Wollte oder konnte er nicht anders? Siemens-Chef Joe Kaeser bekommt viel Gegenwind für die Konzernentscheidung, an der Beteiligung an einem gigantischen Kohleförderprojekt in Australien festzuhalten. Er beruft sich auf das Firmenwohl, räumt aber Fehler ein.

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Per Twitter teilte Vorstandschef Joe Kaeser am Sonntagabend mit, dass Siemens am umstrittenen Auftrag für die Lieferung einer Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien festhalten werde.

Fridays-for-Future-Sprecherin Luisa Neubauer warf Kaeser eine "historische Fehlentscheidung" vor. Er habe sich gegen das Pariser Klimaschutzabkommen, gegen die zukünftigen Generationen und "nicht zuletzt gegen die Klimaschutz-Reputation von Siemens" entschieden.

Joe Kaeser: Wäre Siemens mein Unternehmen, hätte ich anders gehandelt

Kaeser verteidigte den Entschluss. Sein Unternehmen habe im Fall des australischen Projekts alle Optionen geprüft, müsse sich aber an seine vertraglichen Verpflichtungen halten.

Es gebe "keinen gesetzlich und ökonomisch verantwortungsvollen Weg", ohne Pflichtverletzung vom Vertrag zurückzutreten.

"Wäre es mein eigenes Unternehmen, hätte ich anders gehandelt", erklärte der Siemens-Chef.

Beteiligung an Adani "war ein Fehler"

Gegenüber dem in den Arabischen Emiraten ansässigen Medium "The National" sagte Kaeser am Rande einer Konferenz in Abu Dhabi über die Beteiligung an dem Projekt: "Es war ein Fehler, dass wir das getan haben."

Er müsse aber auch an Kunden und Investoren denken. Er kündigte die Gründung eines Nachhaltigkeitsrates an, um Umweltschutzfragen in der Zukunft besser zu berücksichtigen.

"Die meisten von Ihnen hätten auf mehr gehofft", erklärte Kaeser mit Blick auf die Kritiker weiter. Der Konzern hätte im Vorfeld "weiser" über das Projekt urteilen sollen. Doch die Mine sei von der australischen Regierung unter der Berücksichtigung von Umweltstandards genehmigt worden und werde in jedem Fall kommen, "ob Siemens die Signalanlage bereitstellt oder nicht".

Kaeser: Habe Neubauer keinen Aufsichtsratposten angeboten

Der deutsche Großkonzern hatte im Juli 2019 den Auftrag für die Schienensignalanlage der Adani-Mine im australischen Bundesstaat Queensland unterzeichnet. Siemens-Chef Kaeser kündigte Mitte Dezember an, die Beteiligung an dem Projekt auf den Prüfstand zu stellen. Zuvor war er nach eigenen Angaben nicht über den "sehr kleinen" Auftrag mit einem Volumen von 18 Millionen Euro informiert gewesen.

Am Freitag traf sich Kaeser in Berlin mit Neubauer und Heubeck von Fridays for Future. Bei dem Treffen soll er Neubauer überraschend einen Aufsichtsratsposten bei der Unternehmenstochter Siemens Energy angeboten. Sie lehnte das Angebot wenig später ab.

Gegenüber "The National" erklärte Kaeser nun, er habe Neubauer keinen Posten im Aufsichtsrat angeboten, sondern sie zu denjenigen Gremien eingeladen, wo sie ihr "berechtigtes Anliegen auf den Tisch" hätte bringen können.

Umweltschützer befürchten zunehmende Klimaerwärmung

"Protest ist wichtig, doch er löst nichts. Wir brauchen Lösungen. Dabei dürfen wir nicht Alt gegen Jung ausspielen oder die alte gegen die neue Wirtschaft, sondern wir müssen sie zusammen bringen", fügte Kaeser hinzu.

Umweltschützer warnen, die Verbrennung der Kohle aus der australischen Carmichael-Mine in Indien und China werde die Klimaerwärmung verschlimmern. Zudem seien in Australien zahlreiche Tierarten durch die Mine bedroht. Die Mine soll eine der größten Kohleförderstätten der Welt werden und langfristig bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle jährlich produzieren.

Der australische Premierminister Scott Morrison betreibt eine Pro-Kohle-Politik und unterstützt energisch das Carmichael-Projekt. Australien ist der größte Kohle-Exporteur der Welt. (hub/afp)

Siemens hält an umstrittenem Auftrag in Australien fest

Konzernchef Joe Kaeser wies darauf hin, dass die viel kritisierte Kohlemine auch ohne Siemens-Technik gebaut werde. Luisa Neubauer und FFF riefen am Montag zu Demonstrationen auf.