Auf der Erde sorgt die Sonne für Licht - und momentan auch für Sommerhitze. Sie spendet Leben, wird es in einigen Milliarden Jahren aber auch wieder vernichten, wenn der nukleare Sturm, der in ihrem Inneren tobt, zum Erliegen kommt. Wie würde sich ein Leben ohne Sonne anfühlen? Das kann man bei jeder Sonnenfinsternis erleben, wenn der Mond das lebensspende Licht unseres Zentralgestirns blockiert. Ist ein Leben ohne unseren Stern eigentlich möglich, wenn er plötzlich verschwinden würde? Ein Gedankenexperiment.

Sonne
Bildergalerie starten

Glutroter Sonnenball

Nicht nur von der Erde aus beeindruckt der glühende Stern: Diese Weltraum-Bilder zeigen die Sonne von ihrer faszinierenden Seite.

Keine Sorge, die Sonne wird nicht einfach verschwinden. Sie wird noch mehrere Milliarden Jahre scheinen. Allerdings wird sie trotzdem irgendwann für die Menschheit zum Problem. Denn unser Zentralgestirn wird sich zum Roten Riesen aufblähen, die Erde verschlingen und schließlich als Weißer Zwerg enden – so die gängige Meinung der Forschung heute. Sollte es zu diesem Zeitpunkt noch Leben auf der Erde geben, wird es in den äußeren Hüllen des Sterns einfach verdampfen – zusammen mit unserem Planeten.

Doch was wäre wenn die Sonne und ihre Masse einfach aus unserem Sonnensystem verschwinden würden? Dieser Frage geht Journalist Michael Stevens in einem Gedankenexperiment nach.

Eine ewige Sonnenfinsternis

Nach acht Minuten: Erst nach acht Minuten würde die Menschheit überhaupt erkennen, dass es die Sonne nicht mehr gibt. So lange braucht das Licht von unserem Zentralgestirn zu uns. Gleichzeitig würde unser Planet seine Bahn verlassen und in die unendlichen Weiten des Universums rasen.

Mit dem Verschwinden der Sonne würden die Pflanzen aufhören durch Photosynthese Sauerstoff zu produzieren. Doch Angst vor dem Ersticken müsste die Menschheit keine haben: Die Atmosphäre hält noch genug Sauerstoff für mehrere tausend Jahre vor, erklärt Stevens in einem Video-Beitrag. Große Pflanzen hätten zudem noch genug Nahrung gespeichert um länger zu überleben, allerdings bekommen sie ein großes Problem: die Kälte.

Die Kälte kriecht in den Planeten

Nach einer Woche: Binnen sieben Tagen würde die Durchschnittstemperatur unseres Planeten von momentan angenehmen 14 bis 15 Grad Celsius auf den Gefrierpunkt fallen. Kurzzeitig könnte die Menschheit diesen Temperatursturz noch überleben. Schließlich kämpfen wir jedes Jahr damit – im Winter. Doch in unserem Gedankenexperiment würde das Thermometer nie wieder steigen und die Erde weiter auskühlen.

Nach einem Jahr ohne Sonne läge die Durchschnittstemperatur bei -73 Grad Celsius. Will die Menschheit überleben, müsste sie sich an geothermalen Quellen sammeln. Sie sind die letzen warmen Orte des Planeten und werden von ihm gespeist. Denn im Erdinneren ist seit der Entstehung unseres Planten und durch den Zerfall radioaktiver Elemente noch Hitze gespeichert.

Ozeane frieren zu, es regnet Luft

Nach einem Jahr: Mit dem Fallen des Temperatur beginnen die Ozeane zu frieren, die Erde verwandelt sich in einen Eisball. Doch der Wasservorrat des Planeten ist so groß und die Ozeane so tief, dass es selbst nach Milliarden Jahren noch flüssiges Wasser am Meeresgrund geben könnte, gibt Stevens zu bedenken. Und dieses flüssige Wasser sprudelt vor Leben, selbst ohne Sonne. Speziell angepasste Organismen, sogenannte Extremophile, leben schon heute ohne Einwirkung unseres Zentralgestirns am Grund des Meeres, meist in der Nähe thermaler Quellen. Ihre Nahrung gewinnen sie durch chemische Reaktionen, der Nahrungskreislauf des Systems ist geschlossen. So kann es durchaus sein, dass diese Wesen die letzten Spuren des Lebens sein werden, wenn die Sonne verschwindet.

Nach zehn Jahren: Inzwischen ist die Erde soweit ausgekühlt, dass ein kritischer Punkt erreicht ist und sich die Atmosphäre verändert: Es beginnt zu schneien. Allerdings besteht dieser Schnee nicht mehr aus Wasser, wie in wärmeren Tagen, sondern aus Sauerstoff – unserer Atemluft. Die Temperatur ist auf -219 Grad Celsius gefallen, ein Leben an der Oberfläche ist nicht mehr möglich. Sollte die Menschheit noch immer überlebt haben, dann unterirdisch in der Nähe thermaler Quellen mit künstlichem Tageslicht für die Nahrungsmittelproduktion.

Eine Zukunft mit einer zweiten Sonne?

Nach einer Milliarde Jahre: Die Erde bewegt sich mit etwa 108.000 Stundenkilometern durch das All. Nach einer Milliarde Jahre hat unser Planet bei dieser Geschwindigkeit die Distanz von rund 100.000 Lichtjahren zurückgelegt – den Durchmesser unserer Galaxis. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dabei wieder von einer neuen Sonne eingefangen wird, ist realistisch.

Leben könnte sich auch nach dieser Zeit noch am Grund des Meeres gehalten haben, da es wie bereits beschrieben nicht vom Sonnenlicht abhängig ist. Der Kreislauf des Lebens an der Oberfläche könnte im Orbit eines neuen Sterns auch wieder an der Oberfläche beginnen, meint Stevens. Und vielleicht entdecken diese Lebewesen eines Tages, dass sie nicht alleine auf diesem "Raumschiff Erde" waren.