Nach dem Bruch des Kachowka-Staudamms ist eine Familie auf einer Insel im Fluss Dnipro von den Fluten eingeschlossen. Die Hoffnung schwindet – doch eine Drohne findet die Mutter und ihre Kinder. Sie bringt der Familie Lebensmittel mit einem Brief, unterzeichnet vom "Weihnachtsmann".

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Vom Dachboden eines dreistöckigen Hauses aus beobachteten Katerina Krupitsch und ihre beiden Kinder mit Schrecken, wie die Flut im Süden der Ukraine immer höher stieg. Ohne Essen und Trinken hatten sich die drei dorthin geflüchtet, als ihre kleine Insel Tschaika im Fluss Dnipro nach der Zerstörung des Kachowka-Damms überschwemmt wurde. Die ersten Häuser versanken im Wasser, die Hoffnung schwand. Doch dann hörten Mutter und Kinder eine Drohne surren.

"Bitte helfen Sie uns!", flehte die 40-Jährige in die Kamera der Drohne, als sie erkannte, dass sie von ukrainischer Seite kam. "Ich zeigte, dass wir zu dritt sind und dass wir nichts mehr zu essen und zu trinken haben", erzählt Krupitsch unter Tränen. Die Drohne des Grenzschutzes machte kehrt und kam mit Lebensmitteln zurück. Auf einer Plastikflasche klebte eine Botschaft: "Haltet durch. Keine Panik. Ihr werdet evakuiert", stand auf dem Zettel – unterschrieben mit "der Weihnachtsmann". Krupitsch weinte vor Erleichterung.

Schließlich, am Mittwochabend, erreichte ein Rettungsteam die Insel und brachte die Familie dann in die Stadt Cherson. Das Drohnen-Video vom Hilferuf der verzweifelten Mutter ging in den sozialen Netzwerken in der Ukraine viral.

Verortung des Kachowka-Staudamms © dpa-infografik GmbH

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Dnipro steigt immer weiter an: "Es war beängstigend"

Die Krupitschs hatten über ein Jahr unter russischer Besatzung auf der winzigen Insel in der Nähe der Stadt Oletschky gelebt, nur noch ein Dutzend Menschen harrten dort aus. "Wir waren all diese Monate abgeschnitten von der Welt", schildert Krupitsch ihre damalige Lage. Sie angelten und aßen die Vorräte, die Nachbarn zurückgelassen hatten.

Als die Staumauer am Dienstag vergangener Woche gesprengt wurde, wofür sich Kiew und Moskau gegenseitig die Schuld geben, schwoll der Dnipro an. Sowohl das ukrainisch kontrollierte nördliche Ufer als auch das russisch kontrollierte Ufer im Süden wurden großflächig überschwemmt. Mehrere Menschen starben, viele weitere wurden verletzt.

"Ich sah, wie die Russen flohen", erzählt Krupitsch. Das Wasser sei sehr schnell gestiegen, "jede halbe Stunde zehn Zentimeter". Erst reichte es ihr bis zu den Knöcheln, bald bis zu den Knien. Als es im einstöckigen Haus der Familie zu gefährlich wurde, flüchtete sie auf den Dachboden des dreistöckigen Nachbarhauses. "Es war beängstigend zu sehen, wie das Wasser in unserem Haus bis zu den Fenstern stieg. Dann erreichte es das Dach und auch das begann zu verschwinden."

"Weihnachtsmann" als "Schutzengel": Drohnen filmten einst Hochzeiten – jetzt retten sie Leben

Ihre Rettung hat die Familie einem ukrainischen Grenzschützer zu verdanken, der sie mit seiner Drohne entdeckte. Er steuerte die DJI Mavic 3, eine Kameradrohne. In Friedenszeiten würden damit gern Hochzeiten gefilmt, erklärt der 31-Jährige. "Im Krieg haben wir gelernt, sie ein wenig anders zu nutzen." Nun dient sie der Überwachung – und erstmals auch dazu, Essen in ein kleines Dachfenster abzuwerfen.

Dieser Grenzschützer war es, der die beruhigende Botschaft auf die Wasserflasche klebte. Warum er mit "Weihnachtsmann" unterschrieb? Wegen seines Barts werde er so genannt, sagt der Mann, der wegen seines Jobs anonym bleiben will und sein Gesicht hinter einer Maske verbirgt.

Für Krupitsch und ihre Kinder ist dieser "Weihnachtsmann" in Tarnkleidung ihr Retter. Seinen Zettel mit der Botschaft will sie als Erinnerung aufbewahren. Krupitsch ist überzeugt: "Er ist mein Schutzengel." (AFP/tas)

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