Es ist einer der längsten postkolonialen Konflikte der Welt, war bereits Auslöser für mehrere Kriege, auch Atomwaffen sind im Spiel: der Kaschmir-Konflikt. Trotzdem findet der heftige Streit zwischen Indien und Pakistan nur selten Einzug in die Medien. Weil Indien erstmals seit 1971 wieder seine Luftwaffe eingesetzt hat, nehmen die Spannungen nun zu. Prof. Dr. Hermann Kreutzmann spricht im Interview über die Hintergründe, das Eskalationspotenzial sowie die Bedeutung des indischen Hindu-Nationalismus.

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Herr Prof. Kreutzmann, bringen Sie uns noch einmal auf den notwendigen Wissensstand, worum geht es beim Kaschmir-Konflikt?

Prof. Dr. Hermann Kreutzmann: Die Feindschaft zwischen Indien und Pakistan ist ein Erbe der Kolonialzeit. Beim Kaschmir-Konflikt handelt es sich um einen der längsten postkolonialen Konflikte der Welt, bei dem es um territoriale Streitfragen und den Grenzverlauf geht.

1947 wurde das vormalige Britisch-Indien aufgrund einer Zwei-Nationen-Theorie in Indien und Pakistan geteilt. Man wollte eine Heimstatt für Muslime und eine für Hindus schaffen. Bei der Teilung wurde den indischen Großfürsten zugestanden, selbst zu entscheiden, welchem Staat sie sich anschließen wollen.

In Kaschmir herrschte damals ein hinduistischer Maharadscha, die Bevölkerung war aber mehrheitlich muslimisch. Der Maharadscha zögerte seine Entscheidung lange heraus, entschied sich dann aber für Indien - entgegen dem Teilungsprinzip. So ist direkt mit der Unabhängigkeit ein Krieg ausgebrochen, verbunden mit der größten Flüchtlingskatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Wie endete der erste Krieg?

Die Vereinten Nationen konnten damals einen Waffenstillstand vermitteln und verabschiedeten bisher mehrere Resolutionen für ein Referendum, in dem die kaschmirische Bevölkerung über ihre Zukunft und Zugehörigkeit abstimmen sollte.

Es ist von Indien bislang aber nie zugelassen worden. Alle Regierungen haben sich solch einer Abstimmung verweigert. Immer wieder kommt es an der Grenze zu Schusswechseln und terroristischen Anschlägen.

Wieso hat das Gebiet für Indien und Pakistan so große Bedeutung?

Kaschmir war eines der größten und wohlhabendsten Maharadschatümer in Südasien. Es geht daher nicht nur um einen territorialen Konflikt und Emotionen, sondern auch um handfeste ökonomische Anliegen. Indien möchte auf keinen Fall auf das wertvolle Gebiet Kaschmir verzichten.

Die beiden Staaten sind politisch und kulturell unterschiedlich aufgestellt, verfolgen unterschiedliche Anliegen. Die Teilung Britisch-Indiens ist damals auf der Basis eines Zensus von 1941 durchgeführt worden, der muslimische und hinduistisch geprägte Distrikte identifizierte.

Eine weitere Bedingung war, dass zusammenhängende Gebiete entstehen sollten. So kam Indien flankiert von Ost- und Westpakistan zustande.

Kaschmir liegt genau im Übergangsgebiet zwischen beiden Gebilden. Die Katastrophe war absehbar, denn es gab kaum Distrikte, die einheitlich hinduistisch oder muslimisch waren. Gerade die Grenzregionen sind sehr gemischt; hier ist es zu einem großem Bevölkerungsaustausch durch Flucht gekommen.

Indien hat nun erstmals seit 1971 Luftangriffe auf Gebiete jenseits der Demarkationslinie geflogen. Warum?

Mitte Februar hat die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed in Kaschmir einen Bombenanschlag verübt, bei dem mindesten 40 indische Sicherheitskräfte ums Leben kamen. Im April finden in Indien Wahlen zur Nationalversammlung statt. Wohl deshalb hat sich Premierminister Narendra Modi dazu genötigt gesehen, eine besonders harte Reaktion zu zeigen, die man politisch verwerten kann.

Indien hat daher einen Luftangriff auf Pakistan geflogen, Pakistan wiederum schoss in der Folge zwei indische Kampfflugzeuge ab und nahm einen Piloten gefangen. (Inzwischen wurde der Pilot freigelassen. Dennoch kommt es auch seitdem wieder zu Spannungen und neuer Gewalt zwischen den beiden Ländern. Anm. d. Red.)

Droht nun ein Krieg? Wie schätzen Sie das Eskalationspotenzial ein?

Das ist schwierig einzuschätzen. Von pakistanischer Seite besteht kein Interesse daran, die Situation zu einem Krieg eskalieren zu lassen, denn das Land ist hochverschuldet.

Indien hingegen befindet sich wie gesagt im Wahlkampf und Modi sucht Gelegenheiten, aus denen er politischen Profit schlagen kann. Aus diesem Grund wurden auch Flugzeuge eingesetzt, denn Schusswechsel an der Grenzlinie gab es schon vorher immer wieder.

Viele Kommentatoren meinen, dass Modi es nicht nötig hätte, zu solchen symbolischen Maßnahmen zu greifen, da er in den Umfragen ganz gut dastehe. Die größte Gefahr ist aber, dass auf beiden Seiten weiterhin terroristische Anschläge verübt werden, die zu einer Eskalation beitragen könnten.

Gefährlich wäre es auch, wenn die öffentliche Meinung insbesondere in Indien weiter hochgeschaukelt wird. An den Provokationen sind die Medien maßgeblich beteiligt.

Bei einer solchen Eskalation könnte die Situation brenzlig werden, immerhin nennen beide Länder auch Atombomben ihr Eigen. Was weiß man über die nukleare Schlagkraft?

Indien und Pakistan sind seit über 20 Jahren Atommächte. Zu Beginn verfügten beide Seiten etwa über 30 Atombomben, die Anzahl hat sich seitdem kontinuierlich gesteigert. Heute gibt es deutlich mehr als 100 Bomben auf beiden Seiten. Die Gefahr ist zwar real, aber es geht vielmehr um ein Abschreckungsszenario als um ein Einsatzszenario.

Die Staaten haben sich zu Atommächten aufgeschaukelt, um zu verhindern, dass das jeweils andere Land einen Krieg beginnen würde. Die Militärs sind sich der Gefahr bewusst, was ein Atomkrieg für beide Länder bedeuten würde. In diesem Sinne hat der Besitz von Atomwaffen eher zur Stabilisierung der Beziehung beigetragen.

Welche weiteren Akteure spielen denn eine Rolle?

Insgesamt ist die Gemengelage komplex und deshalb auch nicht leicht zu lösen. Es gibt politische, ideologische und religiöse Akteure. Zunächst handelt es sich zwar um einen bilateralen Konflikt zwischen Indien und Pakistan, aber auch die kaschmirische Bevölkerung spielt eine wichtige Rolle. Manche fordern nämlich einen gänzlich unabhängigen Staat.

Kaschmir selbst besteht jedoch aus unterschiedlichen Gebieten, deren Bevölkerungen sich hinsichtlich ihrer Religion unterscheiden und unterschiedliche Forderungen haben. Die jeweiligen Allianzen sind keineswegs so eindeutig, wie beide Regierungen uns glauben machen möchten. Innerhalb beider Länder gibt es genügend Player, die eine einvernehmliche Lösung bis hin zu einem Friedensabkommen verhindern wollen.

Das Militär dominiert in Pakistan und agiert wie ein Staat im Staat. Es hat sich große Ressourcen und Schlüsselfunktionen des Landes angeeignet. Diese Position möchte es nicht aufgeben.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der Kaschmir-Konflikt ein großes ökonomisches Verlustgeschäft: Indien und Pakistan teilen eine lange Grenzlinie, aber es findet kaum Warenaustausch statt. Beide könnten davon jedoch immens profitieren. Selbst zwischen den verfeindeten China und Taiwan ist dieser höher und Teil der Normalität.

Hinzu kommen terroristische Gruppierungen in beiden Ländern - wie etwa die Jaish-e-Mohammed aus Pakistan, die jetzt auch den jüngsten Anschlag verübt hat.

In Indien spielt die hindu-nationalistische Regierung unter Modi eine wichtige Rolle: Sie hat nicht nur einen parlamentarischen Zweig, sondern auch extreme Gruppierungen, die im Untergrund agieren.

Welche Bedeutung hat Indiens neonationalistisches Großmachtstreben bei einer möglichen Eskalation?

Die Ideologie der in Indien regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) ist die sogenannte Hindutva. Dieses politische Konzept will Indien als rein hinduistischen Staat definieren und zur Heimstatt der Hindus machen - frei von allen Muslimen.

Es gab in der Vergangenheit immer wieder Aktionen, um die Überlegenheit der Hindus zu demonstrieren. Dabei haben etwa Mobs der BJP nachts eine Moschee niedergerissen und einen hinduistischen Tempel errichtet.

Alle gesellschaftlichen Bereiche sind betroffen. So soll beispielsweise auch die Wissenschaft auf Linie gebracht werden. Bestimmte Dinge dürfen in der Geschichtswissenschaft oder Theologie nicht mehr gelehrt werden, und liberale Denker haben ihre Jobs verloren.

Ein Anschlag wie der Mitte Februar bietet gerade den Extremen einen willkommenen Anlass, um die eigene Position zu untermauern und in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken.

Was könnte den Konflikt befrieden und wer hat Interesse daran?

Für die Befriedung müssen die Außenminister beider Länder miteinander ins Gespräch kommen. Im aktuellen Streit ist der materielle Schaden auf beiden Seiten relativ ausgewogen gewesen, so bewahren auch beide Seiten ihr Gesicht.

Auf dem internationalen Parkett ist vor allem Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht an einer Deeskalation interessiert. Außenminister Jeremy Hunt vermittelt im Hintergrund zwischen beiden Parteien. Kanada ist ebenfalls daran interessiert, dass der Konflikt nicht eskaliert und möchte vermitteln, denn dort leben viele indische und pakistanische Migranten.

Die befreundeten Mächte von Pakistan werfen auch einen genaueren Blick auf die Lage vor Ort: Pakistan bildet eine Allianz mit Saudi-Arabien und China. China steht wiederum in Feindschaft zu Indien und fechtet einen eigenen Grenzstreit mit Indien aus.

Insgesamt läuft diese Krise dennoch unter dem weltpolitischen Radar. Wieso?

Dafür gibt es viele Gründe. Indien und Pakistan sind immer unter dem Radar der Weltöffentlichkeit geblieben. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Schon auf die immensen Flüchtlingsbewegungen kurz nach der Teilung haben die Vereinten Nationen nicht gleichermaßen reagiert.

Bei den parallel dazu stattfindenden Flüchtlingsströmen zwischen Osteuropa und Westeuropa nach dem zweiten Weltkrieg folgte die Genfer Flüchtlings-Konvention. Als Folge der Palästinenserkrise gab es konkrete Reaktionen wie etwa Erklärungen oder die Gründung von Unterorganisationen der Vereinten Nationen zur Aufarbeitung des Problems.

Das liegt zum einen daran, dass der Konflikt zwischen Indien und Pakistan in erster Linie bilateral als Folge der Dekolonisation ausgefochten wurde. Außerdem wurde häufig Großbritannien in der Verantwortung gesehen, denn die Konflikte sind ein Erbe der britischen Kolonialzeit.

Aber?

Großbritannien hat sich jedoch nie sonderlich darum bemüht, den Kaschmir-Konflikt zu einem friedlichen Ende zu bringen. Hinzu kommen Abnutzungserscheinungen in einer Dauerkrise: Es gab Kriege bereits in den 40er Jahren, dann 1965, 1971 und 1999, da lässt das Interesse irgendwann nach.

Blauhelme der Vereinten Nationen überwachen die Waffenstillstandslinie. Die regelmäßigen Grenzverletzungen kommen bei uns in den Nachrichten gar nicht vor, vermutlich gibt es zu wenig Tote oder nicht genug Zerstörung. Erst als jetzt Flugzeuge abgeschossen wurden, war die Aufmerksamkeit wieder größer.

Prof. Dr. Hermann Kreutzmann ist Geograph und Professor für Anthropogeographie an der Freien Universität Berlin. Er ist Direkor des Instituts für Geographische Wissenschaften und des Zentrums für Entwicklungsländerforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Geographischen Entwicklungsforschung, Politischer Geographie sowie der Minderheiten- und Migrationsforschung.
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