• Haben Genesene, die sich gegen das Corona-Virus impfen lassen, den besten Impfschutz?
  • Mehrere Studien untersuchen aktuell die hybride Immunität.
  • Zu welchen Ergebnissen die Forschenden gekommen sind und wie die Virologin Janine Kimpel die sogenannte "Super-Immunität" einschätzt.

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Was bietet den größtmöglichen Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2? Daran forschen aktuell Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Mehrere Studien belegen jetzt, dass die Immunreaktion von genesenen Menschen, die sich nach mehreren Monaten zusätzlich impfen lassen, besonders stark ausfällt. Wie sich das erklären lässt und was die Virologin Janine Kimpel empfiehlt.

Wie sieht Immunantwort gegen stark veränderte Virusvariante aus?

Wie sieht die Immunantwort verschiedener Personengruppen gegen eine stark veränderte Variante des Virus aus? Dieser Frage gingen Forschende aus den USA nach. Im September veröffentlichten Theodora Hatziioannou und Paul Bieniasz von der New Yorker Rockefeller University die Ergebnisse ihrer Forschung.

Die Forschenden hatten für ihre Untersuchung einen zentralen Bestandteil des Virus verändert: Das sogenannte Spike-Protein, das das Corona-Virus dazu braucht, um an menschliche Zellen anzudocken und sie zu befallen. Hatziioannou und Bieniasz "bauten" also ein künstliches Spike-Protein, das 20 verschiedene Genmutationen aufwies, darunter auch als "besorgniserregend" eingestufte wie die Delta-Variante. Heraus kam eine besonders aggressive, nicht real existierende Variante des Corona-Virus, die allerdings COVID-19 nicht auslösen kann.

In der Medizin ist dieses Vorgehen übrigens gang und gäbe: Man spricht von einem Pseudovirus, das im Gegensatz zum realen, zu erforschenden Virus nicht ansteckend ist, ihm aber stark ähnelt - und für Experimente entsprechend verändert und kontrolliert wird.

In diesem Fall untersuchte das Forschungsteam, wie sich die Antikörper in verschiedenen Blutproben verhielten, wenn sie in Kontakt mit dem künstlichen Erreger kamen und welche Bestandteile des Spike-Proteins von neutralisierenden Antikörpern angegriffen wurde. Das Ergebnis: Einzig die Antikörper einer bestimmten Personengruppe kam gegen das aggressive Spike-Protein an: Menschen, die von COVID-19 genesen waren und außerdem später einen mRNA-Impfstoff erhalten hatten.

Gedächtniszellen stärken Immunantwort deutlich

Verschiedene Studien zeigen, dass Genesene, welche dann auch noch geimpft wurden, sehr hohe Mengen generell an Antikörpern und auch an neutralisierenden Antikörpern haben. Außerdem haben sie eine diversere Antwort an neutralisierenden Antikörpern als nur Genesene oder nur Geimpfte, das heißt, sie bilden neutralisierende Antikörper gegen verschiedene Bereiche des Oberflächenproteins aus. Sie sollten daher auch gut und langanhaltend vor einer Infektion geschützt sein.

Inzwischen gibt es einige weitere Forschungsergebnisse, die Hinweis darauf geben, dass die Immunantwort von Genesenen und später mit mRNA-Vakzinen Geimpften als besonders hoch eingestuft werden kann. "Studien zeigen, dass Genesene, welche dann auch noch geimpft wurden, sehr hohe Mengen generell an Antikörpern und auch an neutralisierenden Antikörpern haben", sagt die Virologin Janine Kimpel von der Medizinischen Universität Innsbruck auf Anfrage unserer Redaktion. "Außerdem haben sie eine diversere Antwort an neutralisierenden Antikörpern als nur Genesene oder nur Geimpfte."

Infektion führt "zur Ausbildung immunologischer Gedächtniszellen"

Das ist auch aus dem Grund interessant, weil frühere Untersuchungen Genesener zeigten, dass bestimmte neutralisierende Antikörper nach mehreren Monaten nicht mehr in ihrem Blut nachweisbar waren. Dieser Umstand sei inzwischen überholt, heißt es in einer öffentlichen Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie. Vielmehr führe "eine SARS-CoV-2-Infektion beim Menschen zur Ausbildung immunologischer Gedächtniszellen". Diese seien wiederum der "eigentliche Schutzmechanismus des Immunsystems gegen eine erneute Erkrankung".

Vereinfacht ausgedrückt: Diese B- und T-Zellen sorgen dafür, dass schnell neue Antikörper gebildet werden, sobald sie erneut mit dem Erreger in Kontakt kommen. Diese Antikörper seien, so die Gesellschaft für Virologie, "wesentlich wirksamer" als die Antikörper, die nach der ersten Infektion gebildet wurden - und könnten auch "Varianten von SARS-CoV-2 effizient neutralisieren". Wenn sich Genesene nun impfen lassen, "antworten" diese Gedächtniszellen also mit der Bildung besonders starker Antikörper.

Langanhaltendere Immunität durch Kontakt mit Virus

Die gute Immunantwort von Menschen, die geimpft und genesen sind, begründet Virologin Kimpel außerdem so: "Bei respiratorischen Viren (Atemwegsviren Anm.d.R.) wie dem SARS-CoV-2 sind die Antikörper auf der Schleimhaut besonders wichtig für einen Schutz vor der Ansteckung. Diese werden durch die Infektion im Atemwegstrakt besser gemacht als durch eine Impfung in den Muskel."

Die hybride Immunität bietet nach aktuellem Forschungsstand einen sehr guten Schutz. Von Selbstversuchen rät die Expertin jedoch entschieden ab: "Sich als Ungeimpfter absichtlich anzustecken ist gefährlich und nicht ratsam. Wir sehen mit der Delta-Variante auch bei jungen Menschen ohne erkennbare Risikofaktoren schwere Verläufe, die einen Krankenhausaufenthalt nötig machen." Außerdem zeige ein Teil der Patienten nach der durchgemachten Infektion noch über mehrere Wochen oder Monate Symptome (Long-COVID).

Idealerweise, so die Virologin, sollte jeder - im besten Fall durch eine Impfung - eine gewisse "Grundimmunität" haben, die dann in regelmäßigen Abständen durch einen natürlichen Kontakt mit dem Virus aufgefrischt wird. "Dadurch sollte es zu einer langanhaltenderen Immunität auch auf der Schleimhaut kommen."

Über die Expertin: Janine Kimpel ist Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck und forscht aktuell an der Wirkungsweise von Kreuzimpfungen von Vektorimpfstoffen und mRNA-Vakzinen.

Verwendete Quellen:

  • Schriftliches Interview mit Janine Kimpel
  • Nature.com: High genetic barrier to SARS-CoV-2 polyclonal neutralizing antibody escape
  • Gesellschaft für Virologie: Aktualisierte Stellungnahme zur Immunität von Genesenen
  • Science.org: mRNA vaccination boosts cross-variant neutralizing antibodies elicited by SARS-CoV-2 infection
  • Deutsches Zentrum für Infektionsforschung: Glossar

Schutz vor Corona: So funktioniert der mRNA-Impfstoff

mRNA-Impfstoffe sind die große Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus. Wie aber funktionieren diese Mittel überhaupt? (Foto: iStock-kovop58)