Ein umgestürzter Reisebus mit Schwerverletzten, ein tödlicher LKW-Auffahrunfall aufgrund eines übermüdeten Fahrers - solche oder ähnliche Schlagzeilen sind häufig zu lesen. Doch nicht immer sind Berufsfahrer in diese Unfälle verwickelt. Müdigkeit und Sekundenschlaf am Steuer ist ein weit verbreitetes, aber immer noch unterschätztes Phänomen. Wer die Warnhinweise kennt, kann sich allerdings wappnen.

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Sekundenschlaf trifft den Fahrer nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern geht mit einigen Vorboten einher. Schwere, brennende Augenlider, häufiges Gähnen, Muskelzucken und leichtes Frösteln, Schwierigkeiten die Spur zu halten, Unruhe und Gereiztheit – alles Anzeichen für Müdigkeit.

Nach überhöhter Geschwindigkeit und Fahren unter Alkoholeinfluss gehört der Sekundenschlaf zu den häufigsten Unfallursachen auf deutschen Straßen. Jeder fünfte Unfall wird nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) durch Übermüdung verursacht.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen geht davon aus, dass zehn bis 20 Prozent der Verkehrsunfälle auf Deutschlands Straßen mit Müdigkeit am Steuer zu tun haben.

Sekundenschlaf, ein gefährlicher Blindflug

Das Einnicken am Steuer kann gefährliche Folgen haben. Oft ist es weniger als eine halbe Sekunde, die über Leben und Tod entscheidet. Wem bei Tempo 130 auf der Autobahn nur für eine Sekunde die Augen zufallen, legt in dieser Zeit 36 Meter im Blindflug zurück. Bei drei Sekunden sind es 108 Meter, bei fünf Sekunden sogar mehr als 180 Meter. Schwere Unfälle, etwa ein ungebremstes Auffahren auf den Vordermann, lassen sich dann kaum abwenden.

Pendler oder Schichtarbeiter sind besonders gefährdet, hinter dem Steuer einzunicken. Sie fahren täglich die gleiche Strecke, sind oft während größerer Leistungstiefs zum Beispiel am frühen Morgen oder späten Nachmittag unterwegs und haben zusätzlich im Schichtdienst oft noch einen unregelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus.

Laut einer YouGov-Umfrage (2018) des DVR unter 850 Pkw-Pendelnden muss sich jedoch knapp die Hälfte mindestens hin und wieder anstrengen, um während der Fahrt wach zu bleiben und einer forsa-Umfrage im Auftrag eines Versicherungsunternehmens zufolge sind bereits 30 Prozent der deutschen Autofahrer schon einmal kurzzeitig am Steuer eingeschlafen.

Gründe für Sekundenschlaf

Nicht nur die Aufregung vor einer langen Fahrt auf einer unbekannten Strecke kann bei manchen dazu führen, dass er oder sie am Abend vor der Urlaubsreise nicht einschlafen kann. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von gravierenderen Ursachen, warum man hinter dem Steuer schläfrig wird.

  • Biorhythmus: Der Verkehrsteilnehmer ist zu einer Uhrzeit unterwegs, in der er für gewöhnlich schläft. Auch die Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag, Nachtfahrten oder die Zeitumstellung können sich bemerkbar machen.
  • Stress / Langeweile: Stress im Job, Familienkonflikte, aber auch Sorgen im Alltag können dazu führen, dass man nachts stundenlang wachliegt. Die Erschöpfung schlägt dann bei der Autofahrt durch. Langeweile bei langen Autobahnfahrten macht das Gehirn ebenfalls müde.
  • Ernährung / Alkohol: Nach einer fettreichen Mahlzeit werden Magen und Darm besser durchblutet, das Gehirn wird weniger versorgt. Die Folge: Wir fühlen uns träge und schläfrig. Auch Alkohol hat eine entspannende Wirkung, unsere Reaktionen fallen langsamer aus.
  • Medikamente / Krankheiten: Antihistaminika, Blutdrucksenker oder Migränemittel machen müde. Auch bestimmte Erkrankungen, etwa schlafbezogene Atmungsstörungen (Schlafapnoe), Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) oder eine neurologische Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus (Narkolepsie) führen zu einer verstärkten Tagesmüdigkeit.

Dazu kommt: Sich schlaftrunken hinters Lenkrad zu setzen, ist im Prinzip dasselbe wie eine Fahrt unter Alkoholeinfluss. Die Müdigkeit reduziert die Aufnahmefähigkeit und setzt das Reaktionsvermögen herab.

Der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin liegen Untersuchungen vor, dass die Fahrtüchtigkeit nach 17 Stunden ohne Schlaf ähnlich eingeschränkt ist wie mit 0,5 Promille Alkohol im Blut, nach 22 Stunden sogar wie bei 1,0 Promille.

Was hilft kurzfristig gegen Müdigkeit am Steuer?

Wer die ersten Anzeichen für Müdigkeit an sich erkennt, sollte so schnell wie möglich eine Pause einlegen, etwa an einer Raststätte oder einer Tankstelle. Sehr hilfreich ist das sogenannte "Powernapping" - nach dem Kurzschlaf von 20 bis 30 Minuten fühlen sich die meisten Menschen erfrischt und fahren erholt weiter.

Koffein wirkt erst nach 30 Minuten, hilft aber dabei, nach dem Powernapping schneller wieder wach zu werden.
Ein gutes Gegenmittel ist auch Bewegung an der frischen Luft. Mit Dehnübungen oder Steps am Bordstein bringt man den Kreislauf wieder in Schwung und tankt Sauerstoff. In der Regel reichen zehn Minuten Bewegung aus, um sich wieder frischer zu fühlen. Allerdings hält die Wirkung nicht lange an.

Sich zu kneifen, das Radio lauter zu stellen oder das Fenster aufzumachen, bringt erwiesenermaßen wenig. Falls möglich: einen anderen Fahrer ans Steuer lassen!

Vorbeugen bleibt die beste Option

Generell sollte eine längere Fahrt nur ausgeschlafen angetreten und alle zwei Stunden eine kurze Pause von 20 Minuten einlegt werden. Bei langen Fahrten ist ein Übernachtungsstopp empfehlenswert.

Zudem sollte man regelmäßig essen und trinken, um den Körper mit Energie zu versorgen. Doch: Finger weg von belastenden Speisen wie Burger-Menüs mit Pommes und Softdrinks.

Stattdessen lieber kleine Portionen zu sich nehmen, am besten Äpfel, Paprika oder Zitrusfrüchte. Auch eine Handvoll Nüsse wirkt Wunder. Wasser oder leichte Saftschorlen sind die besten Durstlöscher.

Technische Assistenten können helfen

Technische Unterstützung gibt es in Form von Müdigkeits- oder Aufmerksamkeitsassistenten. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit – zwischen 65 und 80 km/h – überwacht dann der elektronische Assistent permanent das Fahrverhalten.

Identifiziert die Software kleine Fahrfehler oder fahren Sie länger als zwei Stunden am Stück, schlägt der Assistent Alarm. Ertönt ein Piepton oder blinkt eine Kaffeetasse im Display, wird es Zeit, eine Pause einzulegen.

Versicherungsschutz bei Sekundenschlaf?

Und wenn doch etwas passiert? Wie sieht es dann mit dem Versicherungsschutz aus, falls man einnickt und einen Unfall verursacht? Die Kfz-Haftpflichtversicherung reguliert in jedem Fall den Schaden beim Unfallgegner.

Vorsicht ist aber bei Schäden am eigenen Auto geboten. Für diese sind die Kaskoversicherungen zuständig. Sie könnten übermüdetes Fahren durchaus als "grob fahrlässig" werten, wenn es Hinweise auf Sekundenschlaf gibt. Zum Beispiel, wenn das Fahrzeug von der Spur abgekommen ist oder man in der Nacht schon viele Stunden unterwegs war.
"In solchen Fällen könnte die Versicherung die Leistungen kürzen", sagt Versicherungsexperte und Jurist Frank Bärnhof von der CosmosDirekt. Für den Fahrer kann dies bedeuten, den Großteil der Reparaturkosten selbst bezahlen zu müssen.

Unfall wegen Müdigkeit – Freiheitsstrafe droht

Und es kann noch schlimmer kommen: Gibt der Unfallverursacher an, dass er sehr müde war oder eingeschlafen ist, kann er damit gegen § 315c des Strafgesetzbuchs verstoßen haben.

Hier heißt es: "Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug ­sicher zu führen", kann bei Gefährdung mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belegt werden. Zudem sind Schadenersatzansprüche der Geschädigten möglich.

Verwendete Quellen:

  • DVR Deutscher Verkehrssicherheitsrat: "'Vorsicht Sekundenschlaf!' – Kampagne klärt über die Gefahren von Müdigkeit am Steuer auf"
  • ADAC: "Müdigkeit am Steuer: Lebensgefährlicher Blindflug"
  • Neue Presse: "Tödliche Gefahr: Tipps gegen Sekundenschlaf"
  • Bussgeldkatalog: "Sekundenschlaf: Ursachen, Maßnahmen und Strafen"
  • Nachfrage bei der Pressestelle Cosmos Direkt
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