• Weil er Fälle von sexueller Gewalt vertuscht haben soll, steht Kardinal Reinhard Marx in der Kritik.
  • Trotzdem sollte er nun mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden.
  • UPDATE vom 27. 04., 16:50 Uhr: Nun verzichtet der Kardinal auf die geplante Auszeichnung.

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Nach massiver Kritik von Missbrauchsopfern verzichtet der Münchner Kardinal Reinhard Marx auf die für Freitag geplante Auszeichnung mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Marx bitte Steinmeier, die Verleihung nicht vorzunehmen, erklärte ein Sprecher des Erzbistums am Dienstag in München. Der Kardinal selbst begründete den Schritt mit Rücksicht auf diejenigen, die an der geplanten Verleihung Anstoß nähmen.

Marx schreibt Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Dem Erzbistum zufolge bat Marx den Bundespräsidenten in einem Brief, auf die Auszeichnung zu verzichten. "Ich bin überzeugt, dass das mit Rücksicht auf diejenigen, die offensichtlich an der Auszeichnung Anstoß nehmen, und insbesondere mit Rücksicht auf die Betroffenen, der richtige Schritt ist", habe der Kardinal geschrieben.

Er wolle damit auch negative Interpretationen verhindern im Blick auf andere Menschen, denen die Auszeichnung zuteil geworden sei. "Selbstverständlich möchte ich auch dem Amt des Bundespräsidenten keinen Schaden zufügen", schrieb der Kardinal weiter.

Ihm sei bewusst gewesen, dass die Auszeichnung auch Anlass zur selbstkritischen Betrachtung seines Wirkens und der Arbeit der katholischen Kirche insgesamt sei. "Die Kritik, die nun von Menschen geäußert wird, die von sexuellem Missbrauch im Raum der Kirche betroffen sind, nehme ich sehr ernst, unabhängig von der Richtigkeit der einzelnen Aussagen in offenen Briefen und in der medialen Öffentlichkeit." Er blende diese Kritik selbstverständlich aber nicht aus.

Bundespräsidialamt wollte Marx trotz der Kritik auszeichnen

Gegen die Entscheidung, Marx mit dem Verdienstkreuz mit Stern und damit der vierthöchsten Stufe der acht Stufen des Verdienstordens auszuzeichnen, hatte unter anderem der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln offen protestiert.

Das Bundespräsidialamt hatte trotz der Kritik an der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes festgehalten. Marx sei in seiner Zeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in besonderer Weise für Gerechtigkeit und Solidarität eingetreten, sagte ein Sprecher des Bundespräsidialamtes. Er habe sich für die Aufnahme von Geflüchteten eingesetzt, habe gegen Populismus und Hetze Stellung bezogen.

Für diese Verdienste wollte man Marx, ebenso wie seine Vorgänger, auszeichnen. Gleichzeitig sei völlig klar, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die rückhaltlose Aufklärung des massenhaften sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche erwarte.

Betroffenenbeirat kritisiert Ehrung für Marx

Der Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln hatte an den Bundespräsidenten appelliert, die für Freitag geplante Auszeichnung vorerst nicht vorzunehmen. Der Vorwurf der Vertuschung sei bei Marx "noch längst nicht ausgeräumt", verschiedene Untersuchungen dazu seien noch nicht abgeschlossen, so der Beirat, der die Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester vertritt.

Für Betroffene sei die Ehrung kaum zu ertragen. "Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Kardinal Marx darf nur erfolgen, wenn eindeutig nachgewiesen ist, dass er sich keiner Vertuschung schuldig gemacht und keine Aufklärung ver- oder behindert hat", forderte stellvertretend Peter Bringmann-Henselder, Mitglied im Betroffenenbeirat. (dpa/AFP/ank)

Dieser Artikel wurde erstmals am 27. April um 10:46 Uhr veröffentlicht und später aktualisiert.