Während Wladimir Putin auf der Krim Fakten schafft, reibt sich die Weltöffentlichkeit noch verwundert die Augen. Kaum ein Experte hatte die Kompromisslosigkeit des russischen Präsidenten vorausgesehen. Aufgrund der jüngsten Äußerungen der russischen Abgesandten im deutschen Fernsehen und des Informationskriegs, der über Kanäle wie den staatshörigen Nachrichtensender "Russia Today" tobt, scheint eines klar: Russland ist mit der Ukraine längst noch nicht fertig. Eine Analyse.

Es waren klare Worte des Gesandten der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin, Oleg Krasnitskiy, am Donnerstagabend bei der Diskussion im "Studio Friedman". Nicht zuletzt durch die bekannt penetranten Nachfragen von Moderator Michel Friedman wurde die russische Sicht auf den Krim-Konflikt sehr deutlich: Wenn die Zustände in der Süd- und Ost-Ukraine aus dem Ruder liefen und die Regierung die dortige russische Bevölkerung bedroht sähe, sei auch dort eine Einmischung Russlands nicht ausgeschlossen. Es scheint, als hätte Putin noch Pläne mit der Ukraine.

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Geopolitisch jedenfalls scheinen für Putin weitere Annexionen sogar geboten. Denn die neue Braut Russlands hat einen Schönheitsfehler: Derzeit ist die Halbinsel Krim vom russischen Festland aus nicht erreichbar. Die Versorgung über das Meer und den Luftweg wäre auf Dauer umständlich und kostspielig. Darauf haben bereits vor Monaten Experten wie Stephan Meuser oder Anna Veronika Wendland vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg hingewiesen. Freilich damals ohne das Wissen, wie weit Putin das Spiel mit russischer Ehre und Nation am Ende wirklich treiben würde.

"Wenn in Kiew der Schalter umgelegt wird, sitzt die Krim im Dunkeln", hatte es Wendland in einem Interview zusammengefasst. Von Nahrung bis zu Energie muss alles, was auf dem Landweg in die Krim soll, über ukrainisches Staatsgebiet geliefert werden. Folgerichtig geisterte in dieser Zeit auch die eigentlich begrabene - weil zu teure - Idee einer Brücke über die Straße von Kertsch durch die Medien. Strategisch und finanziell günstiger wäre da nur der Landweg auf die Krim - der ohne weitere Gebietsübernahmen aber nicht zu machen ist.

Massive Medienkampagne genügt

Wie die aktuellen Beispiele zeigen, benötigt Russland noch nicht einmal eine reale Bedrohung, um einzugreifen. Es genügt eine massive Medienkampagne voller Halbwahrheiten, um eine Intervention zu rechtfertigen. Das belegt der Blick auf den international ausgestrahlten Nachrichtensender "Russia Today": Während westliche Medien noch in Schockstarre verharrten, gab es in dem von Moskau gesteuerten Sender in den vergangenen Wochen kaum ein anderes Thema als die rechtsradikalen Kräfte, die sich bis heute im neuen ukrainischen Parlament tummeln.

Dass die Gefahr, die von den ukrainischen Rechtsradikalen ausgeht, nicht unterschätzt werden darf, wird niemand bestreiten. Dass sich die Berichterstattung von "Russia Today" jedoch fast ausschließlich um jene Minderheit drehte und die "Gefahr durch die Nationalisten" bis zur Intervention fast gebetsmühlenartig über Tage hinweg wiederholt wurde, scheint vor allem auf eines hinzudeuten: Hier werden mit der Macht der Medien Dinge hochgespielt, die den russischen Interessen dienen und ein militärisches Eingreifen rechtfertigen. Auch der russische Gesandte beruft sich schließlich auf diese Behauptungen: Der Schutz vor diesen Radikalen sei es unter anderem gewesen, der ein Einschreiten auf der Krim nötig gemacht habe, so Krasnitskiy bei Friedmann.

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Wenn das Fernsehen also ein Gradmesser der russischen Befindlichkeiten ist, sind die neuesten Entwicklungen so folgerichtig wie beängstigend. Denn der Fokus hat sich verschoben: Nun erzählen Menschen aus der Ost-Ukraine, wie sehr sie "angesichts der täglichen Bedrohungen" um ihr Leben fürchten, so die Schlagzeilen. Weinende Frauen, besorgte Männer, pro-russische Demonstrationen werden gezeigt - der starke Bruder möge doch für Ordnung sorgen, lautet der Tenor. Im Halbstunden-Takt flimmern diese Botschaften seit Freitag - dem Tag, an dem Putin die Verträge zur Eingliederung der Krim unterschrieb - über die Bildschirme.

Russlands Hunger nicht gestillt

Wenn die Logik der russischen Strategie dem bisherigen Schema folgt, kann der neue Medien-Fokus auf die Ost-Ukraine nur eines bedeuten: Russlands Hunger ist noch nicht gestillt.

Wirklich zu befürchten hat Putin dabei genau betrachtet eher wenig: Europa ist stark mit der russischen Wirtschaft verzahnt. Harten wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland steht die Angst der Europäer entgegen, selbst wieder in die gerade überstandene Krise zu rutschen. Auch ein Waffengang in Europa scheint undenkbar, solange kein Nato-Partner angegriffen wird. Also ein sicheres Spiel für Putin?

Die Rechnung für diesen Husarenstreich wird wohl erst später serviert. Denn das tiefe Misstrauen zwischen West und Ost aus dem Kalten Krieg, das sich in den vergangenen Jahren scheinbar etwas gelegt hatte, meldet sich nun mit voller Wucht zurück - wiederbelebt für ein Stück Land als Trostpflaster für die russische Seele. Ein unheilvoller Kreislauf hat begonnen, der Europa noch sehr lange beschäftigen wird. Ganz gleich, wer im nächsten Monat der Herr über die Süd- und Ost-Ukraine sein wird.