Im Moment merkt man, wie schnell es mit der Solidarität bei einigen Menschen vorbei sein kann. Vielleicht ist der Netflix-Hit "Der Schacht" gerade deshalb aktuell so erfolgreich.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

Er gehört dieser Tage zum Frust dazu: der Blick auf das leere Toilettenpapierregal. Gerade merkt man, wie schnell es mit der Solidarität bei einigen Menschen vorbei sein kann. Um Solidarität, wenn auch eine ganze Spur drastischer, geht es auch beim Netflix-Hit "Der Schacht". Vielleicht ist der Film gerade deshalb im Moment so erfolgreich.

Nun könnte man meinen, dass die Menschen aktuell genug haben von schlechten Nachrichten, von Verteilungskämpfen und vor allem von der Enge der eigenen Wände, vom Eingeschlossensein.

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Umso mehr erstaunt es, dass sich seit einigen Tagen beim Streamingdienst Netflix ein Film beharrlich in den Top Ten hält, bei dem es um genau das geht: "Der Schacht".

Darum geht es in "Der Schacht"

Die Geschichte des Films ist ebenso schmucklos wie der Ort des Geschehens. Im Mittelpunkt von "Der Schacht" steht eine Art Gefängnis. Die Besonderheit: Die Zellen sind hier nicht nebeneinander, sondern übereinander angeordnet.

In jeder Zelle sind zwei Häftlinge eingesperrt, die Einrichtung besteht aus zwei Betten und einem Waschbecken. Mitten durch jede Zelle führt ein offener Schacht, die Zellen sind also mit einigen Metern Abstand durch diesen Schacht verbunden.

In dieses Gefängnis oder "Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung", wie es im Film im Behördensprech heißt, hat sich die Hauptfigur Goreng (Iván Massagué) selbst einliefern lassen, damit er nach sechs Monaten Haft einen Abschluss bekommt.

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Anders die Lage bei seinem Zellengenossen Trimagasi (Zorion Eguileor). Der sitzt wegen Mordes ein und erklärt im Laufe des Films Goreng, und damit dem Zuschauer, wie das Gefängnis funktioniert.

Um die Gefangenen zu versorgen, bereiten ganz oben Köche die köstlichsten Speisen zu und lassen sie auf einer Plattform den Schacht hinunterfahren. Auf jeder Ebene haben die Gefangenen nur ein paar Minuten, um zu essen, dann fährt die Plattform weiter, gebunkert werden darf nichts.

Auch wenn man erst später im Film erfährt, wie viele Ebenen es tatsächlich gibt, kann man erahnen, dass es Dutzende, wenn nicht gar Hunderte sind. Man kann sich also vorstellen, wie viel Essen in den unteren Ebenen ankommt.

"Der Schacht": Was ist mächtiger – Buch oder Messer?

Es sind diese beiden Elemente, das Leben mit einem Unbekannten in einer engen Zelle und die Begrenztheit des Essens, aus denen "Der Schacht" seine grundsätzliche Spannung zieht, das Ganze wird aber noch durch einen Kniff gesteigert.

Zum einen darf jeder Gefangene einen Gegenstand seiner Wahl mit in die Zelle nehmen, zum anderen wechselt nach einem Monat die Anordnung der Zellen. Wer ganz oben war, kann wenig später ganz unten sein.

"Es gibt drei Arten von Leuten: die von oben; die von unten; die, die fallen", erklärt Trimagasi gleich zu Beginn von "Der Schacht" und aus diesen drei "Zutaten" macht der Film grandioses Kino - und das auf vielen Ebenen.

Da ist zum einen die Spannung aus der Situation heraus, kurz: Was passiert als Nächstes? Die Frage wird umso spannender, wenn man erfährt, dass Goreng eine Ausgabe von "Don Quijote" als seinen Wahl-Gegenstand ausgesucht hat, sein Zellengenosse hingegen ein Messer, das "sich ganz von selbst schärft, während man es benutzt".

Nun muss man kein Prophet sein, um zu ahnen, dass das Messer noch eine Rolle spielen wird und manche Szenen sind in der Tat nichts für zarte Gemüter, auch wenn sich vieles nur im Kopf des Zuschauers abspielt.

"Der Schacht": Eine Parabel über Solidarität

Denn ähnlich wie zum Beispiel bei der Zombie-Serie "The Walking Dead" geht es bei "Der Schacht" nicht darum, aus blankem Horror-Voyeurismus eklige Szenen zu zeigen. "Der Schacht" funktioniert nicht als Splatter-Film, sondern als moral- und gesellschaftsphilosophische Parabel.

Die beginnt auf einer ganz persönlichen Ebene. Goreng durchlebt in seiner Zelle verschiedene Phasen: Abscheu, Ablehnung, Angst, Resignation, Wut, Rebellion und noch mehr und der Zuschauer kann sich dabei fragen: Wie funktioniert der Mensch in Extremsituationen? Welchen Gegenstand hätte ich mitgenommen? Wie hätte ich reagiert? Würde ich verzweifeln, kämpfen, solidarisch oder zynisch sein?

"Hoffentlich trank er gerne Alkohol", kommentiert Trimagasi mitleidslos, als sich ein Gefangener den Schacht hinunterstürzt und fährt fort: "Wir bekommen nämlich viel zu wenig Wein."

Spiel zwischen Solidarität und Zynismus

Um genau dieses Spiel zwischen Solidarität und Zynismus geht es, wenn man die persönliche Ebene auf die Gesellschaft überträgt. Hier funktioniert "Der Schacht" fast noch besser, denn der Film nimmt den Kapitalismus mit seinen gesellschaftlichen Mechanismen par excellence auseinander.

Denn auch im reinen Kapitalismus geht es irgendwann um "die da oben" und "die da unten", ist Gemeinsinn auf den guten Willen der Mächtigen angewiesen.

"Die da unten stehen unter uns", erklärt Trimagasi, als er auf die Essensplattform uriniert. "Aber nächsten Monat könnten sie oben sein", wirft Goreng ein und Trimagasi antwortet: "Ja, dann pissen die auf uns, diese Wichser."

Es ist erstaunlich, dass "Der Schacht" mit seiner beklemmenden Atmosphäre gerade jetzt so gut beim Publikum ankommt. Vielleicht aber auch nicht, denn wann, wenn nicht jetzt, in Zeiten von Existenzängsten und Hamsterkäufen ist eine Auseinandersetzung mit dem Gedanken der Solidarität und der Frage, wie man die bestehenden Verhältnisse besser, weil gerechter, machen könnte, passender?

"Wenn alle nur so viel essen würden, wie sie brauchen, dann käme das Essen bis ganz runter", rechnet seine neue Zellengenossin Goreng vor. Der greift den Gedanken auf und droht den Insassen unter ihm, er würde sich auf dem Essen erleichtern, nähmen sie mehr, als sie brauchen.

"Vielleicht schaffen wir es auch bei denen da oben?", fragt die Zellengenossin, doch Goreng verneint: "Die da oben hören mir nicht zu." "Warum?", will die Frau wissen und Goreng antwortet: "Weil ich nicht nach oben scheißen kann."

Frisst man oder wird man gefressen? "Der Schacht" ergänzt diese scheinbar alternativlose Frage um ein entscheidendes Detail: Frisst man, wird man gefressen oder sorgt man dafür, dass alle genug zu fressen haben? Eine interessante Frage, besonders, wenn man demnächst im Supermarkt vor dem Regal mit dem Klopapier steht.

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