Am Bodensee liegen mal wieder pittoresk die Leichen. Gleich zwei Ermordete plus ein Entführungsopfer sollen im neuen Fall von Klara Blum und Kai Perlmann für Spannung sorgen. Klappt aber leider nicht.

Worum geht's hier eigentlich?

Der Schweizer Ermittler Matteo Lüthi (Roland Koch) hat auf deutschem Boden einen Verdächtigen erschossen. Nun liegt dieser, wie es sich für einen Bodensee-"Tatort" gehört, in der Nähe des Wassers, das diesmal in winterliche Nebenschwaden gehüllt ist. Nach eigener Aussage wurde auf den eidgenössische Freund und Kollegen der Konstanzer Ermittlerin Klara Blum (Eva Mattes) geschossen. Lüthi gibt an, seinen Angreifer in Notwehr getötet zu haben. Blöd nur, dass weder Waffe noch Schmauchspuren beim Toten zu finden sind. Gefunden wird dafür wenig später eine weitere Leiche: Markus Söckle, Maschinist auf einer Bodenseefähre. Der bekam zuerst einen Schlag auf den Kopf, dann ist er ertrunken. Könnte es sein, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben? Und was macht eigentlich dieser Hannibal Lecter für Arme (Urs Peter Halter) mit jener jungen Frau (Annina Euling), die er da gefangen hält? Der neue Bodensee-"Tatort" will ein komplexes Puzzlespiel sein. Leider sind die einzelnen Teile arg abgegriffen. Am Ende ergibt sich als Bild eine eher unfreiwillig komische Fratze.

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Selten erschienen einem 90 "Tatort"-Minuten so lang - obwohl eigentlich ständig etwas passiert. Dieser Fall leidet darunter, dass er keine wirkliche Idee verfolgt, außer der Tatsache, drei Kriminalfälle mit der Kneifzange zusammenzuzwirbeln. Am Ende steht dann noch ein Wettlauf gegen die Zeit auf dem Programm. Er ergibt sich ebenso unvermittelt wie alles andere in diesem Murks-"Tatort" erster Güte. Nein, diese Episode ist selbst für das bescheidene Niveau der Fälle von Blum und Perlmann ein eher lähmendes Stück.

Ergibt das alles Sinn?

"Winternebel" ist eigentlich ein klassischer "Whodunit". Sprich: der Reiz dieses Krimis sollte darin bestehen, zu erfahren, wer den Mord am Maschinisten begangen hat, wer nachts auf den Schweizer Polizisten schoss und warum der überforderte Hannibal dieses Mädchen im Käfig gefangen hält. Man kann dem Krimi keine groben Regelverstöße gegen die Gesetze der Logik vorwerfen, alle Handlungsfäden werden aufgelöst. Allerdings verstößt der Film gegen jenes ungeschriebene Gesetz, dass der Zuschauer unter dem Siegel "Tatort" einen Krimi sehen will, der das Vorabend-Niveau von "SOKO" und "Heiter bis tödlich" überbietet.

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

Klara Blum hätte man gern zur Mutter. Mit Kai Perlmann könnte man sich vorstellen, in der Stehkurve des eigenen, stets verlierenden Fußballclubs stehen, um seine trockenen Kommentare zum bitteren Geschehen auf dem Rasen mitzunotieren. Als Kommissare machen die beiden ihren Job, nicht mehr und nicht weniger. Gegen ihre meist etwas lieblos gezimmerten Fälle können sie wohl nichts machen. Dabei verschenkt man zum Beispiel das Potenzial des großartigen Sebastian Bezzel gewaltig: "Dampfnudelblues", der erste ARD-Film aus einer geplanten Reihe mit "Eberhoferkrimis" mit Bezzel als dörflichem Ermittler, war im vergangenen Jahr einer der innovativsten und witzigsten Fernsehkrimis überhaupt.

Wie fies sind die Verbrecher?

Selten hat man einen Täter so sehr bemitleidet wie jenen völlig überforderten Entführer, der sich am Ende einen Wettlauf mit der geballten Ermittlerkraft sowohl des Bodensee-"Tatorts" wie auch des Schweizer Fernsehens liefern muss. Ein Beispiel für die vielen Schwächen des Drehbuchs von Jochen Greve ist, dass es sich über die gesamte Zeit nicht entscheiden kann, ob es diesen "Bösewicht" als finsteren Gesellen oder Karikatur einesselben anlegen will. Ebenso überfordert scheint Benedict Freitag, der den fiesen Vater des Entführungsopfers spielt. Sein Spiel, seine Drehbuchsätze - auch diese Rolle ist unfreiwillig komisch. Das wirklich Böse gönnt sich in diesem "Tatort" offenbar eine Verschnaufspause.