• Sex scheint allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Ist er es in einer Beziehung nicht, verfällt das Paar oft in ungesundes Schweigen.
  • Was sehr heilsam ist: sich mal von einigen verbreiteten und irreführenden Vorstellungen zu befreien.

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"Ich habe einfach keine Lust mehr auf ihn", sagt die Frau. "Keine Lust mehr auf ihn?", hakt die Paartherapeutin nach. "Gefiel Ihnen denn, was da früher im Bett passierte?" – "Nein." - "Haben Sie ihm das auch mal gesagt?" – "Nein."

Es ist ein kleiner Dialog aus einer Therapiesitzung, der nach Einschätzung der Paartherapeutin Anette Frankenberger das große Dilemma vieler Paare widerspiegelt. Wenn es um Sex gehe, seien wir oft sprachlos. Dabei zeigte sich im weiteren Verlauf der Sitzung: "Die Frau fand ihren Mann durchaus noch attraktiv, aber nicht den Sex mit ihm. Das ist ein Unterschied", stellt Frankenberger klar.

Das Problem: "In unserer übersexualisierten Gesellschaft werden uns so viele Bilder und Vorstellungen vorgesetzt. Sie verstellen uns den Blick auf uns selbst und unsere eigene Lust: was wir eigentlich wollen und mögen. Das Fatale dabei: Viele dieser kursierenden Vorstellungen sind irreführend und falsch", meint sie.

Mythos 1: Weniger Sex = schlechtes Zeichen für die Beziehung

Ein Mythos, der sich hartnäckig hält: "Sexualität müsse so bleiben wie bei einem frisch verliebten Paar. Alles andere wird als Zeichen gewertet, dass es mit der Beziehung den Bach runtergeht", sagt Frankenberger.

Sie bringt einen vielsagenden Vergleich von Eckart von Hirschhausen: "Wenn Sie für jeden Geschlechtsverkehr in den ersten beiden Jahren der Beziehung eine Murmel in ein Glas tun", schreibt der Mediziner und Humorist, "und ab dem dritten Jahr für jedes Mal wieder eine Murmel aus dem Glas entfernen, wird das Glas bei den meisten nicht mehr leer. Rein statistisch. Ich will Sie nicht frustrieren, im Gegenteil. Sie sind wahrscheinlich normaler, als Sie denken! Andere Menschen haben auch nicht mehr Sex als Sie."

Eine wahre Aussage, findet Frankenberger: "Für Paare ist das heilsam zu hören!" Weniger Sex sei kein Zeichen für eine schlechte Beziehung, aber ab einem gewissen Punkt ein Signal: "Wir müssen reden!" Und genau das schaffen viele nicht.

"Wir haben einerseits Pornos im Überfluss, aber im Grunde sind wir prüde und tun uns schwer, über unsere eigene Sexualität zu sprechen." Was sie täglich in ihrer Praxis beobachtet: Viele fühlen sich wie Exoten und denken: "Mit mir stimmt etwas nicht, schließlich läuft es bei allen anderen offenbar ohne Probleme." Aber stimmt das denn?

Mythos 2: Paare haben zweimal die Woche Sex

"Nirgendwo wird so viel gelogen wie beim Sex", gibt Frankenberger wieder, womit eine ZDF-Doku "Lust und Lüge" vor einigen Jahren für Aufmerksamkeit sorgte. 80 Freiwillige hätten im Vorfeld der Sendung Fragebögen über ihr Liebesleben ausgefüllt.

Vor laufender Kamera wurden sie an einen vermeintlichen Lügendetektor (in Wirklichkeit eine Attrappe) angeschlossen: "Auf die Frage 'Wie oft haben Sie Sex?' wurde dann flugs bei den meisten aus einem 'zweimal' oder gar 'viermal pro Woche' ein 'höchstens einmal im Monat'. Das kann ich aus den Berichten in meiner Praxis nur bestätigen."

Warum wir die fixe Idee von zweimal pro Woche als Standard in unseren Köpfen haben, geht nach häufiger Eischätzung auf Martin Luther zurück: Dem Reformator wird der Spruch zugeschrieben: "In der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr, macht im Jahre hundertvier".

Mythos 3: Wahre Lust entzündet sich nur spontan

Auf 104 Mal Sex im Jahr zu kommen, wäre vor allem für junge Eltern eine herausfordernde Challenge. Aber hey, Leidenschaft entsteht ja ganz spontan und zwischendurch!

Das kennen wir doch aus Filmen: Er drängt sie leidenschaftlich an den Küchentisch, sie wird schwach, beide reißen einander die Kleider vom Leib und liegen Minuten später erschöpft und glücklich keuchend auf dem Boden.

"In der Realität dürfte so etwas wirklich die große Ausnahme sein", sagt Frankenberger und lacht. Tatsächlich erkennen das aber viele nicht: "Wir meinen, das gehört so, weil es uns ja ständig so gezeigt wird, sei es in Filmen, Werbung, Zeitschriften – ganz zu schweigen von der Pornoindustrie. Viele sehen es als Gradmesser ihrer Liebe, ob es im eigenen Leben so abläuft wie in völlig unrealistischen Filmen oder Serien. Das tut es nicht. Und schon erscheint die eigene Beziehung in einem schlechten Licht."

  • Die Lösung aus der Paartherapie: "Paare, die schon länger zusammen sind, müssen sich zum Sex verabreden."

Erstaunte Blicke erntet Frankenberger jedes Mal, wenn sie diesen Tipp gibt. Doch ganz besonders, wenn Kinder da sind, lohnt sich der Versuch.

"Für junge Eltern wird Spontaneität unmöglich. Sex findet kaum noch statt, weil alle abends müde ins Bett fallen. Also muss er geplant werden: für einen Zeitpunkt, bei dem die Kinder zum Beispiel bei Oma und Opa sind", erklärt sie.

Die Resonanz ist positiv: Von erlebter Vorfreude auf das "Date“ berichten ihre Klientinnen und Klienten, von Sex, der lange nicht stattgefunden hätte, von einer neu entdeckten Art von Liebe. "Leidenschaft ist nicht nur echt, wenn sie spontan ist. Gerade in der Vorbereitung und in der Langsamkeit kann ein ganz großer Zauber lieben", sagt die Münchner Therapeutin.

Mythos 4: Je mehr Tricks und Techniken man kennt, desto besser

Nicht nur Pornos, Werbung und Co. drohen aber den Zauber, die Wünsche und Bedürfnisse zu ersticken, die in jedem schlummern. In ihrem Buch "Untenrum frei" zeigt die Autorin und Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, wie schon ganz banale Ratgeber-Artikel das tun.

Sie nennt jede Menge Beispiele aus bekannten Frauenzeitschriften. Da wird etwa der "heißeste Akt aller Zeiten" erklärt, die Frau brauche dafür "ein bisschen Mut und Ausdauer", es könne "echt anstrengend" sein, aber der Mann findet das dann "geil, geil, geil".

Auch zitiert sie Magazine, die anleiten, wie Frau ihm "unterwürfig in die Augen" blicken kann, um dem Mann ein "antörnendes Machtgefühl" zu verleihen. Männer- und bestimmte Jugendzeitschriften seien da nicht besser.

Frankenberger beobachtet das ebenfalls mit Sorge: "Noch vor 50 bis 70 Jahren hatte man wenig Wissen über Sex und einige seltsame Vorstellungen im Kopf. Heute weiß man zu viel und davon das Falsche."

Liebende stelle das unter Leistungsdruck: "Es fängt ja schon beim Körperbau an: Was wir in Pornos zu sehen bekommen, lässt viele mit dem Gefühl zurück, sie seien vergleichsweise eher Mängelexemplare. Was wir zu lesen bekommen, dreht sich darum, wie wir unser Liebesleben aufpeppen können – mit Eisbärfellteppich, Kaminfeuer und Rotwein zum Beispiel. Doch erfahren wir wenig, wie wir herausfinden, was wir eigentlich selbst wollen. Kein Wunder, dass dann bei Paaren eine große Sprachlosigkeit herrscht."

Ihren Klienten gibt die Therapeutin häufig eine "Hausaufgabe" mit:

  • Schreiben Sie Ihre ganz persönliche Vorstellung von einem idealen erotischen Erlebnis auf.

"Wir alle haben Phantasien: jene, die wir gar nicht mit dem Partner ausleben möchten – für viele ist das etwa die Fantasie von Sex zu dritt. Und jene, die wir eigentlich gerne mal ausprobieren würden."

Seine Wünsche aufzuschreiben helfe, um sich klar darüber zu werden: Was will ich eigentlich? Was gefällt mir? Wer möchte, könne es dem Partner vorlesen, schlägt Frankenberger vor.

Mythos 5: Sex muss wild und schnell sein

Partnerschaftlicher Sex könne zu einem Tanz werden, zu einem Spiel, das ganz langsam, freundlich und fröhlich sein darf: "Im eigenen Tempo und so, wie es mir, wie es uns beiden gefällt", betont die Therapeutin.

Das zu entdecken, sei ein Prozess: "Wir wissen heute sogar, dass man diese Art der sexuellen Reife – also zu wissen, was man möchte - erst im vierten bis fünften Lebensjahrzehnt erreicht", erläutert sie.

Ausgerechnet in dieser Lebensphase hatte das Ehepaar Ela und Volker Buchwald gar keinen Sex mehr. In ihrem Buch "Das Einfach Liebe Prinzip" schildern die beiden, wie sie es schafften, gängige Vorstellungen über Bord zu werfen. Sie tauschten "mechanischen Sex" gegen "entspannten Sex" aus: "Schalten wir unseren eingebauten Turbo aus, spüren wir (wieder) mehr. Sobald wir nicht mehr auf starke Reize setzen, auf Anspannung und Action, sondern uns Ruhe gönnen und unserem Körper vertrauen, werden wir wieder durchlässig. (…) Wir gewinnen unsere natürliche Sensibilität zurück. Wir nehmen uns und den anderen intensiver wahr."

Ihren Lesern empfehlen sie: "Mach dich frei von starren Regeln, die bisher deinen Sex bestimmt haben. Von all den Mythen, die sagen: Sex ist so und so und: Im Bett muss du so und so sein. In der Liebe gelten keine Dogmen. Nichts muss – alles kann." Sicher erscheint den beiden Autoren des Sex-Ratgebers nur eines: "Richtet ihr euch in eurem Unglück ein, ändert sich wirklich nie etwas."

Mythos 6: Let’s talk about Sex? Es ist doch schon alles gesagt

Dass es Paaren schwerfällt, über Sex zu reden, findet Frankenberger verständlich: "Es ist unser wahrscheinlich sensibelstes Thema und mit viel Scham verbunden. Wir haben immer Sorge, den anderen zu kränken – oder selbst verletzt zu werden."

So kommt es, dass auf der einen Seite Sex überall Thema zu sein scheint, alles ist gesagt – nur nicht in der eigenen Beziehung. "Liebende entfernen sich immer weiter voneinander und verlieren sich in Lustlosigkeit. Im stillen Kämmerlein denken sie: 'Bei uns ist alles kaputt.' Dabei sind solche Phasen völlig normal."

Wie man ins Gespräch kommt und sich öffnen kann, dafür gibt Autoren-Paar Buchwald einige Tipps:

  • In Ich-Botschaften sprechen. Nicht: "Man müsste mal …“, sondern: "Ich wünsche mir, ich würde gern mal …“
  • Klar und konkret bleiben und ohne Vorwürfe. Nicht: "Du machst immer …! Du bist nie zärtlich …“ Sondern: "Ich wünsche mir, dass wir zärtlicher miteinander sind.“
  • Vorschläge machen statt Forderungen stellen.
  • Zuhören, nicht unterbrechen, Feedback geben, nachfragen bei Unsicherheiten.

Das Bett ist übrigens nicht unbedingt der ideale Ort, um zu reden. "Meine Klientinnen und Klienten erzählen häufig, das klappe am besten beim Spazierengehen", sagt Frankenberger, "und meistens fragen sie sich danach, warum sie diesen Schritt nicht schon viel früher getan haben."

Zur Person: Anette Frankenberger arbeitet seit 1994 in München als systemische Paar- und Familientherapeutin sowie Supervisorin in eigener Praxis. Seit 1989 ist sie als Dozentin in der Erwachsenenbildung und Erziehungsberatung tätig.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit der Paar- und Familientherapeutin Anette Frankenberger
  • Eckhart von Hirschhausen: "Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?", Rowohlt (2014).
  • Margarete Stokowskis: "Untenrum frei", Rowohlt (2018).
  • Ela und Volker Buchwald: "Das Einfach Liebe Prinzip. Der Sex-Ratgeber für entspannte Paare und solche, die es bleiben wollen", Lübbe Life (2020).

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