Das Thema Videobeweis steht auch am 12. Spieltag im Mittelpunkt - vor allem deshalb, weil Deutschlands Schiedsrichter Nummer eins von seinem Video-Assistenten falsch beraten wird. Darunter leiden einmal mehr die Kölner.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Beim Dauerthema Videobeweis hat sich in der jüngsten Länderspielpause manches getan.

Hellmut Krug ist nicht mehr Projektleiter, diese Aufgabe hat stattdessen Lutz Michael Fröhlich, der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, selbst übernommen.

Außerdem haben die Supervisoren im Kölner Studio während der Spiele keinen Kontakt mehr zu den Video-Assistenten und werten nur noch deren Einsätze aus.

Alle Bundesligisten wurden noch einmal schriftlich über die Grundsätze des Videobeweises informiert.

Dazu gehört beispielsweise die Definition, wann ein klarer Fehler des Schiedsrichters vorliegt, der einen Eingriff des Video-Assistenten nach sich zieht.

Außerdem die Rollenverteilung und der Ablauf bei Einmischungen durch den Helfer vor dem Monitor.

Mit der personellen Konsequenz auf der Führungsebene, den veränderten Aufgaben der Supervisoren und der Klarstellung gegenüber den Vereinen hat der DFB auf die immer heftiger werdende Kritik reagiert, die von Klubs, Öffentlichkeit und Medien an der Umsetzung des Videobeweises geäußert wurde.

Schiri-Chef verspricht Transparenz, DFB-Präsident verwirrt

Bemängelt wurden vor allem fehlende Transparenz und Kommunikation sowie Unklarheiten in den Abläufen beim Einsatz des Videobeweises.

Zudem stand der Vorwurf im Raum, dass Projektleiter Krug mehrere Entscheidungen eines Video-Assistenten beeinflusst und damit seine Kompetenzen überschritten haben soll.

Lutz Michael Fröhlich gab in der bundesligafreien Zeit viele Interviews, versprach mehr Transparenz und Klarheit und versuchte, die Wogen zu glätten.

Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel bemühte sich öffentlich um eine Beruhigung der Debatte.

Dabei brachte er bei seinen Versuchen im Fernsehen und auf Facebook, die Kernpunkte des Videobeweises noch einmal zusammenzufassen, allerdings so viel durcheinander, dass weitere Verwirrung entstand.

Denn nicht wenige glaubten, die Auslegung der Regularien werde nun schon wieder verändert.

Der DFB musste deshalb auf seiner Webseite ein Interview mit Grindel nachlegen, in dem die Dinge geradegerückt wurden. Nicht gerade ein Musterbeispiel für gelungene Kommunikation.

Vom Video-Assistenten falsch beraten

Am Wochenende gab es insgesamt weniger Diskussionsbedarf über den Videobeweis als zuletzt. Allerdings wurde der Spieltag von einem folgenschweren Schnitzer des Video-Assistenten in Mainz überschattet.

Dort spielte der 1. FC Köln, der schon mehrmals in dieser Saison von strittigen oder falschen Einsätzen der Helfer im Studio gebeutelt worden war. Nun traf es ihn erneut.

Nach 42 Minuten ging der Mainzer Pablo De Blasis im Strafraum der Gäste, bedrängt von den Kölner Verteidigern Konstantin Rausch und Frederik Sörensen, zu Boden. Schiedsrichter Felix Brych entschied ohne jedes Zögern auf Strafstoß.

"Auf dem Platz war es für mich ein klarer Elfmeter", sagte er später im Interview des Senders Sky. Trotzdem setzte er sich mit seinem Video-Assistenten Tobias Welz in Verbindung, um sicherzugehen.

Welz habe ihm "einen Kontakt am Knie bestätigt", so Brych, deshalb sei es bei der Entscheidung geblieben.

Das aber war falsch, wie der Unparteiische einräumte, nachdem er sich die Bilder im Anschluss an das Spiel angesehen hatte: "Ich kann da keinen Kontakt erkennen."

Wie konnte der Video-Assistent so irren?

In der Tat war De Blasis höchst freiwillig hingefallen. Das aber wirft Fragen auf: Wie konnte der Video-Assistent sich so täuschen?

Und warum hat sich der Referee die Szene nicht selbst in der "Review Area" an der Seitenlinie angesehen?

Die letztgenannte Frage ist leicht zu beantworten: weil Tobias Welz zum selben Ergebnis kam wie Brych auf dem Feld und der Schiedsrichter deshalb keinen Anlass sah, die Wiederholungen mit eigenen Augen unter die Lupe zu nehmen.

Schwieriger zu erklären ist es, warum auch ein Video-Assistent irren kann, wo er doch jede Szene aus noch mehr Perspektiven betrachten kann als die Fernsehzuschauer. Und die haben die "Schwalbe" von De Blasis schließlich klar erkannt!

Extremer Zeit- und Entscheidungsdruck

Anders als sie stehen die Video-Assistenten allerdings unter extremem Zeit- und Entscheidungsdruck, überdies sind sie darauf angewiesen, dass ihnen ihre technischen Helfer, Operatoren genannt, binnen weniger Augenblicke aus über 20 Kameraeinstellungen die vier aussagekräftigsten zusammenstellen.

Wird dabei eine verpasst, die einen Sachverhalt besonders deutlich werden lässt, kommt der Video-Assistent womöglich zu einem falschen Schluss.

Doch vielleicht interpretiert er die Bilder auch von sich aus in der Kürze der Zeit falsch oder übersieht etwas Wesentliches.

Das sollte zwar möglichst nicht passieren, geschieht aber nun mal dort, wo Menschen urteilen. Mit zunehmender Erfahrung und Praxisübung dürften sich solche Fehler reduzieren.

Rote Karte für Donati kein klarer Fehler

In Mainz gab noch eine weitere diskussionswürdige Szene, als Giulio Donati wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit gegen den Kölner Leonardo Bittencourt die Rote Karte sah.

Eine zu harte Entscheidung von Felix Brych - aber auch eine regeltechnisch eindeutig falsche? Immerhin hatte Donati seinen Gegner leicht auf den Arm geschlagen.

"Ein klarer Fehler des Schiedsrichters liegt dann vor, wenn er seine Entscheidung nach Betrachtung des Bildmaterials unverzüglich ändern würde", heißt es in der Regularien für den Videobeweis.

Felix Brych bekräftigte im Sky-Interview den Feldverweis jedoch. Dass der Video-Assistent nicht eingriff, war somit richtig.

Doch der Diskussionsbedarf bleibt, weshalb DFB und DFL der Forderung vieler Bundesligaklubs nachkommen und noch in diesem Jahr einen Workshop zum Videobeweis veranstalten wollen, um noch deutlicher zu machen, wie denn nun ein klarer Fehler definiert ist.

Die DFL hat unterdessen ihre unlängst erhobene Forderung nach einer Strukturreform und einer weiteren Professionalisierung im Schiedsrichterwesen noch einmal untermauert. Die unruhigen Zeiten für die Referees und ihre sportliche Leitung werden wohl noch eine Weile andauern.

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