Der Regenwald im Amazonas brennt lichterloh und im Fokus der Medien steht Brasilien mit seinem Präsidenten Jair Bolsonaro. Im Nachbarland Bolivien hat der Staatschef Evo Morales – sonst wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Amtskollegen - aber gerade ein gefährliches Dekret erlassen und ist damit ebenfalls Anwärter auf den Titel des schlimmsten Brandstifters in Lateinamerika.

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Mit dem Amazonas brennt die "Grüne Lunge" der Erde. Rauchschwaden, Feuerteppiche und verkohlte Landschaften haben aktuell in der kollektiven Vorstellung Bilder von grünen Bäumen, üppigen Wäldern und reicher Fauna ersetzt.

Am Pranger steht vor allem einer: Der rechtspopulistische Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro. Immer wieder hagelt es neue Sticheleien zwischen Brasilien und der internationalen Gemeinschaft. Bevor Bolsonaro beispielsweise Hilfe von den Industrieländern bei den Löscharbeiten annehmen wollte, forderte er eine Entschuldigung von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, da dieser ihn angeblich als Lügner bezeichnet hatte.

"Bolsonaro dient den Medien als Feindbild, auf welches man aus der bequemen europäischen Wohnzimmersituation mit dem Finger zeigen kann", sagt auch Forstwissenschaftler Alexander Held. Im Schatten Bolsonaros versteckt sich jedoch ein weiterer Brandstifter.

Nicht der einzige Brandstifter

Satellitenbilder zeigen, dass auch im Nachbarland Bolivien Großfeuer wüten, wo der Sozialist Evo Morales Präsident ist. In den Grenzregionen beherbergt das Land etwa zehn Prozent des sechs Millionen Quadratkilometer großen Amazonas-Regenwaldes.

"Der bolivianische Regenwald ist in großer Gefahr. Die Regierung von Morales fördert massiv den Ausbau von Landwirtschaft in dieser Region", sagt Thilo Papacek von der Nichtregierungsorganisation GegenStrömung.

Boliviens Sozialprogramme hängen stark von staatlichen Einnahmen ab, die über den Export von Rohstoffen generiert werden. "Bislang war dies hauptsächlich Gas, aber jenes geht zur Neige und die Regierung sucht nach neuen Möglichkeiten", weiß Papacek. Der Export von Fleisch, Soja, Sonnenblumenöl und Getreide soll unter anderem das Gas ersetzen.

Trockenheit setzte sehr früh ein

Dafür aber sind freie Produktionsflächen von Nöten. Die Folge: Brände werden gezielt gelegt – über das reguläre Maß hinaus. Brände sind in Lateinamerika nichts Ungewöhnliches. "Feuer ist eine normale Klimavegetationsform, die bei Busch-, Savannenformen und Weiden dazugehört", sagt Forstexperte Alexander Held vom "European Forest Institute".

Farmer bedienten sich jährlich der Brandrodung, um ihre Weideflächen wieder produktiver zu machen und junges Gras nachwachsen zu lassen. Normalerweise ist das Feuer dabei begrenzt und greift nicht auf den Wald über. "Die Trockenheit hat in diesem Jahr aber sehr früh eingesetzt, sodass Wald brennbar wurde, der zuvor nicht brennbar war. Dadurch sind die Feuer auch weniger kontrollierbar und haben übergegriffen", so Experte Held.

Politische Instrumentalisierung

Ungestört kann das Ökosystem Regenwald eine Trockenheit gut verkraften. Aber das ist der Amazonas nicht, denn Bauern, Ingenieure und Mineralstoffsucher sind dort aktiv. "Der Faktor Mensch ändert die Artenzusammensetzung, Material wird brennbar", weiß Held.

Mit dem Eindringen in den Regenwald hat sich der Urwald auch für die politische Instrumentalisierung geöffnet. "In Amazonien sind Infrastrukturmaßnahmen geplant, bei denen Straßen und Staudämme gebaut werden sollen", so Papacek. Abgelegene Regionen sollen so an den Markt angeschlossen werden.

Gefährliches Dekret erlassen

Morales hat dabei vor allem eins im Sinn: Seine politische Zukunft. "Er will bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober wiedergewählt werden", sagt Papacek. Der linke Staatschef war dann mehr als 13 Jahre im Amt. Das Dekret 3973 – im Juli von Moreno erlassen und Freifahrtschein für die Brandrodung – ist deshalb vor allem ein Wahlgeschenk an die Eliten im Tiefland.

"Die Farmer können nun auch in Chiquitanía Brandrodung betreiben, der Übergangsregion zwischen Regenwald und Trockensavanne", weiß Papacek. Morales habe in diesem Zuge versprochen, aus Kleinbauern Agrarunternehmer zu machen. Dekret 3973 soll die Agrar-Industrie und damit die Interessen der Großgrundbesitzer im Osten des Landes, vor allem um Santa Cruz herum, fördern.

Wahlgeschenke an frühere Kritiker

Dabei zählten eben jene Eliten zu Zeiten des Regierungsantritts von Morales noch zu seinen schärfsten Gegnern. "2007 drohten die politischen Eliten im Osten noch, sich vom Land abzuspalten", erinnert Papacek. Aber Morales gelang es, sie zu kooptieren: Mit gezielten Förderungen wie etwa der von Zuckerrohranbau.

Morales feiert das Dekret als sozialistischen Teilsieg. In Papaceks Augen hat sich Morales aber im Laufe der Jahre von den selbst gesetzten Zielen und Ansprüchen an seine Regierung verabschiedet und ist gar nicht mehr so links. "Die Rodung weiterer Flächen in den Departamentos Beni und Santa Cruz wird nicht zum Nutzen der armen bäuerlichen Landbevölkerung sein, wie oft behauptet. Auch die großen Agrarunternehmer werden letztlich die Folgen der Rodungen spüren. Sie sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen", macht Papacek deutlich.

Die Großgrundbesitzer schrecken auch nicht davor zurück, gezielt Feuer zu legen, um indigene Bewohner zu vertreiben, berichtet der Experte. Wessen Politik schlimmer ist – Bolsonaros oder Morenos – wollen beide Experten nicht beurteilen.

Boliviens Regierungschef Evo Morales ist ein scharflinker Staatschef. Sein Dekret 3.973 befördert die massenhafte Brandrodung des Urwalds. Bolivien ist seither schlimmer unterwegs als Brasilien. Das aber merkt kaum einer, weil Brasiliens Bolsonaro als neues Feindbild der Linken so prächtig taugt.

Entsetzen in der Bevölkerung

Ob die Wahlgeschenke ihre politische Wirkung entfalten, ist fraglich, denn das Entsetzen in der Bevölkerung ist groß. "Zivilgesellschaftliche Organisationen schlagen Alarm", beobachtet Papacek. Die katholische Kirche, Umweltorganisationen und Künstler fordern den Präsidenten zum Handeln auf.

Wie der "Spiegel" berichtet, gab es am Sonntag in La Paz, Santa Cruz und Cochabamba Spontan-Demonstrationen, bei denen die Protestanten die Annahme internationaler Hilfe forderten. "Morales hat die sozialen Bewegungen aber gespalten oder auf Regierungslinie gebracht", weiß Papacek. Dennoch dürfte ihn die aktuelle Situation Stimmen kosten.

Globale Handelsströme als Ursache

Was also tun? Das größte Löschflugzeug der Welt, den "Global Supertanker", hat Morales bereits gechartert, drei weitere Löschhubschrauber aus dem Ausland sollen bei der Bekämpfung helfen. "Das Feuer ist nur die Spitze des Eisberges, welchen wir sehen. Es steht für ein Landumwandlungsproblem, welches seit Jahren besteht", weiß Held. Mit den Flammen ist also das zugrundeliegende Problem nicht bekämpft. "Den Bauern eine Alternative zum Feuerroden zu bieten ist eine Herkules-Aufgabe", befürchtet er.

Ein Beispiel: 2017 führte die EU knapp 27 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot aus Südamerika ein. Die Erzeugung tierischer Lebensmittel wäre sonst auf dem derzeitigen Niveau nicht möglich, in Europa dient Soja vor allem als billiges Tierfutter. "Die globalen Handelsströme hängen direkt mit unserem Konsumverhalten zusammen", zeigt Held auf.

Landschaften widerstandsfähiger machen

Solange wir im Westen den aktuellen Konsumstil aufrechterhielten, müsse jemand die billigen Rohstoffe produzieren. "Abhilfe schaffen fairer Handel und Besinnung auf regionale Produktion", so der Experte.

Was kann sonst noch getan werden? "Der Klimawandel bringt das Wetter, welches zu Bränden führt. Aber der Mensch beeinflusst die Landschaft, in der sich Feuer ausbreiten kann", so Experte Held. Er fordert: "Wir müssen unsere Landschaften resilienter machen – in Europa, Brasilien und Bolivien."

Intensivierung der Zusammenarbeit

Weg also vom Fokus auf die Flamme, hin zum Fokus auf den nachhaltigen Umgang mit der Erde. "Wir sollten die internationale Zusammenarbeit intensivieren und gemeinsam fragen 'Wie gehen wir mit unserem Land um und wie kann man Wald nachhaltig, naturnah bewirtschaften, ohne ihn aus der Balance zu bringen?'", so Experte Held.

Ein Bauer, der seine Weidefläche anzündet, um bessere Bedingungen für die Rinder zu schaffen, beabsichtige nicht, gleichzeitig 200 Hektar Wald als Kollateralschaden abzufackeln. "Das ist grobe Fahrlässigkeit und Unwissenheit", meint Held.

Besserwisserei sei fehl am Platz. "Wir bekommen in Europa den Borkenkäfer nicht in den Griff, dann können wir in Lateinamerika nicht lehrmeisterhaft auftreten. Sonst geht nur das Spiel 'Kümmert euch doch lieber um euren eigenen Wald' immer wieder hin und her", warnt Held. Und bevor der Wald Bauern, Einheimischen und Familien genutzt hat, ist er schon lange politisch nutzbar gemacht worden.

Dr. Thilo Papacek studierte Geschichte und Lateinamerikanistik an der Freien Universität Berlin. Seine regionalen Forschungsschwerpunkte liegen auf Bolivien, Brasilien, Paraguay. Papacek arbeitet als Projektreferent bei der Initiative "GegenStrömung", welche für menschenrechtskonformes sowie sozial- und umweltverträgliches Handeln deutscher Akteure bei ihren Auslandsaktivitäten eintritt.
Alexander Held ist Forstwissenschaftler und Experte für Wald, Feuer- und Wildtier-Management im Bonner Büro des European Forest Institute.

Verwendete Quellen:

  • Verkündung des Dekrets
  • Spiegel.de: Evo Morales und die Amazonas-Brände
  • sojatoaster.com: Soja-Produktion weltweit und Handelsströme

Jair Bolsonaro verbietet Brandrodung - für zwei Monate

Als Antwort auf die schweren Waldbrände im Amazonasgebiet, verbietet Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro für zwei Monate die Praxis des Brandrodens. Zuletzt geriet der Politiker zunehmends unter Druck. Kritiker werfen ihm Gleichgültigkeit gegenüber den Feuern vor.