• Im Dortmunder "Tatort: Masken" mit Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt) verdecken frustrierte Männer in einem Anmach-Seminar ihr Gesicht.
  • Eigentlich jedoch geht es im Krimi um "getarnte" Liebe und Hass, die nicht entdeckt werden wollen.
  • Ein ungewohnt leiser, aber starker Ruhrpott-Fall.
Eine Kritik
von Eric Leimann

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Jung, gutaussehend, beliebt - und tot. Nicolas Schlüter, ein 28-jähriger Polizist, wird auf seiner Joggingrunde am frühen Morgen überfahren. Er stand kurz vor der Beförderung. Seine Frau ist schwanger mit dem ersten Kind. Die Dienststelle des Opfers in Dortmund-Hörde zeigt sich entsetzt. Katrin Steinmann (Anne Ratte-Polle), Leiterin der Wache, und Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) kennen sich von früher. In der Polizeischule waren sie so etwas wie Freundinnen.

Auch Steinmanns Tochter Jessica (Michelle Barthel) arbeitet als Jung-Polizistin auf der Wache der Mutter. Sie nimmt der Tod des Kollegen ziemlich mit. Ebenso geht es dem uniformierten Kollegen Paul Lohse (Jonas Friedrich Leonhardi), der mit dem Opfer eng befreundet war. Wie es scheint, hatte Nicolas Schlüter nur Freunde. Aber das kann ja nicht sein, schließlich ist der Mann tot - und wir sind beim "Tatort".

Einer der besten Fälle für Faber, Bönisch und Co.

Als Faber und Bönisch mit Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) und Jan Pawlak (Rick Okon) die Ermittlungen im Umfeld des Opfers aufnehmen, zeigt sich, dass der erste Schein gerne mal trügt. Nicht nur das Opfer, sondern auch die meisten Personen in seinem Umfeld, sieht man am Ende des Krimis anders als zu Beginn. Zum Teil verändern sich die Figuren während der sonntäglichen 90-Minuten-Ermittlungsstrecke sogar mehr als einmal.

Potzblitz, ein psychologisches Krimi-Ensemblestück aus Dortmund? Jenem Standort, wo sonst eher ein bisschen zu groß gedacht wird und der Kommissar wegen seiner Psycho-Allüren im wahren Leben wohl in fast jeder Folge vom Dienst suspendiert worden wäre? Ja, der 20. Dortmund-Fall mit Faber und Bönisch seit deren Auftakt im Jahr 2012 ist einer der leisesten. Aufgrund stimmiger Figuren und ihrer psychologisch gut hergeleiteten Verwandlungen ist er aber auch einer besten.

Schon der zweite "Tatort" 2021 über Pick-up-Artists

Dass die vielen kleinen Wendungen im "Tatort: Masken" nicht wie vom Krimi-Reißbrett wirken, dafür sorgt das Autorenteam Arnd Mayer ("Bettys Diagnose") und Claudia Matschulla ("Herzensbrecher"). Die beiden haben bisher viel Vorabendware geschrieben, was ihre Leistung umso erstaunlicher macht. Normalerweise ist der Begriff "überraschende Wendung" in deutschen Krimis gerne mal ein Synonym für "unglaubwürdig konstruiert". Im "Tatort:Masken" ist alles jedoch nachvollziehbar, wenn auch zum Teil kühn gedacht. Inszeniert hat den 20. Dortmund-Fall die deutsch-kurdische Regisseurin Ayşe Polat ("En Garde", "Luks Glück"), die vorher vor allem im Arthouse-Kino unterwegs war.

"Masken" heißt der Film übrigens deshalb, weil Faber und Bönisch im Zuge der Ermittlungen eine Veranstaltung besuchen, in der ein Pick-up-Artist, also ein professioneller Frauen-Eroberer, andere Männer darin unterrichtet, wie man in Zeiten von MeToo und Gender-Debatten trotzdem ein "klassischer" Mann bleiben kann.

Wem dies irgendwie bekannt vorkommt: Tatsächlich ist dieses Motiv schon einmal im "Tatort"-Jahr 2021 bespielt worden. In Axel Milbergs Fall "Borowski und die Angst der weißen Männer" ging es im März um ein ähnliches Szenario. Damals jedoch im Zusammenhang mit rechter Gewalt und der sogenannten INCEL-Szene von sich radikalisierenden Nerd-Männern, die eine "gesetzliche" Zuteilung von Frauen als Geschlechtspartnerinnen fordern. Im "Tatort: Masken" bedecken die Männer während der Pick-up-Veranstaltung nur deshalb ihr Gesicht, um während des Vortrages anonym zu bleiben und sich bei Zwischenrufen mehr zuzutrauen.

Finden Faber und Bönisch irgendwann zusammen?

Dass Peter Faber einer dieser Männer mit Maske im Publikum ist - und dass die von ihm heimlich geliebte Kollegin Martina Bönisch (getarnt als Reporterin) ebenfalls im Anmach-Seminar sitzt, ist eine der cleversten und sinnlichsten Szenen, die sich der Dortmunder "Tatort" bislang ausgedacht hat. Nach dem Motto: Wenn wir schon nicht persönlich unsere Liebe gestehen können, versuchen wir sie als theoretisches Problem vor einer großen Menge Menschen öffentlich zu verhandeln. Und das auch noch mit der besonderen Note, dass man einen Laden voller Möchtegern-Machos mit verschüchtertem Ego vor sich hat. Eine Masken-Crowd, die der Zahnarzt und Pick-up-Artist Dr. Johannes Oberländer (Simon Böer) mit seinen Lektionen in starke Männer des klassischen Typs verwandeln will.

Doch wie soll es mit Faber und Bönisch weitergehen? Kämen zwei so kaputte Seelen in der Realität zusammen, ihre Beziehung hätte wohl keine große Zukunft. Insofern ist es wohl besser, auch wenn man Faber nicht ewig beim Leiden zusehen möchte, dass der Stachel der Liebe im Dortmunder Revier weiter sticht.  © 1&1 Mail & Media/teleschau