• Deutsche Fleischproduzenten stehen unter Druck: Kosten für Tierfutter steigen, die Schweinepest hat die Weltmarktpreise einbrechen lassen.
  • Gleichzeitig kündigen die Discounter weitreichende Umstellungen an: Aldi und Lidl wollen künftig nur inländisch produziertes Schweinefleisch verkaufen, außerdem Frischfleisch der Stallhaltung 1 und 2 aus dem Sortiment verbannen.
  • Ein Grund zur Freude für deutsche Bauern? Experten erklären den komplizierten Markt.

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Das Bild in den Kühlregalen der deutschen Discounter soll sich ändern: Aldi und Lidl haben angekündigt, im Laufe des kommenden Jahres nur noch komplett in Deutschland produziertes Schweinefleisch zu verkaufen. Ferkel müssen dann in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und zerlegt worden sein.

Auch die Haltungsstufen 1 und 2 wollen die Discounter langfristig nicht mehr in ihrem Sortiment anbieten, sondern nur noch Frischfleisch, das mit höherem Tierwohlstandard produziert wurde. Mit den Schritten soll nicht nur das Tierwohl verbessert werden – etwa weil bei inländischen Produktionsketten lange Transporte entfallen –, sondern auch die Stellung der deutschen Fleischproduzenten gestärkt werden.

Fleischproduzenten unter Druck

Besonders die deutschen Schweinefleischproduzenten stehen derzeit massiv unter Druck: Die afrikanische Schweinepest hat die Preise auf den Weltmärkten einbrechen lassen, gleichzeitig sind die Kosten für Tierfutter enorm gestiegen. Freuen sich auch die Bauern über die Verbannung von Frischfleisch der Haltungsstufen 1 und 2 aus den deutschen Discountern? Oder müssen sie sich der Macht von Aldi, Lidl und Co beugen?

Hubertus Paetow ist Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Er sagt: "Die Discounter haben vor allem Einfluss auf die Verbraucher, das ist ihr eigentlicher Machtfaktor". Durch die Gestaltung ihrer Angebote könnten sie Einfluss darauf nehmen, was die Verbraucher kaufen.

Von Frischfleisch bis Export

"Wenn der Lebensmitteleinzelhandel bestimmte Produkte pusht, werden sie häufiger gekauft und dann wiederum wird mehr produziert. Das ist der Weg", beschreibt der Landwirt. Dass die Discounter den Bauern diktierten, was oder wie sie zu produzieren hätten, sei nicht der Fall. "Die Discounter haben kein totales Monopol, dadurch ist ihr Einfluss begrenzt", betont Paetow.

Auch Agrarökonom Alfons Balmann erinnert: "Es gibt mehrere Teilmärkte auf dem Fleischmarkt – Frischfleisch im Einzelhandel, Frischfleisch in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegungen, Wurstwaren und Fertigprodukte sowie den Export." Die Discounter machten nur einen Teil davon aus, Landwirte, die unter den Standards der Stallhaltung 3 produzierten, fänden deshalb nach wie vor Abnehmer.

Aldi, Lidl & Co: Discounter als zentrale Player

Dieser Meinung ist auch Wirtschaftswissenschaftler Achim Spiller: "Die Discounter sind definitiv zentrale Player, bestimmen den Fleischmarkt aber nicht alleine." Edeka hat den größten Fleischumsatz, aber auch Lidl und Aldi hätten einen bedeutenden Marktanteil.

Wenn die Discounter höhere Tierwohlstandards wollten, betreffe das vor allem das Schweinefleisch, meint Balmann. "Das Problem aber: Als Frischfleisch wird nur ein Teil des Tieres verkauft. Die Schnauzen, Füße, Schwänze gehen überwiegend in den Export – und dort werden keine höheren Tierwohlstandards nachgefragt", sagt Balmann.

Wird Fleisch "überproportional teurer"?

Eine Lösung könne darin bestehen, dass das Frischfleisch überproportional teurer werde, und der Rest weiterhin für relativ niedrige Preise exportiert werde. Hauptabnehmerland des deutschen Schweinefleischs ist China. "Die Landwirte können nur ganze Schweine verkaufen, deshalb müssen die Schlachthöfe einen Weg finden, wie sie auch die restlichen Teile verwerten", so Balmann.

Aktuell sei die "Initiative Tierwohl" ein wichtiger Anreiz für Bauern, überhaupt Fleisch mit höheren Tierwohlstandards zu produzieren." Sie kassiert 6,25 Cent pro Kilogramm Frischfleisch, das in den Supermärkten umgesetzt wird, ein und verteilt es an Bauern, die tierfreundlicher produzieren, zurück.

Haltungsstufe 3 als Nischenprodukt

"Dadurch wird das Fleisch auch entsprechend angeboten und die Discounter können ihre Versprechen umsetzen", sagt Balmann. Wenn es ab 2030 in den Kühlregalen der Discounter aber nur noch Haltungsstufe 3 und höher geben solle, müssten die Discounter erst Landwirte finden, die ihnen dieses Fleisch anbieten. Bislang sind die Haltungsstufen 3 und 4, bei denen Tiere zum Beispiel Auslauf im Freien oder Frischluftklima im Stall haben, Nischenprodukte in Deutschland.

"Über kurz oder lang könnte es sein, dass die Verbraucher nur noch tierwohlgerechtere Produkte nachfragen und sich daran gewöhnen. Dann würde der Markt für unter Standard erzeugte Produkte wegbrechen", schätzt Landwirt Paetow.

Chancen für Bauern

Man habe lange angenommen, Verbraucherverhalten bei Ernährung sei extrem unelastisch und ändere sich nur langsam. "In der Corona-Pandemie haben wir erlebt, dass das deutlich schneller gehen kann – viele Ernährungsgewohnheiten haben sich geändert", erinnert der Experte.

Balmann sieht in den Schritten der Discounter Chancen: "Wenn alle Discounter sich an einen Tisch setzen und sagen, wir verkaufen nur noch Fleisch von Tieren, die besser gehalten werden, dann kommt das den Tieren natürlich zugute", sagt er.

Käfigeier als Blaupause?

Ähnliches habe man in Bezug auf Eier erlebt. "Es gibt in deutschen Supermärkten keine Eier aus Käfighaltung, dazu haben sich die Anbieter entschieden", erinnert Balmann. Die Landwirtschaft musste sich damals entsprechend anpassen, ein kleiner Teil der Produktion wanderte ab. "Der Einzelhandel kann auch Vorbild für die Gastronomie sein. Frage ist, wie man diese dazu bewegen kann mitzumachen", meint Balmann.

Gleichzeitig bietet die Selbstverpflichtung der Discounter aus Sicht der Experten ein Stück Sicherheit für die Bauern: Für den Umstieg auf Haltungsstufe 3 müssen sie größere Investitionen tätigen. "Die landwirtschaftlichen Betriebe wissen dann, dass ihre Produkte auch nachgefragt werden, wenn sie ihre Produktion tierwohlgerechter gestalten", analysiert Spiller.

Selbstverpflichtung muss breiter sein

Das Bekenntnis zur inländischen Produktionskette sieht der Ökonom derweil mit großer Skepsis: "Warum sollen holländische Produzenten nicht deutsche Regionen am Niederrhein beliefern, wenn der Weg näher ist, als nach Süddeutschland und das Tierwohl in den Niederlanden genauso gut?", fragt er. Derzeit sind Holland und Dänemark hier weiter als Deutschland. Ein protektionistisches und nationalistisches System halte er in der EU nicht für geboten.

Ebenso hält Spiller es für wichtig, dass die besseren Haltungsstufen nicht nur für Frischfleisch gelten, sondern auch für Verarbeitungsware. "Die Discounter verkaufen schließlich auch Wurst und Pizza. Je breiter die Selbstverpflichtung greift, desto größer ist der Teil des Tieres, der abgedeckt ist", erklärt er. Für Wurst würden häufig nicht die Edelstücke verarbeitet, aber auch dieser Teil müsse verkauft werden.

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Verantwortung hin- und herschieben

Paetow erinnert: "Die Produktionskosten für die Bauern kann man zwar über Faktoren wie Futterverwertung und Platz ziemlich genau berechnen, wenn die Haltung sich verbessert. Was man nicht ausrechnen kann ist, wie viel die Konsumenten bereit sind, für bessere Haltungsbedingungen zu bezahlen."

Wenn es um Nachhaltigkeit in der Ernährung geht, wird aus seiner Sicht zu viel Verantwortung hin- und hergeschoben. "Wenn wir wirklich weiterkommen wollen, müssen wir das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachten", mahnt Paetow. Dazu trage der Lebensmitteleinzelhandel bei – aber auch Verbraucher, Verarbeiter, Bauern und Staat.

Über die Experten:

  • Hubertus Paetow ist Landwirt und Agrarfunktionär. Er ist Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG).
  • Prof. Dr. Alfons Balmann ist Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien und Leiter der Abteilung Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Agrarstrukturwandel, Agrarpolitik, Investition und Finanzierung und gesellschaftliche Verantwortung.
  • Prof. Dr. Achim Spiller lehrt "Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte" an der Georg-August-Universität Göttingen. Er forscht zu Nachhaltigkeitsmanagement, Animal Welfare und Supply Chain Management im Agribusiness.
    Spiller ist Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für "Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbrauchschutz".

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Hubertus Paetow
  • Interview mit Prof. Dr. Alfons Balmann
  • Interview mit Prof. Dr. Achim Spiller
  • Statistisches Bundesamt: 26,8 % aller Schweinefleisch-Exporte gingen im 1. Halbjahr 2020 in die Volksrepublik China 16.09.2020
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