Der Chef der Unternehmensgruppe Tengelmann, Karl-Erivan Haub, wird seit Samstag am Matterhorn vermisst, seine Familie rechnet mittlerweile nicht mehr damit, dass er lebend gefunden wird. Dunkle Schatten über dem Imperium, das auf eine lange Geschichte zurückblicken kann.

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Tengelmann und seine Unternehmensgruppe zählen zu den weltweit bedeutendsten Handelsunternehmen. Derzeit verfügt Tengelmann über 73 Beteiligungen, die einen Umsatz von circa 30 Milliarden Euro erwirtschaften und 215.000 Mitarbeiter beschäftigen.

Zur Firmengruppe zählen unter anderem der Textildiscounter Kik, die OBI Bau- und Heimwerkermärkte, Tedi sowie Netto und Baby-Markt.de. Auch die Immobiliengesellschaft Trei Real Estate ist Teil des Verbundes.

Zuletzt stand hier die Förderung von bezahlbarem und modernem Wohnbau auf der Agenda des Unternehmens. 2017 eröffnete als erstes Projekt die Studenten-Wohnanlage "Quartillion" in Köln-Ehrenfeld.

Die Beteiligungsgesellschaften Emil Capital Partners in den USA und die Tengelmann Ventures in Deutschland investieren hauptsächlich in Start-Up-Unternehmen, fördern diese und entwickeln junge Unternehmer weiter.

Prokurist gibt Filiale seinen Namen: Tengelmann

Bislang beteiligten sich laut Geschäftsbericht beide Firmen an 66 Start-Up-Unternehmen. Abgerundet wird das Portfolio des traditionsreichen Familienunternehmens von Dienstleistungsgesellschaften und Beteiligungen.

Gegründet wurde das Unternehmen 1867 von Wilhelm Schmitz-Scholl für den Großhandel von Kolonialwaren sowie den Import von Kaffee und Tee. Nach seinem Tod übernahmen die Söhne Wilhelm junior und Karl den Handel und eröffneten 1897 die erste Tengelmann-Filiale in Düsseldorf.

Beim Aufbau ihres Handels und Geschäfts half Prokurist Emil Tengelmann und stand für die Gründung des Kaffee- und Tee-Handels sowie später der ersten Filiale mit seinem Namen Pate.

Knapp 20 Jahre später betrieb Tengelmann bereits 560 Filialen, in denen die Familie Lebensmittel wie Haushaltswaren verkaufte. Mit dem Ausscheiden von Wilhelm im Jahr 1906 wurde Karl Schmitz-Scholl zum alleinigen Geschäftsführer. Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 wurden mehr als 160 Filialen zerstört.

Nach dem Tod von Schmitz-Scholl senior im Jahr 1933 erbten seine beiden Kinder Elisabeth Haub sowie Karl-Erivan Schmitz-Scholl das Unternehmen, Karl-Erivan Schmitz-Scholl junior übernahm die alleinige Geschäftsführung.

Kooperation mit den Nationalsozialisten

Unter seiner Führung profitierte Tengelmann vom Zweiten Weltkrieg. Schmitz-Scholl junior wurde 1933 Mitglied der NSDAP und stieg bis zum SS-Hauptsturmführer auf.

Für sein Unternehmen Tengelmann kooperierte Schmitz-Scholl mit den Nationalsozialisten und ließ für die Wehrmacht Spezialnahrung produzieren.

Nach Ende des Krieges wurde Schmitz-Scholl junior von den Alliierten verhaftet und zwei Jahre später entlassen. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er 1948 als Mitläufer benannt.

Nach dem Krieg gelang es Schmitz-Scholl junior, Tengelmann nach und nach zu einem Imperium aufzubauen. 1967 – zum 75. Jubiläum von Tengelmann – knackte das Unternehmen erstmals die 1-Milliarden-D-Mark-Umsatzmarke.

Zunehmend expandierte die Firmengruppe und eröffnete neue Märkte – unter anderem den Discounter Plus oder den Grosso-Markt. 1969 übergab der kinderlose Schmitz-Scholl junior die Geschäftsführung an die vierte Generation: seinen Neffen Erivan Haub.

Zum 100. Gründungsgeburtstag im Jahr 1993 wurde die 50-Milliarden-D-Mark-Umsatz-Marke überschritten. Tengelmann gehörte damit offiziell zu den größten Lebensmittelfilialbetrieben der Welt. Doch auch in der Textilbranche mischte der Lebensmittel-Riese mit: 1994 eröffnete der Textildiscounter Kik.

Mit der Übernahme durch die fünfte Generation im Jahr 2000 wurden der jetzt vermisste Karl-Erivan Haub und sein Bruder Christian zu den Chefs der Firmengruppe.

Unter ihrer Führung hat sich Tengelmann Schritt für Schritt aus seinem Ursprungsfokus, dem Lebensmittel-Handel, zurückgezogen. Mit dem Verkauf seiner Tengelmann-Filialen an Edeka sollte der Rückzug komplett finalisiert werden, jedoch scheiterte dies zunächst an kartellrechtlichen Bedenken.

Der geplante Verkauf der Supermarktkette ging trotz der Aussicht auf eine sogenannte Ministererlaubnis durch den damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor das Oberlandesgericht Düsseldorf. Das Gericht entschied am 12. Juli 2016: Der Verkauf an Edeka wird untersagt.

Erst im Oktober 2016 konnten sich die Chefs von Edeka und Rewe dann einigen – die Tengelmann-Filialen wechselten im Januar 2017 den Eigentümer.

Heute fokussiert sich die Unternehmensgruppe Tengelmann auf ihre Beteiligungen sowie den boomenden Online-Handel. Noch immer zählt das Unternehmen zu den Big Playern in Deutschland.

Zuletzt landete Tengelmann in einem "Handelsblatt"-Ranking der Top 500 Familienunternehmen in Deutschland auf Platz 10.

Die Tengelmann-Familie musste 2018 bereits einen persönlichen Verlust verkraften: Erivan Haub, Geschäftsführer der vierten Generation, starb im Alter von 85 Jahren Anfang März in den USA.

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub ist und bleibt verschwunden. Einsatzkräfte teilten mit, man könne nur noch auf einen Zufallsfund hoffen. Bei der gezielten Suche seien alle Möglichkeiten ausgeschöpft.