Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele hat doppelt Grund zum Feiern: Zu seinem 80. Geburtstag an diesem Freitag steht seine Partei im Zenit ihres Erfolges. Ströbele aber beäugt den Höhenflug skeptisch, wie der Politiker im "Unruhestand" im Interview mit unserer Redaktion sagt.

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Herr Ströbele, die Grünen sind bei der Europawahl die zweitstärkste Kraft geworden. Ist damit ihr größter Wunsch zum 80. Geburtstag schon erfüllt?

Hans-Christian Ströbele: Man muss jetzt erst einmal sehen, ob der Erfolg in diesem Maße Bestand hat. Dafür gibt es Indizien, aber keine Gewissheit. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder erlebt, dass sich so etwas schnell ändern kann.

Sie trauen dem Frieden nicht recht.

Natürlich nicht. Diese Dimensionen, wie sie sich zuletzt in den Zahlen ausgedrückt haben, haben mich überrascht.

Welchen Wunsch haben Sie dann zu Ihrem runden Geburtstag?

Ich wünsche mir nichts, sondern bin sehr zufrieden, dass ich das reife Alter von 80 Jahren jetzt erreiche.

Großen Anteil am Erfolg der Grünen hat die Doppelspitze aus Annalena Baerbock und Robert Habeck, der ja bei den Wählern sehr beliebt ist. Zwei Realos ziehen die Strippen - ist das noch Ihre Partei?

Die beiden haben einen sehr guten Job gemacht, das ist nicht zu übersehen. Sie sind im Gegensatz zu anderen Politikern – besonders zu denen der ehemaligen Volksparteien – tatsächlich in der Lage, Vertrauen zu wecken und Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Ob Realo oder Fundi ist jetzt erst einmal egal. Es kommt darauf an, welche Politik herauskommt, wenn es zu einer Regierungsbeteiligung kommt.

Eben haben Sie noch die Erwartungen gedämpft. Jetzt spekulieren Sie auf eine Regierungsbeteiligung - am Ende mit einem Kanzler von den Grünen?

Denkbar ist das selbstverständlich. Aber ich glaube nicht an baldige Neuwahlen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass Union und SPD so große Angst vor starken Verlusten haben, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um vorgezogene Wahlen zu verhindern.

Wen sähen Sie denn gerne als Bundeskanzler der Grünen - Habeck?

Na, das sage ich Ihnen dann beizeiten.

Gesetzt den Fall, die Grünen wären nach der nächsten Wahl stärkste Kraft: Mit wem würden sie koalieren?

Eine Koalition mit SPD und Linken wäre das Beste, aber wenn die SPD so weitermacht, würde es für Grün-Rot-Rot ja gar nicht reichen. Mit der Union zu regieren, wird sehr schwierig, aber man soll nie etwas ausschließen.

Schwarz-Grün auf Bundesebene ist für Sie kein No-Go?

Nein, aber ich war immer skeptisch, was das angeht und bin es weiterhin. Ich bin auch ganz froh, dass es mit der Jamaika-Koalition nicht geklappt hat. Wir Grüne stünden jetzt vermutlich nicht so da, wenn wir in den Zwängen einer Koalition wären. Es hat sich ja abgezeichnet, dass einige zentrale Forderungen der Grünen, gerade zum Klimaschutz, nicht im Koalitionsvertrag untergekommen wären.

Bei aller Konkurrenz: Hatten Sie in den vergangenen Tagen Mitleid mit Andrea Nahles? Viele haben ja den harten Ton ihr gegenüber kritisiert - und immerhin waren Sie Anfang der 1970er-Jahre selbst SPD-Mitglied.

Ich weiß nicht, was sich genau abgespielt hat, aber wenn es so heftig zugegangen ist, wie man hört, war das für Nahles natürlich sehr unangenehm. Natürlich kann man im Nachhinein sagen, das eine oder andere hätte man besser lassen oder zumindest im direkten Gespräch klären sollen. Aber in einer Situation, da bei Neuwahlen ein erheblicher Teil der Abgeordneten das Mandat zu verlieren droht, kann ich nachvollziehen, dass der eine oder andere zu Verzweiflungstaten neigt. Und ich war immer der Meinung, dass Andrea Nahles nicht die Kandidatin ist, die der SPD mehr Stimmen bringen kann.

Warum nicht?

Weil sie nicht durchsetzt, was sie vor der Wahl versprochen hat. Genau wie Angela Merkel. Die wollte schon vor 15 Jahren Klimakanzlerin sein, aber getan hat sich nichts.

Beim Stichwort Klimaschutz: Wie beurteilen Sie die "Fridays for Future"-Proteste der Schüler?

Ich bin voll auf deren Seite. Obwohl ich stark gehbehindert bin, war ich auf zwei Demonstrationen in Berlin. Das ist ein revolutionäre, wirklich umwälzende Bewegung. Dass sich so viele junge Menschen für Klima- und Umweltschutz engagieren und sich nicht mit wohlwollenden Worten abspeisen lassen, gibt zu großer Hoffnung Anlass.

Eine "revolutionäre Bewegung" - fühlen Sie sich da an die 68er erinnert?

Ich habe mit einigen Teilnehmern über diese Frage gesprochen. Ich sehe zwei wesentliche Unterschiede: Anders als die Proteste in den 1960er-Jahren ist "Fridays for Future" auf ein Thema fokussiert. Und die Bewegung schwimmt auf einer Welle der Sympathie, während damals eigentlich die ganze Welt gegen uns war. Die Medien, die Parteien, die Polizei und auch ganz überwiegend die Bevölkerung - alle haben uns beschimpft.

Wo wir schon bei dieser Zeit sind: Sie haben wiederholt angekündigt, zu Ihrer Arbeit für die 68er-Aktivisten und zur Verteidigung der RAF-Terroristen noch etwas aufschreiben zu wollen. Was dürfen wir da erwarten?

In der Tat habe ich mir das vorgenommen, nachdem ich aus dem Bundestag ausgestiegen bin. Bisher bin ich aber nicht dazu gekommen - ich habe zu viel mit körperlichen Malaisen zu tun.

Mir scheint, dass Sie sich schon eher im "Unruhestand" als im Ruhestand befinden. Gönnen Sie sich denn wenigstens an Ihrem Geburtstag eine Verschnaufpause?

Ich plane, was ich bei runden Geburtstagen schon mehrfach gemacht habe: Ich schippere mit vielen Gästen in einem Solarboot über die Spree und den Landwehrkanal. Damit will ich auch ein politisches Zeichen setzen: Die vielen stinkenden Dieselboote, die die Spree rauf und runter fahren - teilweise im Abstand von nur 30 Metern - müssen durch Solarboote ersetzt werden. Die fahren allein mit der Kraft der Sonne und sind außerdem super leise.