Nach der Absage von Thomas Tuchel rückt Eintracht Frankfurts Coach Niko Kovac ins Visier der Münchner. Doch ist der Kroate wirklich schon bereit, einen großen Verein wie den FC Bayern zu trainieren?

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer

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Bis Ende April will sich der FC Bayern auf einen neuen Trainer für die kommende festgelegt haben. Das bestätigte Karl-Heinz Rummenigge am Rande der 6:0-Gala des FC Bayern gegen Borussia Dortmund am Ostersamstag.

Die Liste der Kandidaten dünnt sich immer weiter aus. Nach dem endgültigen Nein von Jupp Heynckes zu einer erneuten Verlängerung seines Engagements winkten mit Thomas Tuchel und Ralph Hasenhüttl zwei Top-Kandidaten auf die Nachfolge ab.

Niko Kovac als "Nummer sicher"

Es ist nur logisch, dass sich das öffentliche Interesse deshalb immer stärker auf Niko Kovac konzentriert. Weitere deutschsprachige Kandidaten wie Lucien Favre oder Julian Nagelsmann dürften inzwischen nur noch Außenseiterchancen besitzen. Auch Rekordnationalspieler Lothar Matthäus legte sich unlängst auf Kovac fest und bezog sich dabei auf interne Informationen aus dem Verein.

Die Argumente für Kovac liegen auf der Hand. Er hat genau wie sein Bruder und Co-Trainer Robert den so wichtigen Bayern-Stallgeruch. Beide spielten mehrere Jahre in München und feierten 2003 gemeinsam mit Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamdzic eine Meisterschaft im FCB-Trikot.

Beide kennen somit die handelnden Personen und die besonderen Gegebenheiten in München - ein großes Plus gegenüber anderen Kandidaten, die sich erst einfinden müssten. Kovac wäre, wenn man so will, die "Nummer sicher" für die harmoniebedürftigen Bayern-Bosse.

Fraglos hat sich Kovac durch seine Arbeit bei der kroatischen Nationalmannschaft sowie vor allem seit eineinhalb Jahren bei Eintracht Frankfurt Respekt erworben. Er hat mit harter, disziplinierter Trainingsarbeit eine Einheit geformt und die Mannschaft dabei spielerisch immer weiter entwickelt.

Spielerische Weiterentwicklung in Frankfurt

Als Kovac im Frühjahr 2016 für Armin Veh übernahm, konzentrierte er sich zunächst auf eine stabile Abwehr und machte die Eintracht zu einer der stärksten Defensivmannschaften der Liga. 43 Gegentreffer im Vorjahr (sechstbeste Defensive) und bisher 32 in dieser Saison (viertbeste Defensive) sprechen eine deutliche Sprache. Seit diesem Sommer hat Kovac jedoch auch die Offensive sukzessive verbessert. Bereits nach 28 Spieltagen haben die Frankfurter mehr Treffer auf dem Konto (39) als in der gesamten Vorsaison (36).

Längst setzt sein Team nicht mehr ausschließlich auf die lange Zeit so stilbildenden weiten Schläge. Immer häufiger befreien sich die Mannen um Routinier Makoto Hasebe, der von Kovac ziemlich überraschend in die Abwehrzentrale zurückgezogen wurde, auch spielerisch aus der Umklammerung der jeweiligen Gegner.

Reicht es für die Champions League?

Trotzdem liegt genau hier die große Unbekannte. Eintracht Frankfurt agiert in dieser Saison mit Ballbesitzwerten um die 48 Prozent und hat trotz der guten Tabellenposition häufig den Luxus, den Gegner kommen lassen zu können. In München gibt es diesen nie - egal ob der Gegner Augsburg oder Manchester City heißt: Die Münchner waren unter Heynckes und Pep Guardiola zuletzt vor allem dann erfolgreich, wenn sie die richtige Balance zwischen einem zupackenden Gegenpressing und einem starken Positionsspiel mit Ball gegen tiefstehende Gegner fanden.

Beides auf allerhöchstem Niveau miteinander zu vereinen, ist so etwas wie die Königsaufgabe für einen Fußball-Trainer. Daran gescheitert sind schon deutlich profiliertere Trainer als Kovac -zuletzt der hochdekorierte Carlo Ancelotti.

Der FC Bayern braucht einen Trainer, der in der Lage ist, in einem Champions-League-Halbfinale gegen die finanziell hochgerüstete Konkurrenz aus Paris, Barcelona oder Manchester einen Unterschied machen zu können. Kann Kovac das? Ist er in der Lage, gegen Taktikgenies wie Guardiola, Klopp, Conte oder Tuchel zu bestehen, wenn es darauf ankommt? Eine gewisse Skepsis bleibt - vor allem, weil der Nachweis auf internationalem Niveau bisher fehlt.

Auch wenn also Stand heute viel für ihn spricht: Ohne Risiko wäre auch eine Verpflichtung von Kovac für den FC Bayern nicht.

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