Schlimmer Rückschlag für Popstar Anastacia: Nach fast zehn Jahren ist ihr Brustkrebs zurückgekehrt. Die Sängerin musste ihre bevorstehende Europa-Tournee absagen und sich erneut in Behandlung begeben. Wir haben mit Prof. Dr. Diethelm Wallwiener darüber gesprochen, wie hoch das Risiko ist, erneut an Brustkrebs zu erkranken.

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Anastacia war bereits vom Brustkrebs geheilt. Nach zehn Jahren ist sie nun erneut erkrankt. Wie oft kommt so etwas vor?

Das Risiko einer Wiedererkrankung innerhalb von zehn Jahren liegt zwischen wenigen bis maximal zehn Prozent. Je nachdem, was für einen Risikofaktor der Brustkrebs aufwies, welches Alter die Patientin beim Erstauftreten hatte und welche Therapie durchgeführt worden ist. Bei einer Wiederkehr des Brustkrebses gibt es drei verschiedene Möglichkeiten: Der Krebs kann in der erhaltenen Brust erneut auftauchen, das nennt man rezidiv. Es kann aber auch in der vermeintlich gesunden Brust zum Krebs kommen oder - die dritte Möglichkeit - der ehemalige Brustkrebs verursacht irgendwo im Körper Metastasen.

Wäre er dann nicht fälschlicherweise als geheilt betrachtet worden?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es kann immer sein, dass sich eine Tumorzelle vom Brustkrebs irgendwo versteckt und nach Jahren eine Tochtergeschwulst verursacht.

Wäre es für die Sängerin sinnvoller gewesen, ihre Brüste vorbeugend zu amputieren?

Ein prophylaktisches Amputieren der Brüste schützt nicht vor einer der erwähnten drei Möglichkeiten. Der Krebs kann trotzdem an Ort und Stelle wiederkommen, oder auf der anderen Seite, oder er kann Metastasen gebildet haben.

Der Krebs kann trotz Amputation an Ort und Stelle wieder auftauchen?

Ja, das Abnehmen der Brust schützt nicht hundertprozentig vor einer Wiederkehr. Auch wenn man die Brust abnimmt, kann dort – vielleicht mit etwas geringerem Risiko – wieder etwas kommen. Die Brustdrüse hat viele Drüsenwurzeln, in denen der Tumor auch trotz amputierter Brust wiederkehren kann. Das muss man den Frauen auch erklären, weil das in vielen Köpfen falsch herumgeistert.

Aber eine solche Vorgehensweise kann in bestimmten Fällen vom Arzt durchaus empfohlen werden?

Es gibt Frauen, die ein hohes genetisches Risiko haben. Da kann es durchaus sein, dass wir als Brustkrebsexperten eine Amputation empfehlen, weil das Risiko des erblichen Brustkrebs dadurch deutlich minimiert wird. Dann muss es die Frau aber auch wollen.

Wie schnell wird eine Wiederkehr des Brustkrebses entdeckt?

Die betroffenen Patienten befinden sich in einem ausgeklügelten Nachsorgekonzept. Üblicherweise werden die Frauen mindestens viermal im Jahr einer Nachsorgeuntersuchung unterzogen. Brustkrebs wird so frühzeitig entdeckt und man kann früh mit entsprechenden Therapien intervenieren.

Kann man dann davon ausgehen, dass es bei Anastacia durch gründliche Nachsorge relativ große Heilungschancen gibt?

Richtig. Es sei denn, es gibt Metastasen. Aber darüber kann ich im Fall von Anastacia nichts sagen.

Wie sehr trifft Frauen die Diagnose Brustkrebs? Wird sie automatisch als Todesurteil wahrgenommen?

Die Frauen sind maximal schockiert und traumatisiert – wie jeder Mensch, der eine Krebsdiagnose erhält. Da herrscht ein absoluter psychischer Ausnahmezustand. Man muss sie mit großem Einfühlungsvermögen und ärztlicher Zuwendung auffangen, damit sie den ganzen Vorgang überhaupt realisieren und dann gemeinsam die therapeutische Strategie mit dem Krebsexperten überlegen und angehen können. Es werden zwar 80 Prozent aller Brustkrebspatienten dauerhaft geheilt - zumindest in Deutschland, wo wir eine hochwertiges Diagnose- und Therapiesystem haben. Aber es bleibt eine Schock-Diagnose.

Wie geht es nach diesem Schock weiter? Was erwartet die Frauen?

Zunächst muss man die Diagnose beweisen, indem man per Nadelpunktion ein kleines Stück aus dem betroffenen Gewebe entnimmt. Dann weiß man, ob es tatsächlich bösartig ist und welcher Typ Tumor es ist. In 60 bis 80 Prozent der Fälle entnimmt man dann die tumorbefallenen Gewebeareale im Sinne der brusterhaltenden Therapie. Danach modelliert man die Brust operativ, damit sie gut aussieht und funktionell ist. Die Brust wird nachbestrahlt, damit sich keine bösartigen Zellen mehr darin verstecken können. Sollte man die Brust abnehmen müssen, stellt man sie entweder über eine Prothese oder durch eigenes Gewebe wieder her oder baut die Brust nach einer Heilungsphase wieder auf.

Ist in der Therapie auch psychologische Hilfe vorgesehen oder muss sich der Patient selbst darum kümmern?

Die zertifizierten Brustzentren bieten ganzheitliche Therapien an: Alle Experten befinden sich unter einem Dach. Ein Brustkrebsexperten-Team fängt die Patientin auf und stellt ein Vertrauensverhältnis her. Mit ihm plant die Patientin auch die Therapie-Strategien. Darüber hinaus gibt es Psychoonkologen, die den Patientinnen helfen, das Ganze zu verarbeiten.

Was, wenn sich die Patientin nicht gut aufgehoben fühlt?

Die zertifizierten Brustzentren sind darauf spezialisiert, die Patientinnen aufzufangen. Zusätzlich haben sie auch ihren niedergelassenen Frauenarzt, der sie dem Brustzentrum zuweist. Wenn es trotzdem nicht gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, dann sind alle niedergelassenen Frauenärzte und alle anderen zertifizierten Brustzentren gerne zur sogenannten Zweitmeinung bereit. An die können sich die Frauen jederzeit wenden. Das zahlen auch die Krankenkassen.

Herr Prof. Dr. Wallwiener, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Wallwiener ist ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Brustkunde.
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