Der Euro sichert ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern und doch ist er auch etwas sein Schicksal: Heute wird der frühere Bundesfinanzminister und CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel 75. Ein Rückblick auf ein bewegtes Politikerleben.

Der "Süddeutschen Zeitung" hat er einmal gesagt, dass er noch immer nach Interviews zum Euro wütende Briefe bekomme. Mit Inhalten wie "Der liebe Gott wird Ihnen hoffentlich die gebührende Strafe geben." Oder: "Der Teufel soll dich holen." Waigel gilt als "Vater des Euro" und brachte den Namensvorschlag für die gemeinsame Währung 1995 im Europäischen Rat ein. Darauf ist er besonders stolz. Und verteidigt sein Lebenswerk: "Der Euro ist kein Teuro." Gleichzeitig zeigt er aber im SZ-Interview auch Verständnis für alle Skeptiker: "Die Mark war das erste nationale Symbol nach dem Krieg, vor der ersten Goldmedaille und dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft."

In dieser Zeit wurde Waigel groß, geboren am 22. April 1939 im nordschwäbischen 500-Seelen-Dorf Oberrohr bei Krumbach. Er kam aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Maurerpolier und Nebenerwerbslandwirt. Folglich war auch die Jugend des Fans von 1860 München von Arbeit geprägt. "Nach der Schule sofort aufs Feld, abends die Hausaufgaben. Nach kurzer Zeit hatten die Hände Schwielen, sodass es wenigstens keine Blasen gab", fasst er den Alltag seiner Jugend zusammen. Von einer politischen Laufbahn war da noch nichts zu erahnen. In seiner Kinderzeit hatte er als Idole Fußball-Weltmeister Fritz Walter und den Skispringer Sepp Weiler. Doch er arbeitete sich buchstäblich hoch, machte 1959 in Krumbach sein Abitur.

Erst Jurist, dann Politiker

Es folgte ein Jurastudium in München und Würzburg, das er 1967 mit dem zweiten Staatsexamen und seiner Doktorarbeit abschloss. Thema: "Die verfassungsmäßige Ordnung der deutschen, insbesondere der bayerischen Landwirtschaft". Zunächst arbeitete er als Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft in München, 1969 zeichnete sich allerdings sein politischer Weg ab. Er wechselte als Persönlicher Referent des Staatssekretärs Anton Jaumann in das Bayerische Finanzministerium. Und begleitete ihn auch als er von 1970 bis 1972 dem Wirtschafts- und Verkehrsministerium vorstand.

Zu diesem Zeitpunkt war Waigel, der schon 1960 in die CSU eingetreten war, Landesvorsitzender der Jungen Union und schaffte 1972 erstmals den Einzug in den deutschen Bundestag, dem er bis 2002 angehörte. Dort wurde er 1982 zum CSU-Landesgruppenchef gewählt, ein Jahr später gelang ihm auch der Sprung ins Parteipräsidium. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß wurde er als einziger Kandidat im Oktober 1988 zum Parteivorsitzenden der CSU gewählt. Elf Jahre später nahm er jedoch die Verantwortung für das damals schlechte Wahlergebnis – die Christsozialen waren bei der Bundestagswahl unter die 50 Prozent-Marke gerutscht – auf sich und trat zurück. Nachfolger wurde der spätere Ministerpräsident Edmund Stoiber. Für Waigel blieb dieser Traum unerfüllt.

Dafür machte er Karriere auf Bundesebene. Bereits 1989 berief ihn Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) als Finanzminister in sein Kabinett, was er bis 1998 blieb. Der Mann mit den buschigen Augenbrauen handelte die Verträge im Zuge der Wiedervereinigung mit aus und wurde später wie schon erwähnt der "Vater des Euro". Wobei er sich übrigens auch mit seiner eigenen Partei nicht immer einig war. Als er 1988 von Plänen des bayerischen Kabinetts erfuhr, im Bundesrat gegen den Euro zu stimmen, rief er Edmund Stoiber an und drohte nach eigenen Worten mit drastischen Konsequenzen: "Wenn ihr das macht, trete ich in derselben Sekunde als Parteichef und Minister zurück. Und zwar nicht leise."

Als Ratgeber ist Waigel immer noch gefragt

Die CSU besann sich eines Besseren und Waigel blieb in der Partei. Die würdigte seine politischen Verdienste und wählte ihn auf dem Parteitag 2009 zum Ehrenvorsitzenden. Als zweiten neben Edmund Stoiber. Sein Rat ist noch heute gefragt, so erarbeitete er im August 2013 nach der sogenannten "Verwandten-Affäre" einen Verhaltenskodex für CSU-Politiker. Darin stellte er klar, was auch seine Maximen sind: "Die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben verlangt Integrität, Anstand, Fairness, Nüchternheit und Entscheidungsstärke, Pflichtbewusstsein und Fähigkeit zur Selbstkritik."

Theo Waigel ist in zweiter Ehe verheiratet mit der früheren Skirennläuferin Irene Epple, hat zwei Kinder aus erster Ehe und einen Sohn in seiner jetzigen Beziehung. Sein Wahlspruch lautet: Sich selbst treu bleiben. Und so lebt er noch heute in seinem Elternhaus. "Ich wollte meine Heimat erhalten, für mich und meine Kinder. Das ist ein Luxus, den ich mir leiste", kommentiert der frühere Finanzminister. Dem politischen Trubel hat er sich weitgehend entzogen, liebt es eher still. Am besten entspannt er sich beim Bergwandern in den Allgäuer Alpen. In einem Fragebogen des "Focus" lautete ein Punkt, mit wem er gerne einmal einen Monat tauschen würde. Seine Antwort: "Mit einem Schäfer auf den Höhen des Mindeltals."