Die deutsche Regierung will die Hassrede im Internet – die sogenannte "Hate Speech" – künftig strafrechtlich bekämpfen. Und das ist auch gut so. Denn eine neue Studie zeigt: Hasserfüllte Kommentare beeinflussen das Verhalten der Nutzer*innen.

Prof. Dr. Miriam Meckel
Eine Kolumne
von Prof. Dr. Miriam Meckel , Publizistin, Verlegerin

Das Bundeskabinett hat kürzlich ein "Maßnahmenpaket zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität" beschlossen – und die ersten beiden Punkte drehen sich explizit um Hetze im Internet: Zum einen sollen die entsprechenden Täter*innen leichter identifiziert, zum anderen soll das Strafgesetzbuch angepasst werden.

Damit will die Bundesregierung vermeiden, dass Hass im Netz in realen, bisweilen tödlichen Straftaten endet. Man kann das als staatliche Bevormundung abkanzeln, aber das würde der Tragweite des Themas nicht gerecht. Denn es scheint fast so, als wären die Menschen noch nicht gewappnet für die Fallstricke der digitalen Kommunikation.

Hasserfüllte Botschaften verstärken negative Einstellungen

Wie wichtig entsprechende Maßnahmen zur Eingrenzung von Hasskommentaren sind, zeigt jetzt eine neue Studie von Mathias Weber von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Demnach reichen schon ein paar negative Töne in der virtuellen Kommentarspalte, um das Verhalten der Nutzer*innen in der analogen Welt auf höchst subtile Art zu beeinflussen.

In Webers Experiment lasen knapp 300 Freiwillige am Monitor zwei verschiedene Texte. Im einen ging es um die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt und den Anstieg rechter Ressentiments in der deutschen Bevölkerung. Im anderen ging es um einen Mann, der einen Flüchtling körperlich attackiert hatte.

Unter den jeweiligen Texten hatte Weber drei Arten von Kommentaren platziert: Hasserfüllte und beleidigende Beiträge ("Flüchtlinge wollen nur unser Geld!"); negative, aber einigermaßen zivilisierte ("Leider sind viele Flüchtlinge aggressiv und oft nur an Geld interessiert."); und neutrale ("Es liegt an uns, den Flüchtlingen ein gutes Leben zu ermöglichen.").

Vorher und nachher befragte Weber die Teilnehmer*innen nach ihrer Meinung zu Flüchtlingen. Außerdem durften sie nach der Lektüre entscheiden, ob sie einen Obolus von fünf Euro der UNO-Flüchtlingshilfe spenden oder für sich behalten wollten.

Kommentare wirken stärker als der Text selbst

Und siehe da: Die Tonlage des Kommentars zeigte Wirkung, und zwar mehr als der Text selbst. Die neutrale Gruppe spendete im Schnitt immerhin 1,31 Euro. Die negative Gruppe wollte hingegen nur 86 Cent hergeben – und die Gruppe der Hasskommentare sogar nur 78 Cent.

"Offenbar haben hasserfüllte Botschaften tatsächlich das Potenzial, negative Einstellungen zu verstärken", schreibt Weber, "und die äußern sich wiederum in entsprechenden Verhaltensreaktionen."

Ob das Internet manche Nutzer*innen zu Hassprediger*innen macht – oder ob Hassprediger*innen das Internet bloß als Ventil nutzen?

Unklar. Doch es lässt sich wohl kaum bestreiten, dass einige Menschen sich leichter damit tun, ihre Neigungen in der Anonymität auszuleben. Um das Web zu einem besseren Ort zu machen, reicht es anscheinend nicht aus, auf den gesunden Menschenverstand zu setzen.

Lesen Sie hier das PDF zum Maßnahmenpaket zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität

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