiedliche Modelle finden, um eine Vier-Tage-Woche zu gestalten. So könnte es auch andere Modelle als "verblockte vier Tage" geben, um Arbeitszeit zu reduzieren.

Nur dürfe man eine örtliche Verlagerung nicht mit einer Arbeitszeitverkürzung verwechseln. "Auch im Homeoffice arbeitet man eine bestimmte Stundenzahl und kann nicht nebenbei noch Kinder betreuen und sich um den Haushalt kümmern", sagt er.

Über die Experten:
Christian Dürr ist FDP-Politiker und stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler leitet den Arbeitskreis Haushalt und Finanzen.
Thorben Albrecht ist Gewerkschafter und leitet den Bereich Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik bei der Industriegewerkschaft (IG) Metall. Albrecht ist SPD-Politiker und war zuvor Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie Bundesgeschäftsführer der SPD.

Verwendete Quellen:

  • OECD: Hours worked 2020
  • Autonomy Think Tank: Going Public: Iceland’s journey to a shorter working week. Juni 2021
  • Statista: Lebensarbeitszeit in Europa nach Ländern 2020
  • Länderdaten: Ländervergleich Deutschland und Island
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