In Folge vier von ProSiebens Klischeesammlung "Beauty & the Nerd" geht es zum Umstyling. Auf dass alle in dieser Show so austauschbar aussehen wie in jeder anderen Reality-Show.

Eine Kritik
von Felix Reek

Endlich ist es soweit. Denn egal, wie oft ProSieben seine Show auch ein "Sozialexperiment" nennen mag, natürlich bleibt "Beauty & the Nerd" eine schlichte Vorher-Nachher-Show. Man nehme einen jungen Menschen, der dem Castingteam der Produktionsgesellschaft verbesserungswürdig erscheint, staffiere ihm im Fundus noch ein wenig lächerlicher aus und stecke ihn am Ende in eine massenkompatiblere, aber letztlich genauso lächerliche Garderobe.

Das Ergebnis: ein vollkommen neuer Mensch, Kleider machen schließlich Leute, das weiß keiner besser als die "Beautys", die in jeder Folge das Sprichwort in "Weniger Kleider machen noch viel bessere Leute" umdeuten.

Nur die Nerds haben das noch nicht verstanden. Also werden sie von ihren "Beautys" behutsam darauf hingewiesen. "Ekelhaft, ey", "Wie viele Haare kann man eigentlich haben" und "Das ist richtig krass" stöhnen sie angesichts des sprießenden Brust- und Beinflaums ihrer Schützlinge auf. Und damit die einmal nachfühlen können, "wie schwer es ist, eine Beauty zu sein", wird großzügig enthaart. Was letztlich aber nur der Auftakt ist zu dem, was noch kommt.

"Beauty & the Nerd": Superhelden in viel zu knappen Kostümen

Doch zuvor müssen die "Nerds" ihren "Beautys" Superheldenkostüme schneidern und sich einen Namen für deren Charaktere ausdenken. Weil: Nerds lieben Comics. Weiß doch jeder, steht im Klischeehandbuch gleich nach "Blondinen sind doof" und "Das Runde muss in das Eckige".

Also ran an Nähmaschine und Klebepistole, um am Ende vor Juror Jimi Blue Ochsenknecht, dem ziemlich langweilig sein muss, wenn er in dieser Show mitmacht, die eigenen Kreationen zu präsentieren. "Endgame", "Shaman Sheila", "Sensonica", "Magic Malin" und "Barbie Cat" stehen mehr oder minder begeistert da, was auch daran liegen dürfte, dass ihre Kostüme so eng sind, dass das nackte Fleisch noch mehr als sonst herausquillt.

Dafür haben sich die "Nerds" für ihre Backgroundgeschichten etwas einfallen lassen. Barbie Cat etwa soll "Fuckboys bekämpfen." Was immer das auch sein mag. Die Avengers und Quadratschädel Thanos können da auf jeden Fall einpacken. Am Ende gewinnen Annabel und Elias, letzterem ist somit das erste Umstyling sicher. "Das ist dann für immer", sagt Kim. Es klingt wie eine Drohung. Ist es auch.

Zunächst haben die "Nerds" aber noch Schonzeit. Ihre "Beautys" müssen sich auf das Dschungelcamp mit Schweineschädel und rohem Tintenfisch vorbereiten. Alles nur Ablenkung, der Ekelfraß dient eigentlich nur der Belustigung der Zuschauer. Wer vor dem Umstyling rausfliegt, entscheidet ein Quiz. Malin und Julien verlassen die Show, Sven ist das ziemlich egal, er hat andere Sorgen: "Jetzt werd ich selbst ein Fuckboy!" Was das ist, interessiert immer noch niemanden.

Von "Germany’s Next Topmodel" zu "Beauty & the Nerd"

Vielleicht kann es ihm Thomas Rath verraten, bekannt und berüchtigt aus "Germany’s Next Topmodel", einer Show, die schon junge Menschen bloßgestellt hat, als die "Nerds" noch nicht einmal wussten, wie man sich die Gesundheitssandalen schnürt.

Er leitet das Umstyling, das in der Narration von "Beauty & the Nerd" natürlich viel mehr ist. Therapie, Neuanfang, der Aufbruch in ein sorgenfreies, weil endlich auf den Körper reduziertes Leben! Elias ist als Erstes dran. Thomas Rath schlussfolgert sofort: "Er will gar nicht Elias sein. Er ist eine andere Person."

Doch Heidi Klums Anhängsel ist noch fertig. "Du bist ein Nerd. Dann spielt du auch viele Computerspiele." "Verschlossen bist du auch." So viel Menschenkenntnis hinter so viel gebleachten Zähnen. Elias sagt nur: "Es hat mich nie gestört, ein Nerd zu sein." Was aber irrelevant ist, weil es in dieser Folge von "Beauty & the Nerd" vor allem darum geht, was Rath stört.

"Ich will den Elias sehen", sagt er. "Den wollen wir jetzt mal stylen." Was in seiner Welt offenbar dasselbe ist. Irgendwann hat ihn der Mode-Experte dann soweit. Mit Computerspielen bekommt man keine Frau, argumentiert er. Und dafür würde Elias "alles hergeben". Sogar die eigene Persönlichkeit.

"Ich fühl mich wie neugeboren"

Ähnlich läuft es bei Illya ab. "Ich fühle mich ganz okay, aber für die anderen halt nicht", sagt er. Was das Dilemma auf den Punkt bringt. Denn was er will, interessiert in dieser Show nun wirklich niemanden.

Deswegen sitzt er trotz vorigem Protest mit Reflektoren in der Sonne, weil "Weiß geht gar nicht", so Rath. Hautkrebs auch nicht, aber der Rath will, was der Rath begehrt. Außerdem hat er schnell Illyas wunden Punkt entdeckt. Der ist in seine "Beauty" verliebt und gesteht: "Ich seh als einzige Chance Kim zu gewinnen das Make-over." Wer wünscht sich nicht eine Frau, deren einziges Auswahlkriterium die Frisur auf dem Kopf ist.

Wenig später stolpern beide, so wie Rath sie schuf, die Treppe der Villa herunter. Elias mit Mütze, Weste und Fliege, wie sich ein Modeexperte eben einen schicken Nerd vorstellt, Illya als BWL-Student auf Landgang im Hochwasser-Anzug und mit Helmut-Kohl-Brille auf der Nase. Sie drehen und wenden sich, Kim reißt den Mund auf und staunt: "Siehst voll gut aus!" Doch irgendwie wirkt das eher wie der Moment, in dem Tine Wittler in "Einsatz in vier Wänden" den Familien den immer gleichen Ikea-Alptraum präsentierte, vom dem klar war, dass er unter echten Lebensbedingungen keine zwei Stunden durchhalten würde.

Die Jetzt-nicht-mehr-Nerds sagen trotzdem ihr Sprüchlein auf: "Ich fühl mich wie neugeboren!" Von Individualität keine Spur mehr. Fehlen nur die Muskeln und ein paar Tattoos mit falsch geschriebenen Kalendersprüchen, um wie alle anderen in dieser Art Show auszusehen. Ob sie das glücklich macht? Wahrscheinlich nicht. Aber darum ging es in "Beauty & the Klon", Pardon, "Beauty & the Nerd" sowieso nie.

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