Beim Champions-League-Debakel des BVB in Amsterdam versprühte die Dortmunder Fanszene wieder die sehnsüchtig erwartete Atmosphäre auf den Rängen: Gesänge, Fahnen – und Pyrotechnik. So sehr sich Fußballfans auf den Wert der ersten beiden Dinge verständigen können, so sehr scheiden sich die Geister beim Thema Feuerwerkskörper.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Der Konflikt um den Einsatz von Pyrotechnik in den Fankurven ist gefühlt so alt wie die Ultrabewegung in Deutschland selbst. Gehörte eine in Rot getauchte Dortmunder Südtribüne bis in die 90er Jahre hinein zur üblichen Kulisse eines Stadionbesuchs, wurden im Zuge der voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs die einstigen "Freudenfeuer" in der breiten Öffentlichkeit immer verpönter.

Für die Ultragruppen in Deutschland hingegen, die sich Ende der 90er, Anfang der 2000er formierten, gehört Pyrotechnik seit jeher als Stilmittel zu einem Stadionbesuch ebenso dazu wie eine Fahne oder eine Trommel. Konflikte waren hier also schon immer vorprogrammiert.

Juristisch ist die Sache eindeutig

Pyrotechnik ist in deutschen Stadien verboten und wird nicht nur strafrechtlich verfolgt, sondern auch von den Vereinen im Rahmen ihres Hausrechts mit teils langjährigen Stadionverboten bestraft.

Die Ultrabewegung als rebellische Jugendkultur hat dies natürlich nie am Einsatz von Feuerwerkskörpern gehindert. Mit teils findigen Schmuggel-Varianten, Vermummung und anderen Tricks vergeht kein Wochenende, an dem es nicht in irgendeiner deutschen Kurve brennt.

Pyro im Stadion: Legalisierungsversuche und der gescheiterte Dialog mit dem DFB

Ungeachtet dieser Auflehnung der Fankurven mangelte es in den vergangenen Jahren nicht an Versuchen, die Nutzung von Pyrotechnik zu legalisieren. Ganz im Gegenteil: Diverse Pilotprojekte und der Dialog mit Vereinen und dem DFB mündeten 2011 in die bundesweite Fan-Kampagne "Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren".

Im Zentrum stand die Forderung nach legalen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Feuerwerkskörpern. Die Message war deutlich: "Wir lieben die Pyrotechnik, so wie wir unsere Zaunfahnen, Choreografien, Gesänge lieben. Und: wir werden sie uns nicht nehmen lassen. Bengalische Feuer und die bunten Farben des Rauchs sind feste Bestandteile der Fankultur."

Neben dieser Forderung verpflichteten sich nahezu alle deutschen Gruppen allerdings auch zur Selbstregulierung: Böller seien ebenso tabu wie das Werfen von Pyrotechnik in benachbarte Blöcke oder auf das Spielfeld.

Dieses diplomatische Ansinnen endete jedoch im Fiasko: Der DFB wollte plötzlich weder davon gewusst haben, dass den Fanszenen Hoffnung auf eine Legalisierung gemacht wurde, noch wollte man überhaupt eingestehen, dass es einen Dialog gegeben habe. So war es kein Wunder, dass die Ultras verbittert auf diese Gespräche zurückblickten: "Die Verbände haben uns verarscht", war das Fazit.

Warum der lange historische Exkurs? Nun, seit jenem Dialog vor zehn Jahren hat sich die Situation in Deutschland im Grunde nicht verändert. Die Szenen zünden weiter vor sich hin, die Verbände und Vereine nehmen es manchmal hin, manchmal werden auch Strafen ausgesprochen, kurzum: Die Fronten sind verhärtet.

Bengalische Feuer: gefährlich, aber stimmungsvoll

In den Fanszenen selbst ist das Thema jedoch auch nicht unumstritten, wie der brennende Dortmunder Gästeblock in Amsterdam gut illustriert.

Von "Gänsehaut-Atmosphäre" und "coolen Bildern" war da in Fan-Kreisen oder in den sozialen Netzwerken ähnlich häufig die Rede wie vom "ätzenden Qualm" und drohenden Strafen der UEFA, die die "Pyro-Idioten" doch bitte selbst zahlen sollen. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte.

Sicher: Jeder Fan, der Pyrotechnik nutzt, darf sich im Zweifel über eine Strafe nicht beschweren. Auch die Gefahren darf man nicht herunterspielen, schließlich reden wir über mehrere tausend Grad heiße Fackeln.

Umso bedauerlicher ist es, dass der DFB 2011 den Dialog mit den Fans torpediert hat: Hätte man einen legalen Rahmen festgelegt, wäre das Abbrennen auch deutlich sicherer geworden (etwa durch bestimmte Zonen oder zertifiziertes Material). Ein weiterer Aspekt, der in Zeiten der Klimabewegung nicht außer Acht gelassen werden sollte und auch alljährlich an Silvester diskutiert wird: Umweltschutz. Feuerwerkskörper bedeuten schließlich auch Feinstaub, CO2 und Müll.

Umgang mit der Pyrotechnik

Auf der anderen Seite muss man konstatieren, dass die mitunter hysterisch geführte Debatte rund um Pyrotechnik der Sache in keiner Weise gerecht wird. Wenngleich das Thema unter Fans nicht unumstritten ist - für den regelmäßigen Kurvengänger ist das ein oder andere "Bengalo" überhaupt keine Aufregung mehr wert.

Jeder, der schon einmal mitten im Geschehen stand, weiß: In aller Regel gehen die Protagonisten damit verantwortungsvoll um, sorgen für den nötigen Abstand und kündigen an, dass es in Kürze "brennen" wird. Folglich ist es nicht schwierig, sich der Situation einfach zu entziehen.

Pyrotechnik Randale?

Umso irritierender sind die Bemerkungen von Kommentatoren, Journalisten und anderen Experten, in denen Pyrotechnik hierzulande stets mit Randale gleichgesetzt wird. Wenn gleiche Personen bei feurigen Begegnungen mit türkischer oder griechischer Beteiligung plötzlich von "südländischer Atmosphäre" schwärmen, ist das schlichtweg bigott.

Solange die Fronten verbands- und fanseitig so verhärtet bleiben, wird der Konflikt jedoch mit Sicherheit nicht durch die Öffentlichkeit gelöst werden können. Das bedeutet: Pyrotechnik wird es weiterhin in den Kurven geben, die individuellen und kollektiven Strafen allerdings auch.

Eine Sache können aber auch die größten Gegner von Pyrotechnik nicht ernstlich bestreiten: Eine in Rot getauchte Fankurve gibt schlicht und ergreifend ein faszinierendes Bild ab.

Verwendete Quellen:

  • swr.de: Warum "kein Feuerwerk" gut für Gesundheit und Umwelt ist
  • spiegel.de: "Die Verbände haben uns verarscht"
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