Wassereis für Raketenantriebe, Helium-3 als Energiequelle: Der Mond hat interessante Rohstoffe - doch wer darf sie nutzen? Die NASA will Partner jetzt dazu bringen, eine umstrittene Rechtsposition zu stützen.

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Ob er wirklich glaube, dass in vier Jahren amerikanische Astronautinnen und Astronauten wieder auf dem Mond landen könnten, wurde Doug Loverro gefragt - oder ob dieses Datum wegen der Corona-Pandemie vom Tisch sei. "Es ist nicht nur auf dem Tisch, es ist der Tisch", antwortete der Chef für bemannte Missionen bei der US-Weltraumbehörde Nasa.

Die NASA will - angewiesen von Präsident Donald Trump - zurück zum Mond. Und sie macht Druck.

Rückkehr zum Mond im Jahr 2024

Als die Amerikaner zwischen Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger im vorigen Jahrhundert schon einmal zum Erdtrabanten flogen, war das Programm benannt nach einem griechischen Gott: Apollo. Die Rückkehr soll nun unter dem Namen seiner Zwillingsschwester Artemis erfolgen. Irgendwann im Jahr 2024 sollen drei oder vier Raumfahrer vom Startkomplex 39-B des Kennedy Space Center in Florida starten.

Eine wohl rund zwei Milliarden Dollar teure SLS-Schwerlastrakete mit einer europäisch-amerikanischen "Orion"-Kapsel an der Spitze wird sie dann in den Mondorbit bringen. Dort steigen zwei von ihnen um in eine von einem Privatunternehmen gebaute Fähre. Das Landeschiff bringt sie dann für fast eine Woche in die Nähe des Mondsüdpols.

"Artemis Accords" sollen Zusammenarbeit mit internationalen Partnern regeln

Die NASA hat immer wieder klargemacht, dass die Rückkehr zum Mond mehr sein soll als ein PR-Stunt für die Kameras. Es geht ihr um eine langfristige Präsenz, am besten in Vorbereitung einer späteren Marsmission. Dabei sollen auch internationale Partner eine Rolle spielen. Doch wie soll die Zusammenarbeit im Detail aussehen?

Dazu hat die Weltraumbehörde nun einige Ideen entwickelt. Die Amerikaner wollen mit anderen Ländern, die sich ebenfalls für den Mond interessieren, internationale Verträge schließen.

Die Eckpunkte dieser "Artemis Accords" sind gerade bekannt geworden. Darin geht es um Nothilfe bei Problemen, um Zusammenarbeit verschiedener Staaten, um die Verhinderung von Weltraumschrott, aber auch um die Ausbeutung von Ressourcen auf dem Mond, den Schutz der bisherigen amerikanischen Landestätten und die Einrichtung sogenannter Sicherheitszonen um zukünftige Basen. Dort sollen keine Aktivitäten anderer Staaten zulässig sein.

Die vorgeschlagenen Prinzipien sollten bei keiner "verantwortungsbewussten Raumfahrtnation" auf Ablehnung stoßen, so Mike Gold, NASA-Vizechef für internationale Beziehungen. "Durch die 'Artemis Accords' hoffen wir, dass die Zukunft viel mehr wie 'Star Trek' und viel weniger wie 'Star Wars' aussehen wird."

Bislang regelt der "Weltraumvertrag" von 1967 das Recht im All

Wassereis, das in tiefen Kratern erhalten ist, gehört zu den interessantesten Ressourcen des Mondes. Es könnte als Raketentreibstoff genutzt werden. Auch über Mondstaub als Baumaterial oder Helium-3 aus dem Mondgestein ist immer wieder zu lesen. Auch Bergbau auf dem Mond wäre denkbar.

Eigentlich gibt es bereits ein völkerrechtliches Abkommen, das solche Aktivitäten regelt. Mehr als hundert Staaten - auch die USA - haben den Weltraumvertrag aus dem Jahr 1967 unterschrieben. Er verpflichtet sie unter anderem zu einer friedlichen Nutzung, verbietet Massenvernichtungswaffen im All und stellt klar, dass sich kein Staat einen Himmelskörper einfach aneignen kann. Die NASA sagt, mit den "Artemis Accords" setze man den Vertrag nur um.

"Historisch gesehen sollte mit diesen Abkommen verhindert werden, dass die mächtigen Staaten im Weltall einfach tun, worauf sie Lust haben", erklärt Völkerrechtler Stephan Hobe, der das Institut für Luftrecht, Weltraumrecht und Cyberrecht an der Universität Köln leitet, im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Das Problem ist, dass der Weltraumvertrag die Rechtslage in einigen Punkten nicht klar genug regelt."

Etwa, ob Privatleute die Reichtümer des Weltraums gewinnbringend nutzen dürfen, durch Bergbau auf dem Mond oder Asteroiden. Die USA argumentieren, dass das möglich sein muss. Man könne solche Ressourcen auch dann ausbeuten, wenn man formal kein Eigentum an ihnen halte. So wie man auf der hohen See Fische fangen dürfe, ohne dass man Besitzansprüche auf den Ozean habe.

Rechtsauffassung der Amerikaner soll für alle gelten

"Ich halte diese Auffassung für falsch", sagt Hobe. "Sie lässt sich aber womöglich gerade noch vertreten." Die "Artemis Accords" sollen die Rechtsauffassung der Amerikaner nun für Partner des US-Mondprogramms verbindlich festschreiben.

Und das macht den Juristen wütend: "Wir sind wieder an einen Punkt gekommen, wo die Größeren den Kleineren diktieren, was sie gerne hätten: Das Recht muss aber auf der Seite der Schwächeren sein."

Ein spezieller Vertrag von 1979, das sogenannte Mondabkommen, sollte eigentlich multilateral die konkreten Modalitäten der Nutzung durch Staaten und private Firmen regulieren. Doch nur 18 Länder haben den Text ratifiziert, viele halten den Vertrag deshalb für gescheitert. Vor allem, weil die USA massiv Front gegen das Abkommen gemacht haben.

"Ich finde es übel und bigott, wenn man erst alle internationalen Versuche torpediert, zu einer Einigung zu kommen", zürnt Hobe, "um dann später zu sagen, es gebe ja keine Regeln und man müsse das jetzt allein machen."

Doch genau das ist im Grundsatz, was die USA jetzt bei den "Artemis Accords" tun. "Wir werden nicht warten, um einen Vertrag auszuhandeln, von dem wir glauben, dass er in unserem nationalen Interesse ist", zitiert das Magazin "The Verge" den Weltraumexperten Christopher Johnson von der Secure World Foundation.

"Wir glauben, dass wir zum Mond fliegen und dort Ressourcen nutzen können. Deshalb werden wir zum Mond fliegen und dort Ressourcen nutzen. Und wir werden dies auf eine Art und Weise tun, die in Partnerschaft mit anderen Ländern erfolgt".

ESA ein möglicher Partner der US-Mondmission

Einer, der solch ein Partner sein könnte, ist der Chef der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Die Europäer arbeiten an einem unbemannten Landeroboter für den Mond, außerdem möchten sie gern einen oder mehrere Raumfahrer mit den Kapseln der NASA mitschicken.

So haben die deutschen Raumfahrer Alexander Gerst - er war bereits zwei Mal auf der Internationalen Raumstation - und Matthias Maurer - er soll Anfang 2022 dorthin fliegen - wiederholt erklärt, für solch eine Mission bereitzustehen.

Beim Europäischen Astronautenzentrum in Köln entsteht derzeit sogar eine Trainingsanlage namens "Luna", in der Einsätze auf dem Erdtrabanten geübt werden sollen.

Bis zum Sommer kommenden Jahres läuft der aktuelle Vertrag des Deutschen Jan Wörner als ESA-Chef in der Pariser Zentrale der Organisation noch. "Wir werden uns die amerikanischen Vorschläge Wort für Wort ansehen", sagt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Ich halte das prinzipiell für den richtigen Weg. Man muss aber aufpassen, dass das Mondprogramm international bleibt."

Es gehe darum, den Erdtrabanten gemeinsam zu nutzen, so Wörner. "Wir sollten den Mond schützen und verhindern, dass dort Raubbau betrieben wird wie mancherorts auf der Erde."

Harsche Kritik aus Russland - US-Senat verbietet Zusammenarbeit mit China

Wörner hatte bereits vor Jahren das Konzept eines internationalen Monddorfes vorgeschlagen, "das allen Nationen offenstehen sollte". Die NASA hatte ein entsprechendes Vorschlagspapier nie unterschrieben. Wie international die "Artemis Accords" werden, wird sich zeigen. NASA-Chef Jim Bridenstine vermeldete bereits Interesse aus Japan und Kanada.

Aus Russland kam dagegen harsche Kritik.

Das "Prinzip der Invasion sei immer das gleiche, egal ob auf dem Mond oder im Irak", twitterte der frühere Vizepremier und heutige Roscosmos-Chef Dmitrij Rogosin. Wer eine "Koalition der Willigen" aufstelle, werde "mit einem Irak oder einem Afghanistan" enden.

Nach China wird die NASA das Kooperationsangebot gleich gar nicht erst schicken dürfen. Die Zusammenarbeit mit der Volksrepublik ist ihr per Senatsbeschluss seit Jahren verboten.

Peking ließ immerhin wissen, man sei jederzeit bereit, "einen größeren Beitrag zum Aufbau einer Gemeinschaft für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit zu leisten".  © DER SPIEGEL

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