Erneut ist die Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen gestiegen – für viele ein Alarmsignal. Ein Experte erklärt, warum ihm diese Entwicklung keine Angst macht und welche Lösungsstrategien es gegen einen weiteren Anstieg gibt.
Seit dem Ende der Corona-Pandemie steigt die Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen. Auch die kürzlich veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2024 zeigt diesen Trend: Bei Jugendlichen (14 bis unter 18 Jahre) gab es einen Anstieg um 3,8 Prozent, bei den Kindern (unter 14 Jahre) sogar um 11,3 Prozent. Das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnet im Langzeitvergleich erneut Höchststände bei dem Anteil der Kinder mit 7 Prozent und der Jugendlichen mit 15,9 Prozent an allen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität.
Bezogen auf alle Straftaten zeigt sich eine positive Entwicklung: Die Anzahl der tatverdächtigen Kinder sinkt im Vergleich zum Vorjahr um 2,3 Prozent, bei den Jugendlichen sogar um 6,9 Prozent. Vergleicht man diese Zahlen jedoch mit 2019, dem Jahr vor Ausbruch der Corona-Pandemie, sind die Zahlen deutlich gestiegen: 2024 gab es im Vergleich zu 2019 einen Anstieg von 39,8 Prozent bei tatverdächtigen Kindern und von 8,9 Prozent bei Jugendlichen. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?
Welche Fälle zählen in die Kriminalstatistik?
- Das Bundeskriminalamt veröffentlicht jährlich die Polizeiliche Kriminalstatistik.
- In dieser werden alle der Polizei bekanntgewordenen und durch sie endbearbeiteten Straftaten erfasst, das sogenannte Hellfeld. Wird eine Straftat beispielsweise nicht zur Anzeige bekannt, zählt sie auch nicht in die Statistik.
- Es gibt daher ein großes Dunkelfeld von nicht erfassten Straftaten.
Hat die Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche krimineller werden lassen?
Frank Häßler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rostock, sagt unserer Redaktion: "Natürlich regt der Anstieg erst einmal zur Überlegung an. Angst macht er mir nicht, weil er auch gut zu erklären ist." Die Maßnahmen in der Corona-Pandemie hätten Kinder und Jugendliche "am härtesten getroffen", was Isolierung, fehlende Bildung und fehlende soziale Kontakte angehe. Auch laut Bundeskriminalamt (BKA) ist der Anstieg womöglich auf Spätfolgen der Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie zurückzuführen.
Nun zeige sich laut Häßler ein sogenannter Nachholeffekt: Kinder und Jugendliche leben verstärkt aus, was sie durch die Einschränkungen verpasst haben. Manche legen etwa mehr grenzüberschreitendes und abenteuergeprägtes Verhalten an den Tag, wie Häßler beschreibt.
Was versteht man unter Gewaltkriminalität?
- Unter dem Begriff Gewaltkriminalität werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik einem BKA-Sprecher zufolge verschiedene Delikte zusammengefasst, die der mittelschweren bis schweren Kriminalität zuzuordnen sind. Konkret handelt es sich um folgende Straftaten:
- Mord
- Totschlag und Tötung auf Verlangen
- Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschl. mit Todesfolge
- Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer
- Körperverletzung mit Todesfolge
- Gefährliche und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien
- Erpresserischer Menschenraub
- Geiselnahme
- Angriff auf den Luft- und Seeverkehr
Werden kriminelle Kinder auch im Erwachsenenalter straffällig?
Im vergangenen November sagte BKA-Präsident Holger Münch in einem Interview mit der "Zeit" mit Blick auf die Folgen der Corona-Pandemie, es sei nicht auszuschließen, "dass Kinder und Jugendliche, die heute mit Gewalttaten auffällig werden, auch im Erwachsenenalter weitere Straftaten begehen".
Frank Häßler sieht dies etwas differenzierter: "Alle Studien weisen darauf hin, dass die meisten Straftaten eher jugendtypisch sind, also punktuell in einer bestimmten Entwicklungsphase stattfinden, wo auch Gruppendruck, Gruppenzwang, Substanzmissbrauch und Substanzabhängigkeit eine große Rolle spielen. Das heißt, die wenigsten Kinder oder Jugendlichen, die kriminell auffällig werden, nehmen dieses antisoziale, delinquente Verhalten mit in das Erwachsenenalter." Es gebe nur "eine ganz kleine Gruppe von jugendlichen Intensivtätern", die auch später als Erwachsene kriminell auffällig sind.
Diese Einschätzung bestätigt auch ein BKA-Sprecher unserer Redaktion: "Kriminologischen Erkenntnissen zufolge endet jugendtypische Kriminalität, wie Sachbeschädigung oder weniger schwere Formen der Eigentumskriminalität, oftmals im frühen Erwachsenenalter, ohne dass es einer Intervention bedarf. Die meisten der heute polizeilich auffälligen Jugendlichen werden somit spätestens in einigen Jahren voraussichtlich nicht mehr auffällig sein."
Er weist aber darauf hin, dass schwerwiegendere Taten, etwa schwere Körperverletzung, "ein Indikator für eine ernstzunehmende Fehlentwicklung und ein Warnsignal sein" können, "dass weitere Straftaten – auch über die Zeit der Jugend hinaus – zu befürchten sind". Und er betont: "Wenn die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen, insbesondere bei schwereren Gewaltdelikten, insgesamt zunimmt, (…), ist nicht auszuschließen, dass auch die Zahl dieser längerfristig auffälligen Personen steigt."
Facharzt Frank Häßler wirft einen positiven Blick in die Zukunft: "Ich gehe eher davon aus, dass wir in den nächsten zwei, drei Jahren wieder einen Rückgang der Gewaltkriminalität haben werden."
BKA-Präsident Holger Münch erwartet, dass die von Spätfolgen der Pandemie betroffenen Minderjährigen in den nächsten Jahren weiter "erhöht auffällig sein werden, auch als Heranwachsende". Das bedeute: "Man muss sich um diese Zielgruppe besonders kümmern." Ähnlich äußert sich auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser: "Wir müssen die Prävention stärken – und wir müssen bei den sozialen Ursachen ansetzen, die sich hinter Kriminalität und Gewalt verbergen."
Wie kann man Kriminalität vorbeugen?
Für Frank Häßler ist der Strafvollzug "Ultima Ratio, die letzte Möglichkeit einer Korrektur, die in der Regel nicht greift". Deswegen sei er auch gegen eine Absenkung des Strafmündigkeitsalters. "Alle Möglichkeiten vorher müssen ausgeschöpft werden", betont er. Dazu zählt Häßler das Elternhaus, die Schule, das Jugendamt sowie die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Laut ihm brauche es ein "Netzwerk oder ein Potpourri aus diesen einzelnen Bausteinen", damit vom Weg abgekommene Kinder und Jugendlichen wieder auf den richtigen Pfad kommen.
Eine Primärprävention sieht Häßler als gesellschaftlichen Auftrag: "In dem Moment, wo ich sozial gut eingebunden bin, wo ich Vertrauen zu meinen eigenen Fähigkeiten habe, wo ich eingebunden bin, zum Beispiel außerschulisch in Vereinen, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ich überhaupt straffällig werde." Zudem bräuchten Kinder und Jugendliche – mehr als Erwachsene – Anerkennung und Erfolgserlebnisse. Es sei entscheidend, "dass es neben Schule und Familie eine Struktur gibt, wo sie ihre Fähigkeiten entfalten können, ob in sportlichen oder kreativen Gebieten, wo sie eingebunden sind, wo sie Erfolgserlebnisse haben".
Auch die Schule nimmt Häßler in die Pflicht: Er plädiert für ein neues Unterrichtsfach "Ethik und Moral" und für die Abschaffung des ländergesteuerten Bildungssystems. Dieser Flickenteppich sei "nicht mehr zeitgemäß", sagt der Experte. "Wir sollten ein bundeseinheitliches Schulsystem haben, mit privaten und staatlichen Schulen, mit einheitlichen Lehrplänen und das Unterrichtsfach 'Ethik und Moral' verankern. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt."
Schulen sollten zudem mehr auf Stärken der Kinder eingehen und sich nicht an den Schwächen orientieren. Auch Suspendierungen, also einen Rauswurf aus Kita oder Schule, sollte es nach Häßlers Meinung nicht mehr geben. "Welches Bild hinterlassen wir denn als Erwachsene bei den Kindern, wenn wir uns des Problems entledigen? Diese Verhaltensauffälligkeiten sind ja häufig Signale, die wir ernst nehmen sollten." Vielmehr solle man das Gespräch mit Eltern und Kindern suchen, um dem Verhalten auf den Grund zu gehen und dafür zu sorgen, dass es nicht mehr vorkommt. Eine Suspendierung könne laut Studien sogar eher zur Folge haben, dass noch mehr negatives Verhalten auftritt. "Nichts ist begünstigender für kriminelles Verhalten als Langeweile. Wenn das Kind zu Hause sitzt und die Eltern müssen arbeiten, dann kommt es eher auf dumme Gedanken, als wenn das Kind in der Schule sitzt."
Mehr Polizei an den Schulen?
BKA-Präsident Münch forderte im "Zeit"-Interview die Präsenz von Polizisten in Schulen. Was man sich darunter vorstellen muss, erklärt ein Sprecher des BKA unserer Redaktion: "Es geht darum, die Polizei in der Schule sichtbar zu machen und ein vertrauensvolles Verhältnis von Lehrkräften, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern zur Polizei sicherzustellen. Damit soll erreicht werden, dass Straftaten auch im jungen Alter ernstgenommen werden, die Zuständigkeiten und Handlungsmöglichkeiten der Polizei bekannt sind und dass bei Problemen mit Kriminalität im Umfeld der Schule frühzeitig geeignete Maßnahmen ergriffen werden."
Als Beispiele nennt er Präventionsveranstaltungen, die Polizei und Lehrkräfte gemeinsam konzipieren und durchführen, oder Informationsveranstaltungen für Lehrkräfte und Eltern. "Nicht gemeint sind damit Polizeistreifen auf dem Schulgelände oder das Kriminalisieren jugendtypischen Verhaltens", betont der Sprecher. "Ein bestehendes, vertrauensvolles Verhältnis von Schule und Polizei kann helfen, Opfer frühzeitig zu schützen und die Präsenz des Rechtsstaates auch dadurch zu verdeutlichen, dass Schulgemeinschaft und Polizei gemeinsam an einer Lösung arbeiten." Diese Einschätzung teilt auch Frank Häßler: "Natürlich müssen wir das Vertrauen in die Polizei stärken."
Die Verantwortung der Medien
Zum Umfeld von Kindern und Jugendlichen gehören auch die (sozialen) Medien. "Jedes Kind oder jede Jugendliche bekommt darüber Informationen", sagt Häßler. Vor allem negative Geschichten bekämen mediale Aufmerksamkeit – das kommt auch bei den Kindern und Jugendlichen an.
"Die Verantwortung der Medien, insbesondere der sozialen Medien, ist enorm groß in der heutigen Zeit", betont der Experte. Aktuelle Geschichten von erfolgreichen Diktatoren und Autokraten würden Kindern und Jugendlichen etwa zeigen, "dass angepasstes, liberales, demokratisches und respektvolles Verhalten nicht honoriert wird", nennt Häßler als Beispiel. "Und das werden wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren mehr erleben. Da bin ich wenig optimistisch." Um solche Nachrichten einordnen zu können, sieht er sowohl Familien als auch Schulen in der Verantwortung.
Hilfsangebote
- Anlaufstellen für verschiedene Krisensituationen im Überblick finden Sie hier.
Über den Gesprächspartner
- Prof. Dr. Frank Häßler (Jahrgang 1957) ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rostock. Zuvor war er bis 2022 Chefarzt des kinder- und jugendpsychiatrischen Bereichs der GGP Gruppe in Rostock. Häßler war u.a. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. sowie bis 2016 Universitätsprofessor. Studiert hat er in Polen und Rostock.
Verwendete Quellen
- Telefonisches Interview mit Frank Häßler
- Schriftliche Anfrage an das Bundeskriminalamt (BKA)
- Material von dpa und AFP
- Bmi.bund.de: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 vorgestellt
- Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 – Ausgewählte Zahlen im Überblick (PDF)
- Zeit.de: "Die Radikalisierung hat zugenommen"
- Bka.de: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024: Polizei registriert über 5,83 Millionen Straftaten im Jahr 2024