Sie haben noch nie von der Açaí-Beere gehört? Dann gehören Sie vermutlich nicht zu den Personen, die buchstäblich alles versuchen, um abzunehmen. Denn die brasilianische Frucht soll wahre Wunder wirken. Klappt das wirklich? Ich habe es ausprobiert.

Autorenporträt Silke Stadler
In ihrer Kolumne "Ausprobiert" testet unsere Gesundheitsredakteurin Silke Stadler am eigenen Leib, worüber sie schreibt.
Silke Stadler, Redakteurin für Gesundheit
Eine Kolumne
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Leider sind auch Gesundheitsredakteurinnen nicht vor Fressanfällen gefeit. Ich zumindest stecke mittendrin. Während ich mich zur Weihnachtszeit noch mühelos vor dem kollektiven Kalorienwahn bewahren konnte, nehme ich seit Frühlingsbeginn buchstäblich jedes Fettnäpfchen mit. Ein Timing, das hinsichtlich der nahenden Bikini-Saison eher ungünstig ist. Jetzt heißt es: Notbremse ziehen oder meine Bademode demnächst in der Übergrößen-Abteilung erwerben.

Gut, ganz so ernst ist die Lage nicht, weil ich immerhin regelmäßig Sport treibe. Beim Essen möchte ich mich aber auch weiterhin nur ungern zügeln. Da kommt die Açaí-Beere gerade recht. Mit Hilfe des Früchtchens purzeln die Pfunde nämlich von ganz allein - angeblich. Immerhin soll auch der ein oder andere Star damit erschlankt sein, allen voran Oprah Winfrey. Seitdem die beliebte US-Talkshow-Moderatorin Açaí als Superfrucht rühmte und etliche Kilos verlor, gilt die Beere als der Abnehm-Hit schlechthin.

Doch was steckt hinter - und vor allem: in - der Super-Beere?

Die lila-schwarze Frucht wächst an der im Amazonasgebiet heimischen Kohlpalme (Euterpe oleracea) und hat einen Durchmesser von ein bis zwei Zentimetern. Sie sieht der Heidelbeere zum Verwechseln ähnlich. Trotz ihres appetitlichen Äußeren schmeckt sie fettig und erdig. Auch ich möchte noch in diesen zweifelhaften Genuss kommen und bestelle eine Flasche Açaí-Saft. Bis sie eintrifft, teste ich pulverisierte Açaí-Extrakte in Form von Kapseln.

Eine Dreimonatspackung habe ich für 14,95 Euro erstanden - es kann also losgehen. Der Hersteller Biovea empfiehlt eine Kapsel pro Tag. Sie enthält zur Hälfte Açaí-Pulver. Der restliche Inhalt setzt sich aus Reispulver, sowie Silikondioxiden und Magnesium Stereat - gängigen Anreicherungen für Arznei-und Lebensmittel - zusammen.

Bei regelmäßigem Verzehr entfaltet Açaí angeblich eine ganze Palette an positiven Wirkungen. Unter anderem soll die Superbeere einen Anti-Aging-Effekt haben, den Cholesterinspiegel senken, das Krebsrisiko verringern und das Immunsystem sowie die Herzgesundheit stärken. Und damit nicht genug: Wie wir bereits erfahren haben, soll Açaí auch für die Figur Wunder wirken. Das Prinzip ist simpel: Einerseits zügelt die Beere den Appetit, andererseits kurbelt sie den Stoffwechsel an und verhindert, dass die verzehrte Nahrung in Fett umgewandelt wird.

Klingt gut, doch kann Abnehmen so einfach sein? Da bin ich skeptisch und Stephen Talcott, Professor an der A&M Universität in Texas, ebenfalls: "Es werden eine Menge Aussagen gemacht, aber die meisten wurden noch nicht wissenschaftlich untersucht. [...] Wir beginnen erst, die Komplexität der Açaí-Beere und ihre gesundheitsfördernden Effekte zu verstehen."

Der Forscher war bereits an mehreren Untersuchungen zur Açaí-Frucht beteiligt. Einen bemerkenswerten Effekt offenbart eine Studie der Universität Florida, die 2006 im amerikanischen "Journal of Agricultural and Food Chemistry" veröffentlicht wurde. Das Forscherteam, zu dem auch Talcott gehörte, entdeckte, dass die in Açaí-Beeren enthaltenen Antioxidantien Krebszellen bei Leukämie zerstören können.

In der Tat soll die kleine Beere mehr Antioxidantien enthalten als jede andere bekannte Frucht. Durch sie werden freie Radikale, die Krebs verursachen können, unschädlich gemacht. Darüber hinaus enthält Açaí einen hohen Anteil an Mineralstoffen und Kalzium.

Während sich die Beere selbst also durchaus als Superfrucht entpuppen könnte, ist das für Açaí in Pillenform noch lange nicht der Fall. Ich will es genauer wissen und erkundige mich bei der Allgemeinärztin und Ernährungsmedizinerin Dr. med. Cornelia Tauber-Bachmann: Kann die pulverisierte Form von Früchten das Gleiche leisten wie die natürliche, frische Variante? "Da scheiden sich die Geister. Ich bin der Ansicht, dass eine Frucht im Ganzen immer mehr bringt, weil sie viele Stoffe enthält, die später verloren gehen", so die Ärztin.

Immer mehr Untersuchungen zeigen überdies, dass Nahrungsergänzungsmittel nicht nur nutzlos sein können, sondern häufig sogar gefährlich sind, wenn sie überdosiert werden. Cornelia Tauber-Bachmann rät dazu, solche Präparate mit Vorsicht zu genießen: "Wenn ein Mangel da ist, sind sie sicher sinnvoll. Dieser Mangel sollte aber von einem Arzt festgestellt werden, sonst kommt es leicht zu einer Überversorgung. Die sollte man auf jeden Fall vermeiden, weil sie kontraproduktiv sein kann."

Die Verbraucherzentrale Bayern nimmt der Super-Beere ebenfalls den Wind aus den Segeln. Auf der Webseite heißt es hinsichtlich der Açaí-Präparate: "Wunder sind nicht zu erwarten".

Ein guter Grund, auf ein natürlicheres Açaí-Produkt umzusteigen. Das Bio-Püree, das ich zusätzlich zu den Kapseln ausprobieren möchte, besteht zu 100 Prozent aus der Açaí-Frucht. Der dickflüssige Saft des Herstellers Hanoju kostet stolze 17,95 Euro pro halbem Liter und schmeckt - ich kann es nicht anders beschreiben - ekelhaft. Eine Flasche des schokoladenbraunen Pürees reicht für acht Tage. Bei regelmäßigem Konsum geht das ins Geld, der Nutzen scheint dagegen überschaubar zu sein.

Denn: Schlanker bin ich auch nach mehreren Testwochen weder durch die Kapseln noch durch den Saft geworden. Auch die Heißhungerattacken suchen mich nach wie vor heim. Mit gutem Willen verbuche ich es aber als Erfolg der Beere, dass ich trotz fieser Fressanfälle nicht ein einziges Kilo zugenommen habe. Ob das nun daran liegt, dass der Frühling meinen Stoffwechsel anheizt oder ob die Açaí-Produkte tatsächlich wirken, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Um die Bikinifigur muss ich mir aber anscheinend keine Sorgen mehr machen.

Lesen Sie auch den vorangegangenen Beitrag der "Ausprobiert"-Kolumne: Macht das Energiearmband wirklich fitter?

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