Alexis Tsipras ist zurückgetreten. Der Weg für Neuwahlen ist in Griechenland geebnet. Tsipras will sich ein neues, stärkeres Mandat bei den griechischen Bürgern sichern. Aber kann dieser Schritt dem Krisenland zu mehr Stabilität verhelfen? Die Reaktionen der internationalen Presse.

Nach dem Rücktritt des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras fallen die Reaktionen der internationalen Presse sehr unterschiedlich aus. Die Stimmen reichen von "unvermeidlich", über "richtig" bis hin zu "wagemutig".

Le Monde: "Tsipras kann mit seinem wagemutigen Plan scheitern, durch vorgezogene Wahlen im September eine stabilere parlamentarische Mehrheit zu erreichen. Doch im Augenblick sind die warnenden Stimmen in Europa verhallt. Gesiegt haben die verantwortungsbewussten führenden Politiker Europas. In Athen und Brüssel kann man dies nur begrüßen."

Bild: "Statt sich direkt an die Umsetzung der bitter nötigen Reformen zu machen, zieht Tsipras lieber in eine neue Wahlschlacht. (...) Diese Unzuverlässigkeit schreit zum Himmel! Und dürfte auch viele derjenigen Bundestagsabgeordneten sehr nachdenklich machen, die am Mittwoch noch JA zum 3. Hilfspaket gesagt haben."

Handelsblatt: "Der Rücktritt von Griechenlands Premier Tsipras ist ein taktisches Manöver. Mit der Neuwahl will er die Rebellen vom linksextremen Syriza-Flügel abstrafen – und stellt damit den Parteistreit über das Wohl des Landes."

de Volkskrant: "Dass es früher oder später Neuwahlen geben würde, war unvermeidlich. Denn das Sparpaket, dem die Regierung von Alexis Tsipras letztendlich zustimmte, um Griechenland in der Eurozone zu halten, steht im Widerspruch zu den Beteuerungen, mit denen er die Wahlen im vorigen Jahr gewonnen hatte."

Neue Osnabrücker Zeitung: Nun also doch: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras wirft das Handtuch. Doch wenn es nach ihm geht, hebt er es ganz schnell wieder auf, um nach dem 20. September glorreich zurückzukehren. Da die vorgezogenen Neuwahlen schon in weniger als einem Monat stattfinden, könnte seine Rechnung aufgehen. Wenn auch knapp. (...) Wenn sich der Pleitekandidat Griechenland wirklich irgendwann erholen soll, ist es vollkommen gleichgültig, wer in Athen das Sagen hat. Wichtig ist allein, dass endlich Reformen stattfinden. Mit oder ohne Tsipras.

"Tsipras abzuschreiben wäre falsch"

Rheinische Post: "Den im Volk beliebten Tsipras jetzt abzuschreiben, wäre falsch. Genauso falsch ist es, anzunehmen, er habe sich endgültig zum Realo gewandelt. Denn schafft Tsipras die Wiederwahl, könnte er einen neuen Anlauf starten, seine linke Politik aus den Anfangstagen doch noch durchzusetzen."

Eisenacher Presse: "Andererseits bedeutet die Situation, dass die so dringend nötigen Reformen sich jetzt erst mal wieder verzögern werden. Ausländische wie inländische Investoren, die so dringend benötigt werden, dürften in einer solch politisch instabilen Situation zudem kaum Schlange stehen. Dem Land droht damit jetzt eine innenpolitische Agonie-Phase. Die Krise im pleitebedrohten Mittelmeerland hat sich also wieder verschärft, nachdem eben erst zarte Signale des Aufbruchs vernommen wurden. Tsipras zockt mal wieder."

Reutlinger General-Anzeiger: "Tsipras hat den Griechen Unglaubliches zugemutet. Nicht nur, dass er die Umsetzung seiner Wahlversprechen schuldig blieb. Er trieb die Wähler in ein Referendum gegen die Sparpolitik der 'Institutionen', um kurz darauf, das Ergebnis auf den Kopf zu stellen, indem er eben dieses Sparpaket - mit den Stimmen der Opposition - durchs Parlament peitschte. Letztlich riskierten Tsipras und sein Finanzminister Gianis Varoufakis den 'Grexit'. So steht Tsipras am Ende vor einem Neuanfang. Aber es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Ein zweites Mal werden ihm die Wähler die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Umsetzung nicht durchgehen lassen."

"Doch was bringen Neuwahlen?"

Mannheimer Morgen: "Alexis Tsipras hat recht: An Neuwahlen in Griechenland führt kein Weg vorbei. Demokratisch macht der Premierminister alles richtig, politisch ist der Schritt dennoch fatal. Nichts kann das Land im Moment weniger gebrauchen als eine Führung, die nicht handlungsfähig ist. Denn für potenzielle Investoren bedeutet das, was sich in Athen da jetzt anbahnt, nur weitere Unsicherheit und Ungewissheit."

Abendzeitung (München): Doch was bringen Neuwahlen? Zunächst auf jeden Fall Ungewissheit. Für in- und ausländische Unternehmen, die für die dringend nötigen Investitionen gebraucht werden, wirkt die Ankündigung maximal abschreckend. Und wenn im September eine Regierung ans Ruder kommt, die Reformen rundweg ablehnt? Dann geht das ganze Dra(ch)ma von vorne los. Beziehungsweise, um einen weiteren schwäbisch-englischen - schwänglischen - Ausspruch des deutschen Finanzministers zu zitieren: 'Dann isch over.'

Nürnberger Zeitung: "Mit seinem Rücktritt straft Tsipras nicht nur seine innerparteilichen Kritiker ab, gleichzeitig peilt er die Wiederwahl an. Denn trotz seiner Sprunghaftigkeit trauen die Griechen ihm noch etwas zu. Die Umfragewerte sind jedenfalls nicht schlecht. So dass er mit einem Wahlsieg rechnen kann, der ihm den Rücken stärkt und die Möglichkeit gibt, sich einen Koalitionspartner zu suchen, mit dem man die kommende harte Zeit mit noch härteren Sparmaßnahmen durchstehen kann."

(Zusammengestellt von she)