Social Media ist kaum noch aus unserem Leben wegzudenken. Wir verbringen täglich wertvolle Lebenszeit im Online-Kosmos auf Facebook, Instagram und Twitter. Was das in unserem echten Leben mit uns und unserem Umfeld macht, hat Journalistin Nena Schink nach einem Selbstversuch in ihrem ersten Buch "Unfollow“ festgehalten.

Eine Kritik
von Bettina Hoffmann, Freie Autorin

Eine Milliarde Menschen nutzen Instagram, etwa 500 Millionen davon täglich. 71 Prozent aller Instagram-Nutzer sind unter 35 Jahre alt. Sie scrollen stundenlang durch gestellte Fotos von Influencern und vergleichen sich mit den Schnappschüssen von völlig fremden Menschen mit scheinbar perfektem Leben. Nena Schink ist eine davon.

Für ein Experiment des Jugendportals Orange, machte sich die Journalistin daran, selbst Influencerin zu werden und Follower sowie Likes zu sammeln. Mit weitreichenden Folgen – nicht nur online, sondern auch in ihrem Offline-Leben.

Auf etwas mehr als 200 Seiten ihres buches "Unfollow" beschreibt die 27-Jährige, was ihr durch die "Influencer-Karriere" alles widerfahren ist und wie sie sich dadurch persönlich verändert hat. Die junge Autorin beschreibt Likes und Follower als die "neue Währung unserer Zeit".

Vor allem Mädchen und Frauen retuschieren mit Filtern

Schlimm daran findet sie vor allem, wie Millionen junger Mädchen und Frauen Tag für Tag ihren Instagram-Idealen nacheifern. Pickel, Augenringe und ein paar Kilo mehr auf den Rippen werden mithilfe von Filtern wegretuschiert, sogar Zähne werden mit Fotoapps weißer gemacht – ein Trick, an dem sich Nena Schink selbst auch bedient hat.

Natürlich und spontan ist auf Instagram nichts. "Fake ist das neue Normal“, schreibt die Autorin. Alles mit dem Ziel, das perfekte Leben zu inszenieren. Einer der traurigen Höhepunkte ihrer eigenen "Influencer-Karriere“: Sie räkelt sich 45 Minuten lang auf einer Wassermelonen-Luftmatratze, die sie nur für ein einziges perfektes Instagram-Foto im Internet bestellt und in den Urlaub mitgenommen hat. Rückblickend betrachtet beschreibt sie ihre Reise als "ein einziges Instagram-Fiasko“.

Wertvolles gehört in einen Tresor - das ist in digitalen Zeiten nicht anders als früher. Nur sind die Tresore heute selbst digital oder elektronisch. Und das Schützenswerte sind unsere Daten - egal ob Passwörter, Steuerunterlagen oder Erinnerungsfotos.

Wie viel Lebenszeit an Instagram verschwendet wird

Mit Blick auf ihre Instagram-Zeit bekommt sie schwarz auf weiß, wie viel Zeit sie täglich mit dem sozialen Medium verbringt. "Obwohl ich meine Zeit mittlerweile schon um die Hälfte minimiert habe, sind es immer noch sieben Stunden. Wöchentlich. Das sind 28 Stunden im Monat." Heißt in ihrem Fall aber auch: In Spitzenzeiten hat sie fast zwei Stunden täglich mit Instagram verbracht.

Ich selbst bin natürlich ebenfalls neugierig und überprüfe an dieser Stelle des Buches meine eigene Bildschirmzeit bei Instagram. Ebenfalls rund eine Stunde pro Tag. Was man mit 28 Stunden im Monat sonst so machen könnte? Zum Beispiel echte Freunde treffen und nicht nur ihre Bilder bei Instagram bestaunen. Oder mal wieder bei Mama anrufen, um mit ihr etwas länger als zehn Minuten zu quatschen.

Aber nicht nur in Sachen Zeit hält uns Instagram im wahren Leben auf. Die Autorin ist überzeugt davon, dass das eigene Instagram-Ich uns auch beruflich viele Steine in den Weg legen kann – vor allem dann, wenn wir uns zu freizügig auf der Plattform präsentieren.

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Veraltetes Frauenbild schneidet besser ab

Uniabschlüsse und berufliche Erfolge stauben bei weitem nicht so viele Likes ab wie Verlobungsbilder und Schwangerschaftspostings. Das veraltete Rollenbild der Frau schneidet dank Instagram wieder deutlich besser ab. Eine Entwicklung, die Schink ganz fatal findet: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die unselbstständigste Generation junger Frauen seit den Fünfzigerjahren großziehen."

In einem großen Kapitel rechnet die Buchautorin mit den Influencern ab, die über Instagram ihr Geld verdienen. Sie offenbart, welche Verkaufsstrategien hinter Postings stecken, beschreibt scheinbar glamouröse Blogger-Partys als gähnend langweilige oder gar peinliche Veranstaltungen und erklärt, wie zu viel Authentizität dem Geschäft der Influencerinnen schadet.

"Unfollow“ lässt den eigenen Instagram-Konsum überdenken

Viele Situationen, die Nena Schink in ihrem Buch schildert, kennen wir aus unserem eigenen Leben mit Instagram. Die "FOMO“ (Fear of missing out), also die Angst, etwas zu verpassen, begleitet nicht wenige von uns.

Auch ich schaue mir Tag für Tag (sogar mehrfach) Stories und Feeds an – nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch von zahlreichen Influencern. Man findet sich wieder, wenn Nena Schink Instagram als Nährboden für Lästereien beschreibt.

Einige kennen sicherlich die Situation, stundenlang nach dem perfekten Instagram-Fotospot im Urlaub zu suchen, anstatt einfach den Moment zu genießen.

Wir zeigen Ihnen, was Sie gegen Online-Attacken tun können.

Aber auch, wenn die Autorin Instagram als "selbstzerstörerische App" bezeichnet, hat sie sich nicht dort abgemeldet. Allerdings ist ihr Profil mittlerweile privat und sie hat ordentlich ausgemistet. Auf der Plattform will sie zukünftig ihre journalistische Tätigkeit stärker in den Fokus rücken und nicht mehr etwas inszenieren, was sie in Wahrheit gar nicht ist. Auch ich selbst entscheide mich nach dem Lesen des Buches dazu, einige Fotos zu löschen, mehreren Leuten zu entfolgen und unter meinen Followern auszusortieren.

"Unfollow“ hat mich dazu gebracht, meinen eigenen Instagram-Konsum zu überdenken und im Social-Media-Kosmos nicht mehr so weiterzumachen wie bisher. Dabei stelle ich fest, dass es schwerer ist als gedacht, alte Muster zu durchbrechen und nicht mehr neugierig meine Nase in die Leben anderer zu stecken.

Pflichtlektüre für Instagram-Generation

Für die Instagram-Generation ist dieses Buch meines Erachtens eine Pflichtlektüre. Es öffnet die Augen und man fühlt sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle ertappt – auch wenn man inhaltlich nicht überrascht wird.

Das Buch ist kein Ratgeber, sondern vielmehr ein Erfahrungsbericht. Dennoch werden an vielen Stellen Impulse gegeben, die dazu einladen, selbst etwas zu verändern, wenn der eigene Instagram-Konsum im Laufe der Zeit außer Kontrolle geraten ist.

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