Seit fünf Jahren regieren die radikalislamischen Taliban Afghanistan. Welche Auswirkungen das auf die humanitäre Hilfe und vor allem die mentale Gesundheit für Mädchen hat, erklärt Daniel Timme, Kommunikationsleiter von UNICEF Afghanistan, im Interview.

Ein Interview

Vor fünf Jahren kamen die radikalislamischen Taliban zurück nach Kabul. Und mit ihnen Angst und Schrecken vor der Terrorherrschaft. Seit sie an der Macht sind, wurden vor allem die Rechte von Frauen und Mädchen immer weiter beschnitten – Mädchen dürfen nicht mehr auf eine weiterführende Schule gehen, Frauen nicht mehr studieren oder arbeiten. Sie wurden aus dem öffentlichen Leben ausradiert.

Was ein Leben ohne Bildung bedeuten kann, ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Doch grade Mädchen haben ohne die Schule einen sicheren Ort weniger. Die Konsequenzen für sie können traumatisch und katastrophal sein, wie Daniel Timme, Kommunikationsleiter von UNICEF Afghanistan, im Interview schildert.

Herr Timme, wenn es hier in Europa um Afghanistan geht, dann geht es meistens um Abschiebungen oder eine Verurteilung des Taliban-Regimes aufgrund der Einschränkung der Rechte von Frauen und Mädchen.

Daniel Timme: Ich wünsche mir da einen differenzierteren Blick. Natürlich ist es richtig, dass über das Schulverbot für Mädchen gesprochen und versucht wird, daran zu arbeiten, dass es nicht mehr so ist. Aber grade im Bereich Bildung ist das Problem in Afghanistan viel größer. Und leider dient diese Aufregung häufig als Entschuldigung, als wäre dem Land ohnehin nicht mehr zu helfen. Dabei darf man nicht vergessen: Kinder, Mädchen und Jungen, dürfen in Afghanistan noch bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen. Das muss weiterhin gefördert werden. Denn es gibt eine große Bildungsarmut in Afghanistan.

Daniel Timme in Afghanistan
UNICEF Sprecher Daniel Timme in Afghanistan © UNICEF/UNI578068/Naftalin

Können Sie das weiter ausführen?

Neun von zehn Kindern in Afghanistan können nicht richtig lesen und schreiben. Die meisten können auch nicht rechnen. Und das Erschreckende an diesen Zahlen ist, dass es egal ist, ob diese Kinder zur Schule gehen oder nicht. Die Qualität des Unterrichts muss sich verbessern, es gibt aber gar nicht genügend Lehrpersonal, um das zu leisten.

Eins muss klar sein: Wenn die Taliban morgen entscheiden würden, das Verbot aufzuheben, gäbe es trotzdem zu wenig Kinder, die die Sekundarschule besuchen könnten – einfach, weil sie zu wenig Grundbildung haben.

Wie kann dem entgegengewirkt werden?

UNICEF arbeitet daran, den Unterricht zu verbessern. Wir bilden Lehrerinnen und Lehrer aus, im letzten Jahr waren es 8.000. Wir stellen Schulmaterialien zur Verfügung, stehen beratend zur Seite, wenn es um den Lehrplan geht und unterstützen den Bau von Schulen. Außerdem arbeiten wir mit Eltern in Gemeinden, um ihnen zu vermitteln, wie wichtig Bildung für Kinder ist. Dafür brauchen wir einen langen Atem, aber es reicht eben nicht, sich nur über das Ausbildungsverbot aufzuregen.

Wie sieht denn die Zukunft eines Landes aus, wenn die Bildung so extrem leidet?

Es hat gravierende Auswirkungen. Wenn Frauen das Arbeiten verboten wird, gehen dem Land Millionen an wirtschaftlicher Leistung im Jahr verloren. Das ist ein Phänomen, was weltweit belegt ist: die beste Art, ein Land aus der Armut zu führen, ist, wenn man Frauen mit einbezieht.

"Wir müssen uns mit Bedauern der Realität im Land stellen: Zwangsehen gibt es hier sehr häufig."

Das kann man sehr gut in Bangladesch sehen, wo Frauen systematisch gefördert worden sind in den letzten 40 Jahren. In Afghanistan passiert das genaue Gegenteil. Die Mädchen leiden extrem darunter, dass ihnen ihr Recht auf Bildung gestohlen wurde. Sie verlieren auch einen wichtigen Schutzraum, den die Schule ihnen bietet, damit sie nicht zu früh verheiratet werden.

Da gab es zuletzt ein Dekret Ende Mai, welches das Schließen von Zwangsehen sogar noch erleichtert. Wie groß ist dieses Problem in Afghanistan?

Wir müssen uns mit Bedauern der Realität im Land stellen: Zwangsehen gibt es hier sehr häufig. Es gibt keine genauen Zahlen dazu, weil es grade ohnehin sehr schwierig ist, Daten zu erheben. Aber was wir wissen, ist: Je ärmer die Bevölkerung, desto mehr Zwangsehen gibt es.

Woran liegt das?

Es geht nicht darum, einen Partner für die Tochter zu finden, sondern es hat knallharte ökonomische Hintergründe. Viele Familien kämpfen hier täglich ums Überleben. Es herrscht bittere Armut, gerade im ländlichen Bereich haben viele nicht genug zu essen. Da ist jede zusätzliche Person im Haushalt eine Belastung. Und wer eine Tochter zu Hause hat, die ohnehin nicht mehr zur Schule gehen kann, überlegt sich so mancher dann, was man machen kann, um dieses Problem zu lösen. Und der Heiratsmarkt ist eine Lösung, so furchtbar das klingt.

Kinderehen unter der Taliban-Herrschaft

  • Mit dem am 14. Mai 2026 veröffentlichten Dekret Nr. 18 haben die Taliban Kinderehen in Afghanistan nach Einschätzung von Amnesty International rechtlich weiter verankert.
  • Das Gesetz erschwert Frauen und Mädchen die Trennung von ihren Ehemännern erheblich und wertet ihr Schweigen nach Beginn der Pubertät teils als Zustimmung zur Ehe. Während Mädchen für eine Anfechtung hohe rechtliche Hürden überwinden müssen, können Männer eine Ehe deutlich einfacher auflösen.

Was für Auswirkungen hat das auf die Mädchen?

Es ist ein traumatisches Erlebnis für sie, wenn sie als 14-Jährige an einen 50-jährigen Mann verheiratet werden. Dieser extreme Altersunterschied ist leider sehr häufig. Die mentale Belastung durch solche Zwangsheiraten ist enorm. Aber es hat auch Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit der Mädchen, zum Beispiel, wenn sie sehr früh schwanger werden. Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Mangelernährung bei Babys und dem sehr jungen Alter von Müttern. Das alles wird zu einem Kreislauf von einer noch größeren Misere und Armut.

Wie hängen das Verbot für Mädchen, zur Schule zu gehen, und Zwangsehen zusammen?

Schulen können Schutzräume sein, um die Kinder vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen. Außerdem werden die Mädchen hier sozialisiert. Sie finden ihren Weg im Leben, entwickeln ihre Persönlichkeit, stehen mit anderen Menschen in Interaktion. Wenn das wegfällt, führt das zu schweren mentalen Problemen. Wir hören von Kolleginnen, die in den Gemeinden arbeiten, dass es immer wieder Mädchen gibt, die sich das Leben nehmen – weil sie weggeschlossen werden. Ihre Träume werden einbetoniert und sie leben wie im Gefängnis.

Wie sehr hat sich die humanitäre Hilfe in den vergangenen fünf Jahren verändert?

Die Lage hat sich sehr verändert – und das nicht zum Guten. Besonders katastrophal ist die Ernährungslage. 90 Prozent der Kinder hier leben in Ernährungsunsicherheit. Immer mehr Kinder sind schwer akut mangelernährt.

Das hängt unter anderem mit der immer schlimmer werdenden Armut zusammen. Seit 2023 sind 2,7 Millionen Menschen aus dem Iran und Pakistan zurück nach Afghanistan gekommen. Sie kommen mit nichts an, und diejenigen, die hier schon in Armut leben, müssen das wenige teilen, was es gibt. Wir haben ein völlig überlastetes Gesundheitssystem. Gleichzeitig gibt es auch immer wieder schlimme Naturkatastrophen.

Zum Beispiel?

Wir haben regelmäßige schwere Dürren im Land. Es gibt ganze Landstriche, wo keine Landwirtschaft mehr möglich ist. Das führt dazu, dass ganze Dörfer wegziehen müssen, weil ihnen die Ernährungsgrundlage fehlt. Dadurch werden die Städte immer größer. Die Menschen werden einfach immer ärmer und ihnen fehlt die Resilienz, um mit anderen Katastrophen klarzukommen, zum Beispiel Erdbeben oder Überflutungen.

"Und das bedeutet, dass mehr Kinder sterben werden. So einfach ist das."

Das klingt alles so, als gäbe es einen immensen Bedarf. Aber wie steht es um die Mittel, die Hilfe auch ankommen zu lassen?

Große Geberländer haben ihre Entwicklungshilfe zurückgefahren. Also müssen wir priorisieren. Wir versuchen Leben zu retten und das mit weniger Geld. Wir können immer weniger Menschen versorgen. Und das bedeutet, dass mehr Kinder sterben werden. So einfach ist das.

Es gibt viele entlegene Gegenden hier in Afghanistan und wir mussten dort schon viele Gesundheitszentren schließen. In diesen Gegenden sehen wir schon eine erhöhte Kindersterblichkeit. Das ist auch sehr schwer für uns, weil wir helfen könnten, aber nicht mehr die Mittel zur Verfügung haben.

Wie kann die Arbeit von UNICEF so in den nächsten Jahren weitergehen?

Empfehlungen der Redaktion

Für uns steht das Wohl der Kinder an oberster Stelle und das ist auch der Grund, warum wir weitermachen. Denn was würde passieren, wenn wir weggehen würden? Für viele Kinder sind wir der letzte Strohhalm, um überhaupt noch versorgt zu werden. Wir sind seit 70 Jahren in Afghanistan und es gab in den letzten Jahrzehnten viele schlimme Zeiten für Kinder. Wir werden uns auch von diesen aktuellen Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen.

Über den Gesprächspartner

  • Daniel Timme ist Kommunikations- und Advocacy-Leiter bei UNICEF in Afghanistan. Er ist für die Außenbeziehungen zuständig, insbesondere mit Gebern und Geberländern. In seiner Arbeit versuchen er und sein Team immer wieder deutlich zu machen, was UNICEF in Afghanistan leistet. Timme lebt in Kabul.