Die stärkste Szene ist die mit dem Brettspiel. Da sitzen sie alle beisammen, heile Welt im Sonnenschein, würfeln um die Wette. Mehr können wir hier nicht verraten, außer, dass es typisch für diesen "Tatort" der Regisseurin Nina Wolfrum ist, wie ein harmloses Bild so viel Schrecken vermitteln kann. Denn hier ist nichts mehr heil. Abgründe haben sich aufgetan, und das Ende ist nah – so nah wie der Rand des Daches, an den einige Zeit zuvor der zwielichtige Dachdecker die penible Dame vom Jugendamt gedrängt hatte.

Eine Kritik
von Iris Alanyali

Im Kölner "Tatort" "Niemals ohne mich" ermitteln die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) im Fall der ermordeten Monika Fellner (Melanie Straub), besagter peniblen Mitarbeiterin.

Sie war beim Jugendamt für die Überprüfung unterhaltssäumiger Eltern zuständig, und weil sie dabei mit unnachgiebigem Übereifer ans Werk ging, weil sie ihre Mitmenschen mit Kamera und Rotstift verfolgte, mangelt es nicht an Verdächtigen.

Nur dass diese Verdächtigen natürlich auch Opfer sind. Opfer der Bürokratie, Opfer der Hartz-IV-Regeln, Opfer der einst geliebten Partner, die Scham, Verletzung oder Rachedurst zu Taten treiben, die früher unmöglich schienen. Schon, weil doch Kinder im Spiel sind. Nun aber werden die Kinder zum Spielball.

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Von Tür zu Tür gehen Ballauf und Schenk, um herauszufinden, wen Frau Fellner mit ihrer Wühlmäusigkeit so zur Weißglut gebracht hat, dass man ihr unweit ihrer Wohnung auflauerte, sie mit einem Radmutterschlüssel erschlug und in einer dunklen Unterführung liegen ließ.

Hinter jeder Tür treffen die Kommissare auf bewegende Schicksale - und Tatverdächtige

Und hinter jeder Tür treffen die Kommissare auf ein Schicksal, das die Tat erklären könnte. Da ist zum Beispiel der liebevolle, immer zu Späßen aufgelegte Architekt, der mit seinen Kindern im winzigen Wohnzimmer eine Disco aufbaut und für die Exfrau immer alles Wichtige in einem Notizbuch festhält, bevor sie die Kinder übers Wochenende abholen kommt.

Der aber auf dem Amt zum Choleriker wird, als Frau Fellner dahinterkommt, dass er sich schwarz etwas dazu verdient hat. Dabei war das nur ein einziges Mal, für den Umzug, weil er aus der alten Wohnung raus musste, die zu groß für Hartz IV war.

Dass die Ex in der schicken Villa beim ehemaligen gemeinsam Chef und Kumpel wohnt, dass sie sich arbeitslos gemeldet hat, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen, und die Kinder im Luxus baden lässt, wird bei Sorgerechtsstreitigkeiten nicht berücksichtigt. Dass gegen ihn jetzt als Verdächtigem in einem Mordfall ermittelt wird, hingegen schon.

Hinter einer anderen Tür lebt die ehemalige Studentin, die mit dem ach so faszinierend proletenhaften Dachdecker eine Affäre begann und ein Kind zeugte. Irgendwann ging die ungleiche Beziehung in die Brüche, "man kann nicht ewig vögeln", meint sie lakonisch zu den Kommissaren.

Kinder werden zum Spielball und Druckmittel

Und gerade, als sich die Zuschauer fragen, wie sie sich ihre schicke Wohnung leisten kann, stellt Ballauf die Frage laut. "Finden sie mal in Köln eine kleinere, bezahlbarere Wohnung", lautet die genauso lakonische Antwort. Die scheinbar so unverantwortliche junge Frau arbeitet jetzt als Packerin in einem Lagerhaus.

Ihre Tochter nimmt sie die zwei Stunden vor Schulbeginn mit zur Arbeit und muss um jede Pause kämpfen, obwohl sie die Pausen schon deshalb unbedingt braucht, um die Tochter schnell zur Schule bringen zu können.

Der Dachdecker hatte derweil Ärger mit Frau Fellner, weil er sich von Schwarzgeld einen Sportwagen leistet, während sein offizielles geringes Einkommen ihn von Unterhaltzahlungen befreit.

Und dann ist da noch die Kollegin von Monika Fellner, die ein offenes Ohr für all die Schicksale und deshalb ständig Streit mit Fellner hatte. Und die jetzt anfängt, Beweise zu vernichten.

Nur ein Viertel aller unterhaltspflichtigen Elternteile in Deutschland zahlen den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt. Die anderen können es sich nicht leisten – oder wollen es nicht. Geld, sowohl vorhandenes oder seine Verweigerung, werden zum Druckmittel in einem Machtspiel, in dem Kinder bestenfalls nur Spielfiguren sind, schlimmstenfalls selbst zu Druckmitteln werden, um seinen Frust abzureagieren.

Am Ende ist der Fall abgeschlossen - aber das Drama geht weiter

Verzweiflung führt zu Aggressivität, Aggressivität macht angreifbar, das Gefühl der Bedrohung führt zu noch mehr Verzweiflung, zu weiteren Kurzschlusshandlungen - es ist ein "Tatort" der Teufelskreise, und Ballauf und Schenk haben Mühe, sich von aufgebrachten Eltern nicht in den Strudel ziehen zu lassen.

Das Drehbuch hat Jürgen Werner geschrieben, von dem auch der Dortmunder "Tatort: Monster" stammt, der vor ein paar Wochen lief. Anders als jener abgründige Psychothriller ist "Niemals ohne mich" ein Sozialdrama, aber in Nina Wolfrums ruhiger, unaufgeregter Inszenierung vergleichbar eindringlich. Hier gibt es keine Monster. Auch keine Helden, nur Menschen.

Die Verdächtigen reihen sich auf, wie Akten sich auf dem Tisch des Jugendamtes stapeln, aber die Auflösung ist dennoch unerwartet. Und sie zeigt nicht nur einfach eine schuldige Person, sondern wirft noch einmal eine neue Perspektive auf die enormen Belastungen, die die Tücken von Scheidung, Sozial- und Familienrecht für alle Beteiligten bedeuten.

Und dann ist immer noch nicht Schluss: Am Ende können Ballauf und Schenk den Fall um die tote Amtsmitarbeiterin vielleicht abschließen - aber das Drama geht weiter, und weist aus der letzten Sendeminute hinaus in die Wirklichkeit. Wo sich Wunden, die entstehen, wenn aus Liebe Hass wurde und aus gemeinsamen Kindern Druckmittel, nicht einfach so zu den Akten legen lassen.

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