Immer mehr Bundesländer erwägen, die Unterrichtsmethode "Lesen durch Schreiben“ (oder auch "Schreiben nach Gehör") aus den Grundschulen zu verbannen. Sie soll ein Grund dafür sein, dass deutsche Schüler in Tests vor allem bei der Rechtschreibung oft nicht gut abschneiden. Doch so einfach ist es nicht.

Mitte November schlug die "Bild"-Zeitung Alarm. "Darum lernen unsere Kinder nicht mehr richtig schreiben" titelte sie und nannte unter anderem die Lehrmethode "Lesen durch Schreiben" als Ursache.

Sie sorge für Ärger und Verunsicherung unter Eltern, zu Wort kam etwa eine Mutter eines Zehnjährigen.

Sie mache sich Sorgen, ob ihr Sohn jemals richtig lesen und schreiben können werde.

Tatsächlich ist die Lehrmethode "Lesen durch Schreiben" nicht nur bei der "Bild" umstritten. Sie wurde in den 1970er Jahren von dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen erfunden und arbeitet mit einer sogenannten Anlauttabelle.

In dieser Tabelle stehen die Buchstaben neben Bildern von Gegenständen oder auch Tieren, die mit diesem Buchstaben beginnen.

Mit der Tabelle können Kinder recht schnell Wörter schreiben - allerdings meistens falsch, weil sie sie so aufschreiben, wie sie sie hören (deswegen wird die Methode auch "Schreiben nach Gehör" genannt).

Fehler werden anfangs nicht korrigiert

Weil die Anhänger der Methode davon ausgehen, dass dieses "lautgetreue Schreiben" eine wichtige Stufe auf dem Weg zum Schreiben und Lesen lernen ist, und die Kinder motiviert werden sollen viel zu schreiben, werden Fehler anfangs nicht verbessert.

Je nach Lehrer kann es bis ins dritte Schuljahr dauern, bis mit der Fehlerkorrektur begonnen wird.

Diese Laissez-faire-Haltung ist der Hauptkritikpunkt der "Lesen durch Schreiben"-Skeptiker.

Sie führe nicht nur dazu, dass die Schüler sich Schreibweisen falsch einprägten und später umlernen müssten, so etwa die Erziehungswissenschaftlerin Agi Schründer von der Universität Potsdam im Gespräch mit unserer Redaktion.

Sie bekämen auch eine Haltung vermittelt, die Auswirkungen nicht nur auf ihre Rechtschreibung habe.

Kein Druck, keine Leistung?

"Denn wenn Kinder erleben, dass es egal ist, ob jemand den Text versteht, Hauptsache sie haben Spaß dran, kann sich diese Haltung verfestigen“, erklärt die Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik. Heraus kämen dann auch später Texte, die schwer verständlich seien - und zwar nicht nur wegen der Rechtschreibfehler.

Der Journalist Andreas Hock, der sich in Büchern wie "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?" mit der deutschen Sprache beschäftigt hat, ist ähnlicher Ansicht.

Er sieht sogar noch weitergehende Konsequenzen. "Es kann für Kinder nicht gut sein, wenn sie in der Schule keinen Druck kennenlernen", so Hock zu unserer Redaktion.

"Denn spätestens im Berufsleben werden sie damit konfrontiert." Die Erfahrung, nicht alles sofort zu können, dabei auch mal frustriert zu sein, sich anstrengen zu müssen, um Erfolg zu haben, das sind wichtige Lernprozesse, findet auch Agi Schründer.

Viertklässler beim Schreiben schlechter geworden

Die Diskussion um richtige und falsche Lehrmethoden kommt alle paar Jahre neu auf, meistens wenn gerade die Ergebnisse schulischer Leistungsvergleiche veröffentlicht werden und die deutschen Schüler nicht gut abgeschnitten haben.

Jüngste Beispiele: die Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) und der "Bildungstrend".

Beide kamen zu dem Ergebnis, dass die Grundschüler in Deutschland im Schnitt schlechter lesen und vor allem schlechter schreiben können als noch vor ein paar Jahren.

Das liege aber sicher nicht nur an der Methode "Lesen durch Schreiben", stellt Agi Schründer klar.

"Mit den neuen Medien - Kurznachrichtendiensten und Ähnlichem - hat sich der Gebrauch der Schriftsprache insgesamt verändert. Unter anderem werden Rechtschreibfehler nicht mehr so wichtig genommen."

Das hat auch Andreas Hock beobachtet und findet, dass die Schule genau an diesem Punkt einspringen müsse, "sie darf da nicht versagen".

Studienlage uneindeutig

Hock findet, dass "Lesen durch Schreiben" abgeschafft werden sollte. Er kenne keine Studie, die bestätige, dass Kinder mit dieser Methode besser Lesen und Schreiben lernen.

Allerdings gibt es eine Untersuchung, die nahelegt, dass sie es nach der vierten Klasse zumindest nicht schlechter können. Diese Untersuchung stammt von Reinold Funke.

Der Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hat eine Meta-Studie gemacht - also selbst Studien analysiert und deren Ergebnisse zusammengefasst und ausgewertet.

Er kam zu dem Ergebnis, dass Schüler, die nach "Lesen und Schreiben" gelernt haben, in der zweiten bis vierten Klasse nicht schlechter lesen können als Schüler, die nach der klassischen Fibel-Methode gelernt haben.

Bei der Rechtschreibung ist das anders: Da sind die "Lesen durch Schreiben"-Schüler in der zweiten bis vierten Klasse schlechter - allerdings nicht in den Studien, die auch die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schüler, also etwa das familiäre Umfeld, miteinbezogen.

Funkes Schlussfolgerung im Deutschlandfunk: "Es gibt derzeit keinen schlüssigen Beleg dafür, dass 'Lesen durch Schreiben' als solches zu dauerhaft schlechteren Ergebnissen führt als Fibel-Unterricht, jedenfalls nicht als durchschnittlicher Fibel-Unterricht."

"Keine Methode ausschließen"

Die Studienlage ist also nach wie vor unklar - ebenso unklar ist, in wie vielen Klassen die Methode überhaupt angewendet wird. "Einzelne Lehrkräfte oder Schulen mögen sie noch in ihrer Reinform pflegen, häufiger ist jedoch, dass es im Unterricht zwar Phasen freien Schreibens gibt, aber von Anfang an auch auf die Rechtschreibung geachtet wird", sagt Erziehungswissenschaftlerin Schründer.

Ein Verbot der Methode erscheint deswegen vielen Experten wenig sinnvoll.

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann, findet es im Gegenteil wichtig, Lehrkräften zu ermöglichen, verschiedene Methoden im Unterricht einzusetzen, dazu gehöre auch das "Schreiben nach Gehör“, sagte sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Aus der Legasthenie-Forschung wissen wir, dass das 'lautierende' Schreibenlernen wie beim 'Schreiben nach Gehör' Legasthenie vorbeugt", erklärt Fleischmann.

Und aus der Motivationsforschung wisse man, dass es gut sei, wenn Kinder sich in der ersten und zweiten Klasse beim Schreiben darauf konzentrierten, was sie schreiben und nicht wie.

"Im weiteren Verlauf lernen sie dann, ihre eigenen Fehler selbst zu erkennen und zu korrigieren."

Die Zukunft der Schule liege in einer Individualisierung des Unterrichts und nicht in einer Vereinheitlichung. "Nur so wird es möglich sein, auch in Zukunft jedes Talent unter den Schülern zu fördern", sagt Fleischmann.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat in Wiesbaden das "Wort des Jahres" gekürt und einen Nachfolger für "postfaktisch" gefunden.