Der Sudan wird von bürgerkriegsähnlichen Zuständen erschüttert. Das Militär und eine paramilitärische Miliz kämpfen um die Herrschaft. Doch warum kommt es gerade im Sudan immer wieder zu Konflikten?

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von David Bieber sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Im Sudan tobt die Gewalt zwischen dem Militär und einer paramilitärischen Miliz trotz einer vereinbarten Waffenruhe von Dienstagabend, 18. April, unverdrossen weiter. Von den seit vergangenem Samstag, 15. April, andauernden Kämpfen betroffen sind mittlerweile weite Landesteile des nordostafrikanischen Landes mit mehr als 45 Millionen Einwohnern.

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Auch in der Krisenregion Darfur wird gekämpft. Der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für den Sudan, der Deutsche Volker Perthes, sprach am Montagabend, 17. April, nach Angaben der taz von 185 Toten und mehr als 1800 Verletzten. Die tatsächliche Opferzahl dürfte weit höher liegen.

Das kriegsgebeutelte Land kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Das hat unterschiedliche Gründe. Ethnische Konflikte und politische Spannungen, gepaart mit korrupten Eliten, gibt es de facto immer schon in dem früheren Vielvölkerstaat Sudan, der sich 2011 in einen eher arabisch-muslimischen Norden und einen christlich-afrikanischen Süden gespalten hat. Dem sind Jahre des blutigen Krieges für Freiheit und Unabhängigkeit der Süd-Sudanesen vorausgegangen.

Der instabile Sudan hatte bis vor vier Jahren für mehr als 25 Jahre unter dem Joch von Diktator Omar al-Baschir gestanden.

Burhan gilt als starker Mann im Sudan

Nach der Absetzung des brutalen langjährigen Diktators al-Baschir im Jahr 2019 hat es das Land nicht geschafft, eine Zivilgesellschaft zu bilden, Wahlen abzuhalten und eine demokratische (Übergangs)-Regierung zu bestimmen. Es kam schnell zu einem Machtvakuum und einem Militärputsch.

Ein erster Versuch des Übergangs zu einer zivilen Regierung war im Oktober 2021 mit einem von General Abdel Fattah Burhan angeführten Putsch beendet worden. Seither gilt Burhan als starker Mann in Sudan. Und seither steht Burhan die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF) von General und Militärchef-Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, auch Hametti genannt, gegenüber.

"Hintergrund des aktuellen Konfliktes ist die Rivalität der beiden führenden Generäle Burhan und Daglo um die Machtposition in Sudan. Die RSF hat auch bei den seit 2019 stattfindenden Demonstrationen in der Hauptstadt Khartum auf Demonstranten geschossen und viele getötet", erklärt Sudan-Expertin Hannelore Kußerow, Forscherin an der Freien Universität (FU) Berlin.

Russland mischt sich in den Konflikt ein

Wieder einmal mischt auch Russland mit in dem Konflikt, wie etwa auch in Mali, Burkina Faso oder in der Zentralafrikanischen Republik. Überall dort geht die private Eingreiftruppe Wagner von Jewgeni Prigoshin in Diensten der dortigen Regierungen gegen Oppositionelle vor oder sorgt für den Schutz der Regierung. "Die Russen sind natürlich an einem obersten General Daglo – hinter ihm steht Wagner – interessiert, würde sich doch der Einflussbereich des Kremls dann auch über den Sudan erstrecken", meint Kußerow, die selbst im Sudan lebte.

Die Expertin zeigt die Verflechtungen auf Seiten der RSF und ihrem Anführer auf. Daglo kontrolliere Goldlagerstätten im Norden des Sudan; Russland braucht den Zugang zum Gold, um etwa den Krieg in der Ukraine fortführen zu können. "Im Gegenzug wird die RSF von Wagner aufgerüstet."

Die erneute Verschiebung des neuen Anlaufs zu einer Zivilregierung im Sudan erfolgte Anfang April in einer schwierigen Phase. Verhandlungen für eine Reform der Sicherheitskräfte zwischen dem Militär und der RSF waren offenbar in einer Sackgasse angelangt, heißt es in Berichten.

Seit Längerem eskaliert der Konflikt zwischen Militärregierung und RSF

Das Ziel sei es, die berüchtigte RSF, deren Mitglieder früher größtenteils der Bashir-treuen Dschandschawid-Miliz angehörten, die schon vor mehr als 20 Jahren in Darfur gekämpft und sich nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, in die regulären Streitkräfte zu überführen. Das ist nach Expertenansicht auch der Auslöser des jetzigen Konflikts.

Der Konflikt hinsichtlich der Eingliederung der RSF ins sudanesische Militär blockiert das Übergangsabkommen, somit das ganze Land und den Übergang zu einer zivilen Regierung.

Bereits im Dezember 2022 hatten sich RSF und prodemokratische Gruppierungen für ein vorläufiges Abkommen zur Wiederherstellung des Übergangs zu einer Zivilregierung starkgemacht. Dies, obwohl die Streitkräfte der RFS vor vier Jahren Kußerow zufolge noch auf prodemokratische Demonstranten gefeuert hatten.

Die Männer um Vize-General Daglo wollen unbedingt verhindern, dass die Militärregierung unter Burhan weiter an der Macht bleibt. Daher hatten sie sich auch im vergangenen Jahr für eine Übergangsregierung eingesetzt. Wohl nicht aus demokratischem Ansinnen, sondern aus machtpolitischem Kalkül – ine neue und schwache Übergangsregierung kann womöglich leichter gestürzt werden als das Militär.

Dem Sudan droht der Zerfall

Der gewaltsame Konflikt hat zuletzt die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg im Sudan aufkommen lassen. Die Nachrichtenagentur AP zitierte die sudanesische Menschenrechtlerin Tahani Abass, die explizit von Krieg sprach, denn es ständen sich zwei ausgebildete Einheiten gegenüber.

Der Sudan scheint sich angesichts der jüngsten kriegerischen Handlungen in einer schier unaufhaltsamen Abwärtsspirale von ökonomischer Verarmung und politischer Instabilität zu befinden, die zwangsläufig in einen Krieg führen muss.

Dem Land droht nun eine weitere Etappe des Zerfalls. Damit diese düstere Aussicht für mehr als 45 Millionen Menschen, die noch nie wirklich etwas anderes kennengelernt haben als Gewaltherrschaft und Krieg, nicht Realität wird, braucht es politische Verhandlungen mehr denn je.

Die Arbei der UN-Organisationen im Sudan ist aktuell ausgesetzt

"Um die Situation in Khartum und den anderen Landesteilen zu entschärfen und einen möglichen Bürgerkrieg und ein Auseinanderbrechen des drittgrößten afrikanischen Landes zu verhindern, müssten vor allem die muslimischen Anrainerstaaten um Ägypten, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien auf beide Kontrahenten so einwirken, dass diese an den Verhandlungstisch zurückkehren", erklärt Kußerow. Die Afrikanische Union (AU) und die USA hätten ebenfalls starke Einflussmöglichkeiten, letztere aber vermutlich nur auf General Burhan.

Während zahlreiche afrikanische und westliche Staaten sowie internationale Organisationen zu einer Feuerpause und Friedensverhandlungen aufrufen, ist die Arbeit von UN-Organisationen vor Ort, an erster Stelle die des Welternährungsprogramms WFP und des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, aktuell ausgesetzt. Die rund 4.000 UN-Angestellten im Sudan, darunter 800 Ausländer, könnten ihre Häuser nicht verlassen, gab am Dienstag UN-Sprecherin Alessandra Velucchi in Genf bekannt. "Drei UN-Mitarbeiter wurden bereits in N-Darfur getötet", sagt Kußerow.

Angriff auf UN-Konvoi

Die RSF soll laut Agenturberichten einen von der sudanesischen Armee geschützten UN-Konvoi angegriffen haben. In Reaktion suspendierte das WFP in ganz Sudan seine Arbeit. "Wenn auf internationale Helfer geschossen wird, können sie keine Lebensmittel verteilen", erklärt Kußerow pragmatisch.

Am Montagabend, 17. April, wurde zudem der irische EU-Repräsentant Aidan O’Hara in seiner Residenz angegriffen und ein Autokonvoi des US-Botschafters beschossen, in beiden Fällen ebenfalls mutmaßlich von der RSF.

Auch eine niedrige dreistellige Zahl an deutschen Staatsangehörigen befindet sich im Sudan. Ihre Evakuierung ist wegen Sicherheitsbedenken vorerst abgebrochen worden.

Über die Expertin:
Priv.-Doz. Dr. Hannelore Kußerow ist Naturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf den Ländern der Sahel-Zone und den Sudan an der FU Berlin. Sie forscht seit vielen Jahren zu Desertifikation, Ressourcenschutz, Krisenfrüherkennung und Sicherheitspolitik in der Sahel-Zone und im Sudan.

Verwendete Quellen:

  • taz.de: 24 Stunden Feuerpause
  • wfp.org: Statement by WFP Executive Director on developments in Sudan
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