• Zum 51. Mal hätten sich in diesem Jahr Vertreter aus Wirtschaft, Politiker, Presse und Gesellschaft im schweizerischen Davos getroffen - eigentlich.
  • Doch die Corona-Pandemie stellt auch das etablierte Gesprächsforum auf den Kopf. Ersatz soll ein virtuelles Treffen bieten.
  • Was man über das diesjährige Weltwirtschaftsforum wissen muss und welche Gefahr durch die Coronakrise droht, beantwortet Ökonom Michael Frenkel.

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Eigentlich hätte man sie in diesen Tagen wieder einmal gesehen: Die Bilder von Konvoys aus schwarzen Limousinen, die in das verschneite Schweizer Dörfchen Davos fahren. Darin: Hochranginge Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Das jährliche Treffen der Weltwirtschaft in Davos, 1971 gegründet von Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab, ist eine etablierte Institution. Seit 50 Jahren diskutieren die Teilnehmer über aktuelle globale Fragen – neben Wirtschafts- und Sozialpolitik auch Themen aus den Bereichen Gesundheit und Umwelt. In diesem Jahr aber ist alles anders.

Findet das Weltwirtschaftsforum in diesem Jahr überhaupt statt?

Die Corona-Pandemie verhindert das 51. Weltwirtschaftsforum in seiner üblichen Form. Stattdessen heißt es auf der Website: "Das Weltwirtschaftsforum wird zum besonderen jährlichen Treffen 2021 in Singapur vom 25. bis zum 28. Mai zusammenkommen. 2022 wird es zum jährlichen Treffen ins Davos-Kloster zurückkehren."

Für die übliche "Davos-Woche" vom 25. bis zum 29. Januar ist eine virtuelle Veranstaltung geplant.

Das für Mai geplante Treffen wäre das erste globale Treffen von Führungskräften, welches die Erholung von der Coronakrise zum Thema macht. "Es hat entscheidende Bedeutung, wenn es darum geht, wie wir uns gemeinsam erholen können", wird der Gründer und Vorstandsvorsitzende Klaus Schwab zitiert.

Warum ist es überhaupt wichtig, dass sich die Weltwirtschaft trifft?

Ökonom Michael Frenkel hebt die Bedeutung des Weltwirtschaftsforums hervor: "Es bietet eine einmalige Plattform, auf der Wirtschaftsexperten, Politiker, Wissenschaftler, gesellschaftliche Akteure und Journalisten zusammenkommen", sagt der Experte.

Die Beteiligten könnten dort offener als auf der politischen Bühne sprechen, weil es sich um einen öffentlich-privaten Thinktank handele. "Das Weltwirtschaftsforum ist unparteiisch und an keinerlei politische oder nationale Interessen gebunden ", so Frenkel.

Er ergänzt: "In diesem Jahr ist das zusätzliche Pfund des Weltwirtschaftsforums, dass es auch ein Gesundheitsforum ist." Beim Jahrestreffen 2002 sei beispielsweise von Kofi Anan die Global Health Initiative gegründet worden, auch das Thema Alzheimer habe das Weltwirtschaftsforum früh thematisiert.

Womit befasst sich das Weltwirtschaftsforum in diesem Jahr?

Auf der Themenagenda des Weltwirtschaftsforums steht nicht nur die Pandemie. Neben der Frage, wie Volkswirtschaften künftig resilienter gegen Krisen gemacht werden können, wollen sich die Teilnehmer auch mit der industriellen Transformation durch neue Technologien, die Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit, etwa beim Klimaschutz, und den Auswirkungen der digitalen Revolution auf Unternehmen und Arbeitsmarkt befassen.

Aus Sicht des Experten ist die Agenda damit vollständig. "Natürlich sind global betrachtet auch Themen wie etwa der Nahostkonflikt sehr bedeutend - beim Weltwirtschaftsforum soll es aber um Themen gehen, die wirklich alle Länder direkt betreffen", erklärt Frenkel.

Wie lange wird Corona die Weltwirtschaft noch beschäftigen?

Schon jetzt steht fest: Die Coronakrise wird auch die Wirtschaft noch einige Zeit begleiten. "Experten gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft die Krise in etwa zwei Jahren weitgehend überstanden hat", sagt Ökonom Frenkel. Die medizinische Rehabilitation müsse jedoch vor der wirtschaftlichen kommen.

"In etwa einem Jahr werden voraussichtlich große Teile der Bevölkerungen der Industrieländer geimpft sein. In anderen Ländern wird dies länger dauern", sagt er.

Wenn große Teile der Menschen geimpft seien, würden die wirtschaftlichen Auswirkungen zwar nicht vollständig, aber doch weitgehend abgeklungen sein. "Es ist zu vermuten, dass dann andere Themen als die Pandemie in den Vordergrund rücken", sagt Frenkel.

Wie kann das Weltwirtschaftsforum die Coronakrise adressieren?

Bis dahin sollte sich die Weltgemeinschaft aber aus Sicht des Experten mit Themen wie Gesundheitsprävention, Impfkampagnen, Koordination der internationalen Zusammenarbeit oder Hilfsfonds befassen.

"Entscheidend ist, dass auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum hervorgehoben wird, dass in der Pandemie alle wirtschaftlichen Bereiche sensibel miteinander verbunden sind und die Krise auch bestimmte Verletzlichkeiten offengelegt hat", erinnert Frenkel.

Der Ökonom sieht auch eine Gefahr: "Durch COVID-19 könnten andere wichtige Themen weniger Beachtung finden. Besonders die Armen in der Welt werden die Leidtragenden sein, wenn es jetzt etwa um Impfstoffe statt um Brunnenbauprojekte und Bildungsinitiativen geht", warnt er.

Ebenso fatal sei es, wenn die Bedrohung durch den Klimawandel in den Hintergrund rücke. "Das Weltwirtschaftsforum muss sie mindestens genauso schwer gewichten wie die Pandemie", fordert der Experte. Zwar handele es sich beim Klimawandel eher um eine Schildkröte, die sich deutlich langsamer fortbewege als ein Virus, aber: "Auch die Schildkröte wird auf der anderen Seite des Weges ankommen", so Frenkel.

Was ist noch wichtig zu wissen?

Dass das Treffen doch noch analog stattfinden soll, hält Frenkel für besonders wichtig: "Das englische Sprichwort 'nothing beats personal contact' trifft auch im Bereich der Weltwirtschaft zu", sagt er. Das Weltwirtschaftsforum habe sich zum Ziel gesetzt, Vertrauen aufzubauen – jenes sei auch für die Weltwirtschaft entscheidend. "Das geht schwer digital", meint Frenkel.

Durch persönliche Kontakte könne man Vertrauen zerstören - dafür sei der ehemalige US-Präsident Trump ein Beispiel gewesen. Man könne aber auch Vertrauen stärken. "Man denke beispielsweise an das Vertrauen, das Ende der 1980er Jahr der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl zu den Siegermächten aufgebaut hatte, insbesondere zu Michail Gorbatschow und George W. Bush", erinnert Frenkel. Das vertrauensvolle Verhältnis machte damals die deutsche Wiedervereinigung erst möglich.

Vertrauen wiederaufzubauen, das dürfte auch in diesem Jahr wichtig werden: "Nach der Abwahl von Donald Trump und der Wahl von Joe Biden wird Amerika wohl wieder freudig in den Kreis der Weltwirtschaft aufgenommen werden", sagt Frenkel. Zu viel dürfe man aber nicht erwarten: "Vertrauen wiederaufzubauen, braucht immer Zeit", so der Experte.

Über den Experten: Prof. Dr. Michael Frenkel ist stellvertretender Dekan für International Beziehungen und Vielfalt und Professor für Makroökonomie und internationale Wirtschaftslehre an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Er ist ebenfalls Direktor des Center for European Studies (CEUS). Zwischen 1996-1998 und 2005-2014 war er Dekan der WHU.

Verwendete Quellen:

  • World Economic Forum: "Special Annual Meeting 2021 to Take Place in Singapore in May"
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