Nach einer angemessenen Trinkgeld-Höhe gefragt, würden die meisten Menschen in Deutschland wahrscheinlich antworten: zehn Prozent des Rechnungsbetrags. Trotz dieser Konvention gibt es jedoch Unsicherheit bei dem Thema: Wem gibt man es? Wie viel genau? Wann ist es zu viel? Und warum gibt man überhaupt Trinkgeld? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Um die "Warum"-Frage gleich zu Beginn zu beantworten: Das Trinkgeld hat hierzulande eine lange Tradition. Früher gaben Adlige ihren Bediensteten ein Trinkgeld. Als Ende des 19. Jahrhunderts die aristokratische zur bürgerlichen Gesellschaft wurde, bekamen es auch die Arbeiter.

In dieser Zeit bekam das Trinkgeld einen immer schlechteren Ruf. Unter anderem galt es als herabwürdigend, weil es Statusunterschiede betonte. Mehr als einmal wurde versucht, es abzuschaffen, es hat sich aber bis heute gehalten.

Wem sollte man Trinkgeld geben?

Grundsätzlich allen, die eine (mehr oder weniger) einmalige Dienstleistung erbringen. Also der Servicekraft im Restaurant, dem Frisör, dem Taxifahrer, dem Zimmerservice im Hotel, demjenigen, der einem dort mit dem Gepäck hilft, der Reinigungskraft einer Toilette, dem Handwerker.

Üblicherweise kein Trinkgeld bekämen indes Menschen, die einen regelmäßigen Service machen, so die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft, Linda Kaiser, zur Südwest Presse.

Das wären zum Beispiel Kurierdienste, der Postbote, der Müllmann. "Man kann aber zu Weihnachten oder Neujahr kleine Geschenke bereithalten", sagt Kaiser.

Bei einem Lokal mit Selbstbedienung oder wenn man Essen zum Mitnehmen ordert, ist Trinkgeld eher unüblich. Es wäre aber mitnichten ein Fauxpas, auch hier eines zu geben.

Der Soziologe Christian Stegbauer von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt hat zu dem Thema mehr als 40 wissenschaftliche Interviews geführt und unter anderem festgestellt, dass auch Servicekräfte hinter dem Tresen durchaus Trinkgeld erwarten.

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Wie viel Trinkgeld sollte man geben?

Zwischen fünf und zehn Prozent. Je höher der Betrag, desto näher bewegt man sich an die Fünf-Prozent-Marke.

Die von einem Urgroßneffen von Adolph Freiherr Knigge, Alexander Freiherr Knigge, betriebene Webseite Knigge.de nennt "mehrere hundert Euro" als Betrag, ab dem man den Minimalsatz nehmen könnte.

Wenn an einer Dienstleistung mehrere Personen beteiligt seien, wie etwa bei so manchem Frisör, empfiehlt Linda Kaiser einen bis zwei Euro pro Person.

Kofferträger im Hotel sollten ihrer Meinung nach ein bis zwei Euro pro Gepäckstück bekommen, der Zimmerservice einen bis zwei Euro pro Tag Aufenthalt.

Kann man auch zu viel Trinkgeld geben?

Ja. Wie in dem kurzen historischen Abriss zu Beginn erwähnt, war das Trinkgeld früher oft ein Mittel, um Standesunterschiede zu verdeutlichen. Manchmal ist das offenbar heute noch so.

"Trinkgeldgeben bildet immer auch gesellschaftliche Ränge ab", so Christian Stegbauer im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit einem zu hohen Trinkgeld erhebe man sich möglicherweise über den Anderen.

Es gehe um Angemessenheit. "Der Nehmer hat eine Erwartung, der Geber eine Erwartungserwartung (Erwartung, die sich auf die Erwartung des Gegenübers bezieht, Anm.d.Red.). Wenn das nicht matcht, kann es unangenehm werden."

Unangenehm, wenn es nicht passt - das also gilt für beides: zu viel und zu wenig Trinkgeld.

Wer zu viel gibt, kann beim Empfänger das Gefühl entstehen lassen, er oder sie stehe nun in der Schuld des Gebers. "Einer Schuld, die der Empfänger nicht begleichen kann oder will", so Stegbauer.

Außerdem bringt der Geber den Empfänger damit in eine Zwickmühle. "Denn: Das Geld nicht anzunehmen, geht eigentlich auch nicht. Nach der Gaben-Theorie von Marcel Mauss schneidet man so nämlich eine Beziehung ab", erklärt der Soziologe weiter.

Eine Servicekraft - ob im Restaurant oder anderswo - wolle aber natürlich, dass die Kunden wiederkommen.

Kein Trinkgeld, wenn man unzufrieden war?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Alexander Freiherr Knigge meinte, das könne man durchaus. Allerdings solle man seine Kritik zusätzlich noch einmal sachlich und konstruktiv äußern.

Christian Stegbauer findet auch, dass man sagen sollte, was einem nicht gepasst hat - und dann aber trotzdem Trinkgeld geben. Schließlich wisse man oft nicht, ob man mit einem geringen Trinkgeld überhaupt den oder die Richtige sanktioniere.

Die Kritik äußern sollte man aus seiner Sicht aber schon - auch weil die Servicekräfte dann darauf reagieren können. Im Restaurant etwa mit einem extra Kaffee oder Schnaps. "Außerdem können sie die Kritik an die Person weitergeben, die es betrifft."

Darf derjenige, der das Trinkgeld bekommen hat, es auch behalten?

Das ist unterschiedlich. In der Gastronomie gibt es diverse Modelle: In manchen Lokalen wird alles zusammengeworfen und aufgeteilt, in anderen behält jeder das, was er eingenommen hat.

Auch bei der Toilettenreinigung hängt es offenbar vom Betreiber ab, ob die Reinigungskräfte ihr Trinkgeld behalten dürfen.


Verwendete Quellen:

  • Interview mit dem Soziologen Christian Stegbauer von Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt
  • Südwest Presse: Richtig Trinkgeld geben: Ein Leitfaden
  • Deutschlandfunk Kultur: Warum geben wir Trinkgeld und was sagt das über uns?
  • Knigge.de: Der Trinkgeld-Knigge
  • Süddeutsche.de: Der Rest ist für Sie!
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