Laufen, springen, werfen: Die Bundesjugendspiele sorgen bei vielen Kindern Frust, für andere sind sie dagegen ein Highlight im Schuljahr. Nun soll der Wettkampf reformiert werden, hin zu weniger Leistungsdruck. Die Meinungen dazu gehen stark auseinander.

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Bald schon beginnt in den ersten Bundesländern das Schuljahr 2023/2024, und es kommt im Sport zu einer Neuerung: Bei den Bundesjugendspielen sollen die Leistungen von Grundschülern nun anders und weniger starr bewertet werden – statt eines "Wettkampfs" soll es nur noch den "Wettbewerb" geben. Darüber ist eine Debatte entbrannt, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann für überzogen hält, wie er nun im Gespräch mit der dpa sagte. "Ich bin ein scharfer Gegner davon, dass wir dauernd solch banale Sachfragen zu Kulturkämpfen hochjazzen", so der Grünen-Politiker.

Herausforderungen in der Bildungspolitik sieht Kretschmann an anderer Stelle. "Wir haben doch wirklich ernsthafte Probleme. Wir wissen zum Beispiel, dass sich Kinder heute zu wenig bewegen. Und wir sehen, dass ein erheblicher Teil der Kinder nach der Grundschule weder lesen noch schreiben noch rechnen kann", sagte Kretschmann. Da sei es nicht hilfreich, um die Frage, wie man Bundesjugendspiele organisiere, einen Kulturkampf zu führen. "Solche unsachlichen Debatten polarisieren und am Schluss spalten sie."

Bundesjugendspiele: Was soll sich ändern?

Ab dem neuen Schuljahr werden die jährlich stattfindenden Spiele in den Sportarten Leichtathletik und Schwimmen für alle Grundschulkinder bis zur vierten Klasse nur noch als Wettbewerb ausgetragen - und nicht wie bislang nur in der ersten und zweiten Klasse. Im Unterschied zum Wettkampf werden die Punkte für Leistungen künftig nicht mehr nach bundesweiten Normgrößen vergeben.

Zudem sollen die Leistungen der Schüler nicht mehr zentimetergenau mit dem Maßband oder der Stoppuhr erfasst werden. Stattdessen gibt es künftig zum Beispiel beim Weitsprung oder Werfen verschiedene Zonen, in denen bestimmte Punkte vergeben werden. Laut Bundesfamilienministerium sollen die Spiele mit der Wettbewerbsform kindgemäßer werden. Die Reform hatte die Kultusministerkonferenz bereits 2021 beschlossen.

Kinder müssten Umgang mit Niederlagen lernen, sagen Kritiker

Kritiker der Reform bemängeln, dass man Kinder auch befähigen müsse, mit Niederlagen und Frust umzugehen. Zudem beklagen sie den Wegfall des Leistungsgedanken: "Wir tun unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir so tun, als ob sich messen und Leistung nichts mit dem Leben zu tun hätten", sagte die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther Wünsch (CDU).

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sah gute Ansätze in der Reform, Bundesvorsitzender Gerhard Brand betonte aber: "Dies darf nicht dazu führen, dass der Wettkampfcharakter pauschal und für alle Kinder abgeschafft wird. Alle Kinder sollen die Möglichkeit haben, entsprechend ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten zu entscheiden, ob sie eher Spiel und Spaß oder den Kampf um den ersten Platz suchen".

Das Miteinandermessen sei ein starker Leistungsanreiz. Und "dieser Reiz ist es schließlich, der den Profisport so spannend und für die Zuschauerinnen und Zuschauer so attraktiv macht", sagte Brand.

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Winfried Kretschmann: "Leistung nicht einziger Maßstab"

Kretschmann selbst hatte nach eigenen Worten keine Probleme mit Leistungsdruck. "Man will ja lieber weiter als kürzer springen. Das ist doch irgendwie logisch. Aber Leistung ist nicht der einzige Maßstab - es geht auch um Gemeinschaft und Zusammenhalt." Aufgabe guter Pädagogik sei es, Kinder dazu zu befähigen, die Welt zu meistern. "Man muss fordern, aber nicht überfordern, motivieren, aber nicht verhätscheln", sagte Kretschmann, der selbst Lehrer ist. (dpa/af)

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