• Immer mehr Menschen sind süchtig nach elektronischen Medien, Kinder und Jugendliche sind einem besonderen Risiko ausgesetzt.
  • Wie wird Mediensucht definiert und wo finden Betroffene Hilfe?
  • Claudius Boy, Sozialarbeiter von der Berliner Beratungsstelle ”Lost in Space”, klärt auf.

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Greifen Sie ständig grundlos zum Handy, checken wie automatisiert Apps und News? Oder zieht der Rechner Sie magisch an, um ausgiebig im Internet zu surfen oder Computerspiele zu spielen? Für die meisten gehört der Gebrauch elektronischer Medien zum Alltag.

Vor allem während des Corona-Lockdowns haben viele Menschen deutlich mehr Zeit online oder mit Computerspielen verbracht. Fehlende soziale Kontakte und Langeweile können durch die virtuelle Welt gefühlt kompensiert werden. Aus der anfänglichen Freude am Computerspiel oder den vielen Möglichkeiten, die das Internet mit sich bringt, kann jedoch eine Sucht entstehen.

Was ist Mediensucht?

Mediensucht ist ein Sammelbegriff für eine nicht-stoffgebundene Verhaltenssucht. Dazu zählen:

  • Internetsucht
  • Computerspielsucht
  • Fernsehsucht
  • Handysucht

2018 nahm die WHO die Online-Spielsucht als eigene Krankheit in die amtliche Diagnoseklassifikation ICD-10 auf. Darüber, ob auch exzessives Onlineverhalten (EOV) eine eigenständige Erkrankung darstellt oder es sich um eine Zwangsstörung, eine gestörte Impulskontrolle oder um ein Symptom einer anderen Grunderkrankung handelt, wird noch diskutiert.

Handy weglegen – aus den Augen, aus dem Sinn?

Claudius Boy ist Sozialarbeiter bei ”Lost in Space”, einer Beratungsstelle der Caritas für Mediensüchtige und deren Angehörige in Berlin. Menschen, die ständig am Handy oder am Laptop spielen und Schwierigkeiten haben, es wegzulegen rät er, klare Strukturen zu schaffen.

"Es kann helfen, das Handy zum Beispiel in den Flur zu legen und es da zu laden. Wenn es klingelt, gehe ich hin, sonst lasse ich es liegen. Mal rumzudaddeln ist völlig okay. Man sollte es dann aber bewusst machen und sich einen zeitlichen Rahmen dafür schaffen", sagt Boy im Gerspräch mit unserer Redaktion.

Mediensucht – welche Symptome gibt es?

Nicht jeder, der elektronische Medien intensiv nutzt, ist mediensüchtig. Jedoch gibt es bestimmte Anzeichen für einen krankhaften Umgang mit Computer oder Handy. Dazu zählen:

  • wichtige Aufgaben werden vernachlässigt
  • Bedürfnisse wie Essen und Körperpflege treten in den Hintergrund
  • Kontrollverlust hinsichtlich der Nutzungsdauer
  • exzessive Nutzung, obwohl es bereits Konflikte mit Familie, Partner oder Arbeitgeber gibt
  • Nutzung während der Arbeits- oder Schulzeit
  • sozialer Rückzug
  • die Gedanken drehen sich ständig um das jeweilige Medium
  • nachts online sein statt zu schlafen
  • Toleranzentwicklung gegenüber dem Medium; stetig steigende Nutzungsdauer
  • der Versuch, weniger Zeit online zu verbringen, scheitert
  • Entzugserscheinungen wie Nervosität, Schwitzen, Gereiztheit, Zittern oder Schlaflosigkeit treten auf, wenn keine Nutzung möglich ist

Folgen von Mediensucht

Für Betroffene hat der krankhafte Medienkonsum mitunter gravierende Folgen. Der intensive Gebrauch kann weitreichende soziale Konflikte schüren.

Alleinstehende oder Menschen mit einer Sozialphobie laufen Gefahr, in die Isolation abzurutschen. Schulkinder und Jugendliche können den Anschluss in der Schule verlieren. Arbeitnehmern droht im schlimmsten Fall eine Kündigung. Auch die gesundheitlichen Folgen durch Schlafmangel, ständiges Sitzen und Bewegungsmangel sind nicht zu unterschätzen.

Ursachen für Mediensucht

Das Internet bietet rund um die Uhr unzählige Möglichkeiten. Chatten, shoppen, nach einem Partner suchen oder sich selbst inszenieren – die meisten dieser Möglichkeiten werden von Nutzern als entspannend und angenehm empfunden.

Zudem treten Probleme wie Streitigkeiten oder Stress am Arbeitsplatz in den Hintergrund, sobald die virtuelle Welt betreten wird. Einsamkeit, soziale Konflikte oder Misshandlungen können einen krankhaften Umgang mit elektronischen Medien begünstigen. Häufig geht die Mediensucht auch mit psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder anderen Suchterkrankungen einher.

Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl oder einer Sozialphobie bietet das Internet eine verlockende Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Auch können fehlende Erfolgserlebnisse in der realen Welt online kompensiert werden, etwa durch Online-Rollenspiele oder durch das Posten von Fotos mit Beauty-Filtern.

Per Klick zum Glücksgefühl

Daran, dass die virtuelle Welt häufig als angenehm wahrgenommen wird, ist der Botenstoff Dopamin maßgeblich beteiligt. Dieser Neurotransmitter aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn und motiviert. Im Alltag wird Dopamin in befriedigenden Momenten aktiviert, etwa beim Essen oder wenn ein angestrebtes Ziel erreicht wurde – aber auch beim Drogenkonsum.

Auch ein Like für ein Foto, ein Kommentar oder ein Retweet aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn. Viele Apps sind gezielt so entwickelt, dass sie für einen Dopamin-Kick sorgen und so das Risiko begünstigen, medienabhängig zu werden – denn das Gehirn will immer mehr.

Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen

Laut ersten Zwischenergebnissen einer Studie der DAK verbrachten Kinder und Jugendliche während des Corona-Lockdowns bis zu 75 Prozent mehr Zeit mit Online-Games als noch im Herbst 2019. Auch die sozialen Medien wurden während des Lockdowns intensiver genutzt.

  • Laut Studie nutzen Kinder das Internet oder Online-Spiele überwiegend, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben oder aus Langeweile.
  • Ein Drittel der befragten Kinder möchte durch den Gebrauch von elektronischen Medien Stress abbauen oder der Realität entfliehen.

Viele Kinder haben das Nutzungsverhalten aus dem Lockdown beibehalten, sagt Claudius Boy. "Bis sich aus dem Verhalten eine Sucht entwickelt, dauert es ein paar Jahre. Wir erwarten, dass die Zahlen von Hilfesuchenden in den nächsten Monaten und Jahren deutlich steigen werden. Was wir bereits feststellen ist, dass viele Eltern Rat suchen, weil die Kinder sich an die Mediennutzungsdauer aus dem Lockdown gewöhnt haben und die Eltern mit dieser Situation überfordert sind. Hier versuchen wir die Eltern dahingehend zu beraten, dass sie sich im Klassenverband organisieren, damit sie ihre Kinder gemeinsam vom Daddeln wegbekommen".

Was tun, wenn das Kind ständig daddelt?

Feste Regeln für die Mediennutzung rät Boy auch Eltern von Kindern, die am liebsten den ganzen Tag am Rechner oder Handy spielen. Es sei wichtig, klare Mediennutzungsregeln aufzustellen, die für alle gelten. "Diese sollten aber realistisch und kontrollierbar sein. Dann ist es wichtig, dass es ein Alternativverhalten gibt und die Kinder und Jugendlichen nicht gelangweilt rumsitzen. 'Gemeinsam statt einsam' sagen wir immer. Das heißt, Eltern und Kinder verbringen die Zeit alternativ zusammen."

Ein wichtiger Punkt sei zudem die Vorbildfunktion von Eltern. Lässt ein Elternteil sich ständig berieseln, schauen Kinder dieses Verhalten ab.

Wie aber sieht es aus, wenn berufstätige Eltern das Nutzungsverhalten ihrer Kinder nicht kontrollieren können? Wird das Internet abgeschaltet oder den Kids das Gerät weggenommen, ist Ärger vorprogrammiert.

"Das sorgt auf jeden Fall für Frust und Ärger", sagt Boy. "Man kann dem etwas aus dem Weg gehen, wenn Sachen gut geplant und sehr klar geregelt sind. Ist für die Kinder immer klar, dass das Handy nicht im Haus ist, wenn die Eltern arbeiten, ist das eine andere Selbstverständlichkeit, als wenn Eltern ihren Kindern morgens das Handy abnehmen."

Weiter sagt er: "Man muss auch in den Altersgruppen unterscheiden. Einem Teenager kann man nicht einfach das Handy entziehen. Bei älteren Kindern geht es eher darum, medienfreie Zeiten zu schaffen. Dann findet wirklich Familienleben statt. Das Handy hat beim Essen beispielsweise nichts am Tisch zu suchen."

Mediensucht – Hilfe und Vorsorge

Menschen, die bereits einen problematischen Umgang mit elektronischen Medien bei sich selbst feststellen, rät Claudius Boy, erst einmal feste Strukturen zu schaffen: Handy im Flur ablegen, klar definierte Nutzungszeiten festlegen.

"Sollte das nicht helfen, kann man zu uns in die Beratungsstelle kommen oder deutschlandweit eine Beratungsstelle vor Ort aufsuchen." Viele Stellen bieten auch telefonische Beratung an, auf Wunsch anonym. "Wer bereits Auswirkungen Festellen kann - vielleicht leidet die Arbeit unter dem Medienkonsum oder die Partnerschaft -, dann ist es wirklich an der Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen", sagt der Sozialarbeiter von "Lost in Space".

Gemeinsam mit den Suchtexperten können Betroffene dann eine weitere Strategie erarbeiten. "Wir haben Einzel- und Gruppengespräche. Die Beratung findet über einen längeren Zeitraum statt, wir sprechen hier von zehn Monaten." Betroffene können versuchen, das Problem in diesem geschützten, anonymen Rahmen zu klären. "Wir können aber auch dabei helfen, Therapieangebote zu vermitteln. Es gibt beispielsweise die Möglichkeit, für sechs Wochen in eine Klinik zu gehen."

Wer übernimmt die Kosten für den digitalen Detox?

Obwohl Mediensucht nicht von der WHO im ICD-10 aufgenommen ist, übernehmen Krankenkassen oder Rentenversicherungsträger die Kosten für eine Therapie zur Überwindung der Mediensucht. "Momentan ist es so, dass es eine Vereinbarung zwischen Krankenkassen, Rentenversicherungsträgern und Therapieeinrichtungen gibt und man bei dieser Problematik eine Therapie machen kann", erklärt Boy. Einige Kliniken, Schulen und Krankenkassen bieten zudem Präventions- und Beratungsangebote für Medienabhängige und Angehörige an.

Hilfsangebote für verschiedene Krisensituationen im Überblick finden Sie hier.
Über den Experten: Claudius Boy ist Sozialarbeiter bei "Lost in Space", einer Beratungsstelle der Caritas für Mediensüchtige und deren Angehörige in Berlin.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Claudius Boy, Sozialarbeiter
  • DAK
  • Bundesgesundheitsministerium
Teaserbild: © picture alliance / photothek/Thomas Trutschel