Manager, Journalisten, Börsenzocker - und womöglich auch Betrüger: Im Skandal um Wirecard mischen verschiedene Player mit unterschiedlichen Interessen mit. Wer ist wer im deutschen Finanzkrimi?

Der Dax-Konzern Wirecard versinkt in einem für Deutschland beispiellosen Bilanzskandal. 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten asiatischer Banker geführt wurden, sollen womöglich gar nicht existieren. Die Wirtschaftsprüfer der Firma EY weigern sich, den Wirecard-Jahresabschluss abzusegnen - und dem Unternehmen selbst droht eine schwere finanzielle Schieflage.

Der Skandal zeichnete sich seit Jahren ab - und so lange ringen auch viele der beteiligten Akteure bereits mit dem Fall. Die wichtigsten Personen und Institutionen im Überblick:

Markus Braun und der Vorstand

Der Rücktritt von Markus Braun ist eine Zäsur für den Konzern - selten ist ein Unternehmen so mit einer Person verbunden wie Wirecard mit dem 51-jährigen Österreicher. Braun ist 2002 bei Wirecard eingestiegen. Er hat die Firma groß gemacht und ist mit mehr als sieben Prozent ihr größter Aktionär. Somit hat Braun durch den Kurssturz am Donnerstag und Freitag auf dem Papier Hunderte Millionen Euro verloren.

Der Lehrersohn hat Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Wien studiert und in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er trägt gern schwarze Rollkragenpullover und gibt sich nicht nur äußerlich einen intellektuellen Touch. In der deutschen Finanzwelt, eigentlich ein ziemlich enger Kosmos, in dem jeder jeden kennt, gilt er eher als Einzelgänger und Außenseiter.

Sein Reich war Wirecard. In dem vierköpfigen Vorstand war er der uneingeschränkte Dominator. Er galt als technologisches und strategisches Gehirn des Unternehmens. Deshalb fällt es den Wirecard-Kritikern allerdings auch schwer zu glauben, dass er von den Unregelmäßigkeiten nichts gewusst haben soll. In all den Jahren ist es Braun nie gelungen, die Zweifel der Kritiker auszuräumen, er dementierte stets alle Vorwürfe, ohne viel zu erklären.

Als engster Vertrauter von Braun galt Jan Marsalek, der für das operative Geschäft zuständig war - bis er an diesem Donnerstag freigestellt wurde. Ersetzt wurde er durch James Freis, der früher bei der Deutschen Börse arbeitete und sich vor allem um die Compliance, also die Einhaltung von Regeln und Gesetzen kümmern soll. Nach dem Rücktritt Brauns rückt Freis nun nur einen Tag später an die Spitze, vorerst als Interimschef - ein Mann, der das Unternehmen erst seit wenigen Wochen kennt. Ergänzt wird der Vorstand von Susanne Steidl (Produkt, KI, Entwicklung und Betrieb) sowie Alexander von Knoop (Finanzen, Kapitalmarktkommunikation). Ihre Verträge laufen zum Jahresende aus.

Thomas Eichelmann und der Aufsichtsrat

Das Kontrollgremium wird seit Anfang dieses Jahres von Thomas Eichelmann geführt, der von 2007 bis 2009 Finanzvorstand der Deutschen Börse war. 2019 rückte er zunächst als einfaches Mitglied in den Aufsichtsrat, mittlerweile ersetzt er den Vorgänger Wulf Matthias, der seit 2008 Vorsitzender des Gremiums war, aber nie als ernsthaftes Gegengewicht zu Braun wahrgenommen wurde. Eichelmann hatte nach seinem Antritt eine Verbesserung der Kontrollen und erste Veränderungen im Management angekündigt, Braun wurde das operative Geschäft entzogen, Freis in den Vorstand geholt.

Seit die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG kürzlich einen verheerenden Sonderprüfungsbericht vorlegte, stand Eichelmann enorm unter Druck, Aktionäre forderten immer wieder seinen Rücktritt. Eichelmann soll ursprünglich vorgehabt gehabt, Braun in ein bis zwei Jahren als Vorstandschef abzuberufen und bis dahin einen geeigneten Nachfolger aufzubauen. Braun hätte dann in den Aufsichtsrat wechseln sollen - jetzt ist das kaum noch vorstellbar. Braun war aus Eichelmanns Sicht wohl nicht mehr zu halten, sonst hätte er sich selbst als Aufräumer unglaubwürdig gemacht.

Die Finanzaufsicht Bafin

Die Finanzaufsicht ist in den vergangenen zwölf Jahren mehrfach mit der Frage konfrontiert worden, ob der Aktienkurs von Wirecard manipuliert wird. Das Muster war meist folgendes: Kritiker warfen dem Unternehmen Bilanzfälschung oder andere Unregelmäßigkeiten vor, zugleich gab es auffällige Kursbewegungen, ausgelöst von sogenannten Leerverkäufern. Die Vorwürfe kamen teils auch aus der Investorenszene, in den vergangenen Jahren überwiegend von der "Financial Times" ("FT"). Die Bafin untersuchte regelmäßig die auffälligen Kursausschläge, bis vor Kurzem richteten sich diese Untersuchungen jedoch vor allem gegen die Investoren und Redakteure der "FT".

Im vergangenen Jahr erstattete die Bafin deshalb Anzeige gegen "FT"-Redakteure und mehrere Investoren. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt. Außerdem unterband die Bafin im vergangenen Jahr zeitweise sogenannte Leerverkäufe mit Wirecard-Aktien, mit denen Spekulanten auf einen Kursverfall der Anteile wetten. Erst vergangenes Jahr begann die Bafin auch zu prüfen, ob Wirecard selbst durch Falschinformationen die Kurse manipuliert haben könnte und erstattete vor einigen Wochen schließlich Anzeige gegen den gesamten Wirecard-Vorstand, außer Neumitglied Freis, der nun auch der neue Vorstandschef wird.

Die Bafin hat sich gegen den Vorwurf, sie gehe zu lasch gegen Wirecard vor, häufig mit dem Argument gewehrt, sie habe nur über die Konzerntochter Wirecard Bank AG die direkte Aufsicht. Was die Mutter Wirecard AG angeht - gegen die ja die Vorwürfe vor allem erhoben wurden -, sei sie nur mit Blick auf mögliche Verstöße gegen Ad-hoc-Pflichten oder das Wertpapierhandelsgesetz zuständig. Nun rückt allerdings auch die Bank-Tochter in den Fokus. Sie verwaltet unter anderem Einlagen von Geschäftskunden, auf der anderen Seite vergibt sie Kredite, auch an solche externen Partner von Wirecard, deren Geschäft wegen der Intransparenz der Geldflüsse in der Kritik stehen.

Werden Einlagenkunden nervös, ist das für eine Bank extrem gefährlich. Die Bafin prüft daher jetzt, ob die 1,9-Milliarden-Panne bei der Wirecard AG in irgendeiner Weise auf die Banktochter durchschlagen könnte. Die Bafin-Spitze führte nach SPIEGEL-Informationen am Donnerstag und Freitag intensive Gespräche mit Wirecard und anderen Beteiligten. Die Aufsicht selbst äußert sich bisher nicht zu dem Thema.

Die Staatsanwaltschaft

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile auf mehreren Ebenen. Zum einen gegen "FT"-Journalisten und Investoren, die durch koordinierte Veröffentlichungen und Handelsaktivitäten den Wirecard-Kurs manipuliert haben sollen. Die Hinweise kamen von der Bafin, basierten aber zumindest im frühen Stadium der Ermittlungen auf eher dürren Erkenntnissen. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück.

Im Mai ließ die Staatsanwaltschaft die Wirecard-Zentrale durchsuchen, nachdem die Bafin gegen den gesamten damaligen Wirecard-Vorstand den Verdacht der Marktmanipulation hegte. Das Management habe noch während der andauernden Sonderprüfung der Bilanzen durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG öffentlich mitgeteilt, man sehe sich durch die Prüfung entlastet, sie werde positiv für Wirecard ausgehen. Tatsächlich äußerte sich KPMG dann sehr kritisch zur Bilanzierung.

Außerdem hatte der Londoner Hedgefondsmanager Christopher Hohn Anzeige gegen den Wirecard-Vorstand gestellt, ebenfalls wegen Marktmanipulation sowie wegen Betrug. Auch die Wirecard-Beschuldigten weisen alle Vorwürfe zurück. Die Ermittlungen dürften in beiden Fällen noch lange andauern. Die Staatsanwaltschaft erklärte am Donnerstag, sie nehme auch die jüngste Entwicklung in ihre Ermittlungen auf.

Die "Financial Times"

Unter der Federführung des Journalisten Dan McCrum hat die Londoner Wirtschaftszeitung "Financial Times" ("FT") in den vergangenen Jahren in zahlreichen Artikeln Vorwürfe gegen Wirecard erhoben. Meist ging es um mögliche Bilanzfälschung, Kreislaufgeschäfte oder Geldwäsche. Die "FT" berief sich auf eine breite Informationsbasis, wurde offenbar von Unternehmensinsidern - sogenannten Whistleblowern - informiert und stellte umfangreiches Zahlenmaterial und Dokumente online, sodass alle ihre Vorwürfe nachvollziehen konnten. Den Vorwurf, dass die "FT" dabei mit Leerverkäufern kooperierte, die von der negativen Berichterstattung profitierten, hat die nicht nur in der Finanzwelt hoch angesehene Zeitung stets zurückgewiesen.

Die Leerverkäufer

Sogenannte Leerverkäufer (Englisch: Shortseller) setzen auf den Aktienkursverlust von bestimmten Unternehmen. Sie leihen sich Aktien, verkaufen sie zum aktuellen Kurs, mit dem Ziel, sie später zu einem niedrigeren Preis wieder zurückkaufen und an den Verleiher zurückgeben zu können. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein, wenn die Wette aufgeht. Solche Geschäfte sind legal und prinzipiell auch sinnvoll, weil auf diese Weise Kursübertreibungen nach oben korrigiert werden können. Geht das Kalkül der Shortseller jedoch nicht auf und die Kurse steigen, dann können sie mehr als ihren kompletten Einsatz verlieren, das Risiko ist also hoch. Die meisten dieser Shortseller haben ihren Sitz in London, einer der prominentesten Vertreter ist Christopher Hohn mit seinem Hedgefonds TCI. Er hat jüngsten Meldungen zufolge 1,5 Prozent der Wirecard-Aktien leerverkauft. Durch den Kurssturz in den vergangenen Tagen dürfte er somit sehr viel Geld verdient haben. Er zählt nicht zu den Leerverkäufern, gegen die die Staatsanwaltschaft wegen Marktmanipulation ermittelt.

Die Wirtschaftsprüfer

Die Prüfungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) prüft seit vielen Jahren die Wirecard-Bilanzen. Bis einschließlich der Bilanz für 2018 hatte EY nie etwas auszusetzen am Zahlenwerk des Konzerns, auch in den Jahren, als von außen bereits massive Vorwürfe erhoben wurden. Im vergangenen Spätherbst beauftragte Wirecard wegen der anhaltenden Bilanzfälschungsvorwürfe den EY-Konkurrenten KPMG mit einer Sonderprüfung. KPMG schloss diese Prüfung mit einem sehr kritischen Bericht ab, unter anderem fand die Firma keine Belege für Zahlungsströme in Höhe von 1,9 Milliarden Euro.

Auch EY konnte diese Belege nun nicht beibringen beziehungsweise zweifelt die Echtheit vorgelegter Saldenbestätigungen an. Sollte sich herausstellen, dass die Bilanz von Wirecard falsch ist, hätte EY ein großes Imageproblem, womöglich kämen auch Schadensersatzklagen auf die Prüfer zu. Allerdings untersuchen die Wirtschaftsprüfer vor allem die formale Richtigkeit des Zahlenwerks, Betrug können sie im Rahmen einer normalen Prüfung schwer aufdecken. Auffälligkeiten müssten sie aber stets nachgehen und könnten dann auch eingeschränkte Testate erteilen.

Die Banken

Wirecard hat am Donnerstag gemeldet, dass Kredite in Höhe von zwei Milliarden Euro fällig gestellt werden könnten, wenn die vermissten 1,9 Milliarden Euro nicht wieder auftauchen und es deshalb keinen testierten Jahresabschluss gibt. Die Bankschulden von Wirecard verteilen sich auf eine größere Zahl von Kreditinstituten, dem Vernehmen nach mindestens 15. Wenn die Banken tatsächlich Verbindlichkeiten fällig stellen, könnten sie Wirecard damit in Solvenznöte bringen, aber auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, selbst größere Ausfälle zu haben, wenn sie damit eine Kettenreaktion auslösen.  © DER SPIEGEL