Jake Gyllenhaal, Josh Brolin, Keira Knightley, Emily Watson: Für sein auf wahren Begebenheiten basierendes Bergsteigerdrama hat "Contraband"-Regisseur Baltasar Kormákur ein publikumswirksames Schauspielerensemble verpflichtet. Sie alle werden jedoch von seinem größten Star in den Schatten gestellt: dem Mount Everest.

Es vergehen gerade mal ein paar Filmminuten, da hält man schon das erste Mal die Luft an: Nicht weil atemberaubende Aufnahmen vom Mount Everest zu sehen sind, sondern weil Keira Knightley den Mund aufmacht. Sie spielt in "Everest" die schwangere Ehefrau des Bergführers Rob Hall (Jason Clarke). Als dieser im Frühjahr 1996 aufbricht, um eine Gruppe von Extremsport-Touristen auf den höchsten Berg der Welt zu führen, lauten ihre Abschiedsworte: "Du bist zurück für die Geburt, Rob Hall!" Woraufhin er erwidert: "Nichts kann mich aufhalten." Und obwohl es keinen Zweifel daran gibt, dass bald etwas Schlimmes auf der Leinwand passieren wird, keimt im Zuschauer die Sorge, dass etwas noch Schlimmeres eintreten könnte: Nämlich dass "Everest" monumentales Kitschkino mit emotional aufgeblasenen Momenten und Dialogen aus der Hölle ist.

Featurette: Das Erlebnis Everest

"Everest" läuft ab dem 17. September im Kino.

Zwei Stunden später ist klar: Die Sorge war unberechtigt. Denn Regisseur Baltasar Kormákur hat so ziemlich alles richtig gemacht. Die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte einer tödlich verlaufenen kommerziellen Everest-Expedition ist an sich schon so dramatisch, dass falsch eingesetztes Hollywoodpathos zerstörerischer hätte wirken können als jede Schneelawine. Deswegen setzt Kormákur nach leichten Anlaufschwierigkeiten ganz auf das Potential seines größten Stars: Und der heißt weder Keira Knightley, noch Jason Clarke, Jake Gyllenhaal oder Josh Brolin, sondern ganz simpel Mount Everest.

Die Anziehungskraft des Bergs

"Everest" ist einer dieser Filme, die den Einsatz der oft leidlich überstrapazierten 3D-Technik definitiv sinnvoll erscheinen lassen. Die in Nepal und den italienischen Alpen gefilmten Naturaufnahmen gehen eine perfekte Symbiose mit den Greenscreen-Szenen ein und entwickeln eine Anziehungskraft, die nachvollziehen lässt, warum sich jemand freiwillig auf die übermenschlichen Strapazen einer Achttausender-Besteigung einlässt. Man blickt in gigantische Abgründe, gerät in fast blind machende Eisstürme und bekommt das beklemmende Gefühl, dass die Luft zum Atmen immer dünner wird. Trotzdem muss es weitergehen, schließlich ist der Gipfel das Ziel.

Angesichts dieser ästhetischen Wucht gerät die darstellerische Leistung fast zur Nebensache. Wobei die schiere Menge an Figuren es von vorneherein kaum zulässt, den Fokus auf einzelne Charaktere zu lenken. Neben Hall und seiner schwangeren Ehefrau gilt die größte Aufmerksamkeit dem von Josh Brolin verkörperten Everesttouristen Beck Weathers. Auch er lässt seine Familie im Ungewissen zurück, weil sein Drang, das Dach der Welt zu besteigen, größer ist als jede soziale Bindung. Jake Gyllenhaal, der populärste Darsteller aus dem "Everest"-Ensemble, ist im Vergleich dazu nur eine Randfigur. Er spielt den amerikanischen Extrembergsteiger Scott Fischer, der im gleichen Zeitraum wie Hall eine Gruppe gut betuchter Touristen auf den Everest führen will und mit dieser logistischen Fehlkalkulation zur tödlichen Katastrophe beiträgt.

Kein Actionthriller mit reißerischen Effekten

Es ließe sich jetzt noch so viel mehr über weitere Figuren, deren Motivation und deren Verbindung untereinander erzählen. Aber dann würde es allmählich verwirrend werden, weil die durch die realen Umstände vorgegebene Personenkonstellation samt Handlungsverlauf überaus komplex ist. Umso höher muss man Kormákur seine Regieleistung anrechnen. Denn auch am Ende von "Everest" hat man noch den Überblick und kann sogar Personen beim Namen nennen, die keine tragende Rolle gespielt haben.

Vielen Regisseuren misslingt dieses Kunststück. Kormákur allerdings hat sich für eine bedächtige Erzählweise entschieden. "Everest" ist kein Actionthriller, der auf reißerische Effekte oder künstlich aufgebauschte Handlungsstränge setzt. Die Spannung baut sich langsam auf und führt die Figuren allmählich ins sichere Verderben. Auf dem Höhepunkt verzichtet Kormákur sogar auf den zu Beginn arg überdosierten Musikeinsatz und vertraut allein auf die Macht seiner Bilder. Und die sind in ihrer Vehemenz so beeindruckend, dass alles darüber hinaus Gehende nur unnötiger Ballast gewesen wäre.