Beit Sahur (dpa) - Team Löwe liegt in Führung gegen Team Nutella. Eine palästinensische Schülerin kniet vor der kleinen dunkelgrünen Tafel und malt einen Tierkörper, die anderen raten auf Deutsch. "Pferd!" Ein langer Kreidestrich führt vom Körper zu einem ovalen Kopf. "Giraffe!" Zwei zu Null für die Löwen.

Die Vokabeln gehen den Sechstklässlern leicht über die Lippen; an der Evangelisch-Lutherischen Schule in Beit Sahur bei Bethlehem lernen sie ab der dritten Klasse Deutsch. An diesem Mittwoch ist aber kein normaler Unterrichtstag: Der Bibliobus ist da, und deshalb klinken sich nacheinander je drei Schüler aus dem Montagsmaler-Wettbewerb aus, um im Bus ein Buch auszuleihen.

Der Name lässt es schon erahnen: Der Bibliobus ist eine rollende Bibliothek. In dem umgebauten Kleintransporter sind 1500 Bücher, CDs und DVDs unterwegs durch die Palästinensergebiete. Besonders ärmere Familien sind in den besetzten Gebieten nicht mobil. "Als wir angefangen haben, in unserer Bibliothek mehr mit Kindern zu arbeiten, haben wir gemerkt: Viele können gar nicht zu uns kommen", sagt Laura Hartz, die das Goethe-Institut in Ramallah leitet. "Deshalb hatten wir die Idee, zu ihnen zu fahren." Ihr Institut bildet zusammen mit dem Institut Francais ein Deutsch-Französisches Kulturzentrum, die Kooperation in Ramallah ist weltweit einzigartig.

Seit 2010 bringt der gemeinsame Bibliobus deutsche und französischsprachige Medien zu den Kindern im Westjordanland, während der Sommerferien tourt er durch den Gazastreifen. Dort ist der Bus so beliebt, dass die lokale Qattan-Stiftung bereits einen eigenen Bus angeschafft hat. Während des Schuljahrs besucht der Bibliobus regelmäßig etwa 2300 Kinder in zwölf Städten - in vielen Schulen fehlt es an eigenen Büchern. Für den Bus ist Sophie Ataya verantwortlich, meist gemeinsam mit einer Praktikantin. Die 22-Jährige spielt Spiele mit den Schülern, organisiert die Ausleihe, lenkt den Bus souverän durch die manchmal chaotischen Straßen.

"Wir haben glücklicherweise ein Diplomatenkennzeichen", sagt Ataya. Ab und zu werde sie dennoch an den Checkpoints der israelischen Armee aufgehalten. Kontrollen und gesperrte Straßen seien Teil der täglichen Herausforderungen, sagt Goethe-Institutsleiterin Hartz. "Wenn sich zum Beispiel in Ost-Jerusalem die Situation verschärft hat, müssen wir nachfragen, ob es dort überhaupt sicher ist und ob der Unterricht stattfindet."

Solche Situationen sind allerdings die Ausnahme. "Der Bibliobus kommt seit zwei Jahren zu uns", sagt Nevin Jaraysa, die an der Evangelisch-Lutherischen Schule in Beit Sahur unterrichtet. "Seitdem sind die Kinder motivierter zu lesen, obwohl sie nicht alles können." Auch Laura Hartz sagt: "Lehrer berichten uns immer wieder, dass manche Schüler nur Deutsch gewählt haben, damit sie zum Bibliobus gehen dürfen."

Dabei sind die Aktivitäten, in denen spielerisch Deutschkenntnisse vermittelt werden, fester Bestandteil. Nachdem die Klasse zu Beginn der Stunde einen Kreis gebildet hat, sagt Ataya: "Ich heiße Sophie, ich bin 22 Jahre alt und ich wohne in Ramallah." Dabei hält sie einen Ball, den sie an den nächsten Schüler weiter wirft, der sich wiederum vorstellt. Oft spielt sie Tabu oder Montagsmaler, manchmal gibt es ein besonderes Programm: Im Januar waren eine deutsche und eine palästinensische Geschichtenerzählerin mit ihren Märchen im Bibliobus unterwegs.

Sophie Ataya achtet darauf, dass sie immer Lesestoff passend zum Niveau der Schüler mitbringt. "Beit Sahur ist eine Privatschule, die sind schon recht weit", sagt sie. Immer hoch im Kurs sind Bücher über Fußball. Besonderes Aufsehen erregen einige Bücher im obersten Regal: Kichernd beugen sich einige Fünftklässler über die Illustrationen von Büchern wie "Wachsen und Erwachsen werden". Aufklärungsbücher gelten als "haram", schlecht, das gilt auch für die mehrheitlich christlichen Schüler in Beit Sahur.

"Die Themen sind bewusst breit gestreut: Wir haben immer Sachbücher, aber auch Geschichten", sagt Laura Hartz vom Goethe-Institut. "Und wir haben neben Büchern auch neue Medien an Bord, um uns an die Freizeitgewohnheiten der Kinder anzupassen." Deshalb wünscht sich Hartz auch eine Leinwand für den Bus, um ihn als mobiles Kino nutzen zu können. Die Basis sollen aber weiterhin die Schulbesuche sein. "Solange der Bus rollt, rollt er, und wir versuchen so viel wie möglich damit zu machen."  © dpa