Bei "Freud", einer Co-Produktion von ORF und Netflix, vermischen sich Fakten und Fiktion rund um das Leben des Psychoanalytikers Sigmund Freud. Der junge Freud wird in eine Mordserie in der feinen Wiener Gesellschaft hineingezogen, die Serie schwankt zwischen Mystery, Krimi und Horror. "Ein akkurates Biopic war nie die Absicht", sagt Freud-Darsteller Robert Finster im Gespräch mit unserer Redaktion.

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Das Klopfen an der Tür ist energisch. "Aufmachen, machen Sie auf!", brüllt eine laute Männerstimme. Als Sigmund Freud (Robert Finster) schließlich öffnet, stürmen zwei Polizisten mit Pickelhauben in die Wohnung, in ihren Armen eine schwerverletzte Frau.

Die mit Stichwunden übersäte Unbekannte verstirbt auf Freuds Schreibtisch. Die Suche nach dem nächsten Arzt hatte die Polizisten zufällig zu Freud geführt, nun wird der junge Mediziner, der sich in den kommenden Jahren als Begründer der Psychoanalyse weltweiten Ruhm verdienen wird, in die Ermittlungen zu einer Mordserie hineingezogen, die die feine, dekadente Wiener Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts erschüttert.

Das ist die Ausgangslage für die Serie "Freud", die von ORF und Netflix gemeinsam produziert wurde, inszeniert von Regisseur Marvin Kren, der sich mit "4Blocks" einen Namen machte. Am Montag hatten die ersten drei Folgen auf der Berlinale Premiere, ab 15. März wird die Serie im ORF zu sehen sein, alle acht Folgen stehen ab dem 23. März auf Netflix bereit.

Die Netflix-Serie zeigt einen völlig anderen Sigmund Freud

Der Ansatz der Serie ist es, einen der größten und einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, die Koryphäe der Psychoanalyse, von einer ganz anderen Seite zu zeigen. "Es war so, wie es beim durchschnittlichen Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist: Sigmund Freud als graue Eminenz. Diesen alten Weisen, mit Rauschebart, Stirnglatze, Taschenuhr und einer Zigarre. Mit einem eher verkniffenen Gesicht, aber einer großen Glorie, die ihn umgibt", beschreibt Freud-Darsteller Robert Finster im Gespräch mit unserer Redaktion sein Bild des Psychoanalytikers: "In der Vorbereitung auf die Rolle dann zu merken, dass er in jungen Jahren, ohne diese Anerkennung, ohne diesen Weg schon gegangen zu sein, wie ein ganz normaler Mensch gestritten und gefochten hat, war irgendwie heilsam."

Finster, 35 Jahre alt, in Bruck an der Mur geboren und in Wien lebend, spielt den völlig anderen Freud. Einen jungen, getriebenen, aber auch zweifelnden Mann. Mit schwarzem Bart, schwarzen Haaren und stechendem Blick.

Von seinen Kollegen am Allgemeinen Wiener Krankenhaus wird er für seine neuen Ideen ausgelacht und angefeindet, er hat Probleme seine Miete zu bezahlen und trinkt in Wasser gelöstes Kokain. Seine Haushälterin Leonore (Brigitte Kren) verpflichtet er, die Rolle einer Hypnotisierten zu spielen, um eine Ärzte-Kommission zu täuschen.

Fakten und Fiktion vermischen sich

Alles Dinge, die man von Sigmund Freud nicht unbedingt erwartet hätte. Die Serienmacher nutzen dabei aus, dass Freud im Alter von ungefähr 30 Jahren einen Großteil seiner Aufzeichnungen vernichtete, was erzählerischen Spielraum gibt. Historische Fakten vermischen sich fließend mit der fiktionalen Mordserie, in der Freud gemeinsam mit dem kriegsversehrten Polizisten Alfred Kiss (Georg Friedrich) in die Rolle des ermittelnden Detektivs rutscht.

"Ein historisch akkurates Biopic war nie die Absicht", erklärt Finster: "Leitmotiv für die Serie war eine düstere, mystische, okkulte, bedrohliche, unheimliche Grundstimmung. Bei Freud steht das Analytische im Vordergrund, wie man es bei Freud auch nicht anders erwarten würde. Er ist ein sehr von der Ratio getriebener Charakter, der das alles intellektuell zu fassen versucht."

Die reiche Wiener Gesellschaft der 1880er Jahre ist fasziniert von Übersinnlichem, Magie und dem Tod, der junge Freud als Wissenschaftler und Aufklärer ist der Gegenpart dazu. Seine Ermittlungen führen ihn zu der geheimnisvollen ungarischen Gräfin Sophia Szápáry (Anja Kling), die mit dem Medium Fleur Salomé (Ella Rumpf) Séancen veranstaltet, bei denen selbst Kronprinz Rudolf (Stefan Konarske) zu Gast ist und die ihr gesellschaftliche Anerkennung einbringen.

Wien als eindrucksvolle Kulisse

Zwischen Fleur und Freud entwickelt sich schnell eine besondere Beziehung, die Visionen des Mediums haben einen größeren Einfluss auf den Wissenschaftler, als dieser sich zunächst eingestehen will. Es entwickelt sich eine Geschichte zwischen Traum und Alptraum, die in die Tiefe der menschlichen Psyche genauso eintaucht wie in die dunklen Gassen des alten Wiens. Die Hauptstadt Österreichs bildet dabei die eindrucksvolle Kulisse für das Geschehen, dunkle Wolken hängen schwer über den historischen Gebäuden, der Polizist Kiss und sein Untergebener Franz Poschacher (Christoph Krutzler) sprechen teilweise derart wienerisch, dass sich jeder nördlich von Salzburg aufgewachsene Zuschauer Untertitel wünschen würde.

Die aufwendig produzierte Serie selbst wechselt zwischen Krimi-, Mystery- und Horrorelementen, teilweise geht es dabei heftig und ziemlich blutig zur Sache. Auch wenn die Handlung der ersten drei Folgen recht verschachtelt ist und sehr viele Figuren eingeführt werden, zieht einen die Geschichte schnell in ihren Bann. Zumal die dritte Folge mit einem fiesen Cliffhanger endet.

Dass der Ansatz, Sigmund Freud, den großen Wiener Denker, von einer völlig anderen Seite zu zeigen, gelungen ist, kann zu diesem Zeitpunkt schon festgehalten werden. Wie das allerdings bei dessen Nachfahren und Freud-Puristen ankommen wird, bleibt abzuwarten.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Robert Finster
  • tv.orf.at: Marvin Krens internationaler TV-Event "Freud"
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